Goli Otok

Kroatischer Abend Kolumne

Und auch dies ist einmal einer der dunklen Orte der Erde gewesen. Jener dunklen Orte, die ihr Geheimnis hinter geschäftigem Treiben verbergen. Die kroatische Adriainsel Rab.

Badebetrieb. Menschen in Badekostümen und Sonnenhüten. Menschen am Strand. Mit Eiswaffeln gegen die Langeweile. Menschen in Fischrestaurants. Die unerträgliche Leere des Müßiggangs. Quengelnde Kinder. Bunte Buden mit allerlei Tand. Auch diese zwei Wochen des Jahres wollen bestanden werden.

Das Ausflugsschiff mit Glasboden verspricht Delphine. Doch kein Delphin ist in Sicht. Kein einziger exotischer Fisch. So verlieren die Kinder schnell das Interesse. Dafür erklärt ein junger Mann den ausländischen Passagieren mit Hilfe einer Landkarte, wohin diese Reise eigentlich geht. Wir nähern uns nämlich der Insel Goli Otok, der kahlen, nackten, einer im früheren Jugoslawien berühmt-berüchtigten Gefängnisinsel. Heiß ist es auf dem überfüllten Schiff, die vorüber ziehende Landschaft karg und baumlos, die zahllosen kleinen Inseln verkarstet, der sengenden Sonne schutzlos ausgeliefert. Hier, auf dieser schmalen Felsenzunge, war einst das Frauengefängnis, erklärt der junge Mann, in den ersten Jahren des Tito-Regimes wurden hier unter primitivsten Bedingungen hunderte von Frauen gefangen gehalten wie Tiere. Politische Gefangene seien sie gewesen. Mehr weiß er nicht oder will er nicht sagen. Aus riesigen Boxen plärrt Balkanpop zu seinen munteren Reden, und immer noch weit und breit kein Delphin. Dafür, plötzlich, wie aus dem Nichts, ein vollkommen begrünter Küstenstreifen. Wer hat den Stein zum Blühen gebracht?

Sie wussten nicht, sagt der junge Mann, was sie mit all den Gefangenen anfangen sollten, also sind sie auf die Idee gekommen, den Fels zu begrünen. Die Fabriken bauten sie erst später. Als die richtigen Kriminellen kamen. Und die Politischen? Er zuckt mit den Achseln. Die gab es später nicht mehr, sagt er vage.

Von den Delphinen spricht nach gut anderthalbstündiger Fahrt niemand mehr. Ziel unserer Reise ist nun die Gefängnisinsel Goli Otok. Eine Stunde Aufenthalt. Möglichkeit zum Baden und zur Besichtigung des ehemaligen Gefängnisses.

Menschen in Badekostümen stürmen von Bord. Ein stämmiger Mann in den Vierzigern mit Strohhut hat eine Angelrute geschultert. Geschrei. Musik.

Musik auf dem Schiff und Musik in dem improvisierten Strandlokal direkt an der Anlegestelle. Hier gibt es Pommes frites und Wiener Schnitzel. Eis und Bier. Die langen Holztische sind bis auf den letzten Platz besetzt: das ist die dritte Möglichkeit, sich eine Stunde lang die Zeit zu vertreiben. Essen und Trinken, wie überall so auch hier.

Unterm blauen Himmel ist Mitternacht.

Und auch dies ist einmal einer der dunklen Orte der Erde gewesen.

Dass hier einmal Menschen eingesperrt waren, ist bei fröhlicher Musik und eisgekühlten Getränken so wenig vorstellbar, dass man niemandem seine mangelnde Phantasie ernsthaft vorwerfen könnte. Um dieser aber dennoch auf die Sprünge zu helfen, haben zwei junge Burschen einen Andenkenstand improvisiert. Häftlinge mit Kugeln am Fuß: Erinnerung an Goli Otok. T-Shirts mit witzigen Sprüchen. Wandreliefs, Postkarten: auch ich war auf Goli Otok.

Auch ich war auf Goli Otok und habe, wie ein Faltblatt in deutscher Sprache empfiehlt, den Strand und das Lager besucht.

Auch ich bin in der brütenden Hitze die steile Anhöhe hinaufgelaufen und bin ziellos und ohne Führer in den Baracken umhergeirrt. Gemeinsam mit blondgefärbten Slawinnen in knappen Bikinis und schnaufenden älteren Herren. Den Strand und das Lager.

An das Leben und die Verneinung des Lebens auf Goli Otok erinnern die nackten Pin-ups aus einschlägigen Herrenmagazinen an den bröckelnden Wänden der Baracken. An einsame, unweigerlich verrohende Männer, die Tag und Nacht nur dem Rauschen des Meeres und den Schreien der Möwen ausgesetzt waren.

Aber sie hatten Bäume vor Augen, die späteren Häftlinge, die richtigen Kriminellen. Bäume, die jene vor ihnen dem nackten, geschichtslosen Stein abgerungen hatten. Wie tief sie graben mussten, steht aber nirgendwo geschrieben. Das Meer hat das Blut verschluckt, die sengende Sonne die Erinnerung zu Asche verbrannt. Und deshalb läuft sie inmitten geschäftigen Treibens Gefahr, fast schon nicht mehr wahr zu sein. Unscharf, verdächtig, dass es dem Besucher nicht gelingen will, einen Zusammenhang herzustellen zwischen seinem Badevergnügen und der Idee der Folter. Wanzenschwärme. Fäkalienlöcher. Auf dieser Insel aus Stein häufte man Steine auf lebendige Menschen bis sie sich nicht mehr regten. Man kann beim Gehen einen Stein aufheben und eine Weile in der Hand herumdrehen. Er will aber partout nicht sprechen. Vielleicht muss es dazu erst Abend werden. Vielleicht wollen die Toten einfach in Ruhe gelassen werden.


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00:00 07.10.2005

Ausgabe 39/2020

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