Goodbye Ossi

Generation Ost Die letzten Kinder der DDR blicken ohne Scheu zurück. Sie unterscheiden genau zwischen den Vor- und Nachteilen beider Systeme und trotzen den Klischees

Die Erinnerung an die Kindheit wird gerne geschönt, weil die Wahrheit sehr belastend sein könnte. Mit dem Verweis, dass die Eltern schon ihr Bestes gegeben hätten oder die Verhältnisse halt so waren, wird emotionale Erschütterung vermieden. Und mit der Feststellung, man habe nichts Schlimmes erleben müssen, man sei gut versorgt und nie geschlagen worden und überhaupt habe man viele gute Erinnerungen, werden gerne Erfahrungen verleugnet. Etwa jene, die die Frage stellen, ob man wirklich mit seinen Möglichkeiten und Grenzen, mit seinen einmaligen Eigenschaften erkannt und bestätigt worden ist, ob wirklich liebende Zuwendung erfahren wurde oder wie sehr man sich an Erwartungen, Normen und vermittelte Werte anpassen musste. Die Entfremdung eines Menschen, die ihn später unglücklich werden lässt, geschieht viel häufiger suggestiv und manipulativ als durch grobe Gewalt und autoritären Zwang

Wie Menschen als Erwachsene die Gesellschaft gestalten, hat immer auch etwas mit ihrer frühen Beeinflussung zu tun. So wird man das individuell so verschiedene Erleben und Handeln von Menschen untersuchen und verstehen müssen, aber eben auch, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Normen und Werte von einer Mehrheit der Bevölkerung ausgestaltet und getragen werden. In einer Demokratie etwa werden die freiheitlichen Möglichkeiten schnell durch psychosoziale Prägungen begrenzt oder durch den Arbeitsmarkt oder durch Mode und sozialen Status, um unbedingt dazuzugehören und Ansehen zu erfahren.

Wertvolle Unterschiede

Einige der Protokolle dieser Doppelseite deuten es an: Der Untergang der DDR wurde von vielen als Verlust erlebt, nicht weil man dem politischen System nachtrauerte – das gab es natürlich auch –, sondern weil die psychosoziale Passung verloren ging. In der DDR wurden wir immer wieder auf soziale Ungerechtigkeit aufmerksam gemacht, natürlich ideologisch eingefärbt: als Folge von Kapitalismus und Imperialismus mit dem Verweis auf die Vorteile des Sozialismus. Die ideologische Lüge haben viele durchschaut, aber die Auseinandersetzung mit „Ungerechtigkeit“ fiel insofern auf fruchtbaren Boden, als eine subjektiv erlebte Kränkung, Verletzung, Benachteiligung vom persönlichen Leid auf eine entferntere Not ab­gelenkt werden konnte. Die ­Sensibilisierung für soziale Gerechtigkeit hat sehr dazu beigetragen, dass viele DDR-Bürger in der ersehnten Freiheit nicht wirklich glücklich wurden. Ihre individuelle Kränkung wurde nicht gestillt, zugleich entlarvte sich für sie schnell die westliche Gesellschaft mit ihren schreienden Ungerechtigkeiten, gegen die auch ein Rechtsstaat wenig hilft.

Es ist richtig, die Menschen weniger nach Ost und West zu beurteilen als nach ihren individuellen Charakteren und den spezifischen Milieus, aus denen sie stammen. Ich teile aber nicht den immer noch verbreiteten Ärger über mitunter betonte Unterschiede zwischen Ost- und Westsozialisationen. Es gibt solche Unterschiede, die sich in unterschiedlichen Verhaltenstendenzen, im Wahrnehmen und Erleben ausdrücken und statistisch belegt sind. Ich lege Wert auf solche Unterschiede zwischen Ost und West, die im Umgang mit Geld, Besitz, Status, Geltung, Neid, Gier, sozialen Beziehungen und Lebensformen häufig deutlich werden und das Zusammenspiel individuell-familiärer und gesellschaftlich-ökonomischer Prägung verständlich machen.

Demgegenüber kann Gleichmacherei zwischen Ossis und Wessis dazu führen, dass die unterschiedlichen Vor- und Nachteile von sozialistischen und kapitalistischen Sozialisationen zugunsten primitiver Schwarz-Weiß-Malerei verleugnet werden. Das subjektive Erleben orientiert sich meistens nicht an politischen Strukturen, sondern vielmehr an der Qualität der persönlichen Beziehungen – und die waren in der DDR für viele Menschen gar nicht so schlecht. Aber Defizite und Verletzungen in den privaten Beziehungen werden gerne projektiv abgewehrt und dann auf die äußeren Verhältnisse geschoben – überall auf der Welt. Und jede schlechte Politik bietet auch Anlass, die notwendige Kritik mit Projektion zu beladen. Der Schlachtruf: „Wir sind das Volk!“ war ein kollektiver Versuch, die Projektionen zurückzunehmen, bis sie im mehrheitlichen Ruf: „Wir sind ein Volk!“ wieder hoffnungsvoll etabliert wurden. Der Fehler wurde bald in bitterer Ironie: „Wir sind ein Volk – wir auch!“ korrigiert, aber nicht mehr politisch wirksam.

Auch das klingt in den Protokollen an. Sie erwähnen wichtige Unterschiede, etwa die Bedeutung des Materiellen, den Umgang mit Kindern, das Wuchern der Bürokratie. Wer heute Vorteile im Leben der DDR erkennt, wird oft verhöhnt – Politiker greifen häufig sofort zur Keule: Unrechtsstaat, Maueropfer, politische Verfolgung, Unfreiheit – als wenn damit das Leben in der DDR umfassend charakterisiert wäre. Dass Deutschland aus den zwei verschiedenen Systemen nicht zu einem Dritten gefunden hat, in dem Vor- und Nachteile beider Gesellschaftsformen kritisch analysiert und integriert werden, ist vor allem ein Symptom der offenbar notwendigen westdeutschen Verleugnung von Wahrheiten mit verdrängungspflichtiger Selbstidealisierung. Dabei ist „alternativlos“ immer falsch, und Mehrheitsentscheidungen müssen der Wahrheit nicht immer näher sein, sondern können auch Ausdruck eines kollektiven Irrtums sein.

Aus dem Heimatverlust wächst Stärke

Viele Angehörige der hier Vorgestellten haben das Scheitern erlebt und integriert. In der Tat gehört für viele Menschen in der DDR Demut, Bescheidenheit und vor allem das Bewusstsein von Begrenzung zu den prägenden Erfahrungen. Die konnten eine neurotische Gehemmtheit bewirken, aber eben auch die Grundlage für eine realistischere Weltsicht bilden, als es der wahnwitzige Wachstumsglaube vermittelt, der nur die Suchtstruktur als Folge frühen narzisstischen Mangels zum Ausdruck bringt. Wenn Freiheit zu einer unbegrenzten äußeren Wachstumsillusion führt, sind wir Zeuge und Beteiligte an einer kollektiven Fehlentwicklung, die dazu dienen soll, beziehungsdynamische Defizite auszugleichen. Die Wachstumsidee ist am Ende tödlich, das zeigen Klima-Katastrophe, Umweltzerstörung und die Gefahr durch Atomkraft. Ostdeutsche könnten dagegen heute schon zeigen, dass auch in bescheideneren Verhältnissen gutes Leben möglich ist.

Eine der Interviewten macht deutlich, dass ostdeutsche Frauen selbstverständlich berufstätig waren und die Kinderbetreuung formal gut organisiert war. Aber leider war die Not der Kinder mit den Folgen für ihre Entwicklung bei zu früher Trennung von der Mutter kein diskussionswertes Thema. In beiden Systemen wurde und wird die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung nicht ausreichend gewürdigt und in der Lebensform berücksichtigt. Egoistisch-materielle Werte sind das Spiegelbild einer Leistungs- und Wachstumsgesellschaft, und dadurch emotional mangelhaft versorgte Kinder werden später noch mehr äußere Werte brauchen, um ihre unbefriedigte Bedürfnis-Spannung notdürftig zu beruhigen.

Auch der Heimatverlust wird von vielen Ostdeutschen geteilt, ebenso die erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Aber in dieser Stärke kann auch eine Schwäche verborgen sein. Im Grunde kann die wirkliche Heimat nur als innerseelische Identität erfahren werden: Nur in mir selbst kann ich wirklich zu Hause sein. Und die Anpassungsfähigkeit kann auf Kosten der Identität und Würde überzogen werden und damit kritisches Protestieren und konstruktives Abgrenzen und selbstständiges Handeln verhindern – was ebenfalls vielen Ostdeutschen passiert ist. Damit findet man aber keine Ruhe. So darf der Wunsch, sich zu beheimaten – sich in sich selbst zu beheimaten – und aufgenötigte Entfremdung zu überwinden, als eine starke Kraft für gesellschaftliche Veränderungen gegen den Zeitgeist, ökonomische Zwänge und politische Fehlentscheidungen gewürdigt werden.

Damit emanzipieren sie sich von ihren Eltern

Hans-Joachim Maaz, 68, ist Psychiater, Psychoanalytiker und Autor. In vielfältigen Analysen hat er sich mit den seelischen Folgen der deutschen Einheit beschäftigt. Er arbeitete bis 2008 als Chefarzt im Evangelischen Diakoniewerk Halle

Vom 8.-10. Juli 2011 findet im Collegium Hungaricum Berlin das erste Treffen des Projekts statt.

Eine Anmeldung ist nicht mehr möglich, aber am 9. Juli diskutieren und lesen dort im Rahmen des öffentlichen Abends "Wendekinder in Europa" um 20 Uhr Léda Forgó, Gyoergy Dragoman und Robert Ide, Moderation: Gabriella Gönczy. Anschließend Party: esquilaxxx (dj/so pony) und kat lanoe (vj). Außen und im CHB werden Filme von Dörte Grimm und Hans Sparschuh sowie die multimediale Performance Projektionen einer Utopie durch die Kamera in sieben Videos von Katharina Groß gezeigt.
08:00 07.07.2011

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