Gott ist Gott

Der Tod Dein Mund ist ungewöhnlich ernst. Auf deiner Stirn bilden sich kleine Wasserperlen, ein Tropfen läuft in Zeitlupe von der Schläfe. Bevor er im ...

Dein Mund ist ungewöhnlich ernst. Auf deiner Stirn bilden sich kleine Wasserperlen, ein Tropfen läuft in Zeitlupe von der Schläfe. Bevor er im Haaransatz verschwindet, erwische ich ihn mit meinem zerknüllten Papiertuch. So dunkles Haar hattest du sonst nicht, ein tiefes Schwarz, wie Schuhcreme. Wie haben sie das gemacht? Dein Halstuch passt auch nicht zu dir, lila und rosa, ein Geschenk deiner Tochter Alena.

Alena hatte heute Konfirmation, sie konnte lächeln. Alle waren erst in der Kirche, dann sind wir zu dir in die Leichenhalle gefahren, das war praktisch so. Deine Tochter weigert sich nun, aus dem Auto auszusteigen. Aber deine sibirische Mutter steht neben dir. Das umhäkelte Taschentuch vor den Mund gepresst, stößt sie Beschwörungen, Klagen aus. Ich beobachte die Tropfen auf deinem Gesicht. Da dürften eigentlich keine sein. Aus den Ärmeln deiner viel zu großen Jacke ragen durchsichtige, gelbe Hände. Die Fingerknochen reihen sich wie Perlen aneinander. Du hältst einen albernen Plastikstrauß fest, jetzt musst du sie machen lassen. Aus, vorbei! Gleich kommst du wieder in dieses kalte, viereckige Loch hinter der Metalltür.

Es ist eine Niederlage, keine Erlösung. Ich hatte dir gehorcht, sterben ist etwas für schwache Menschen, die sterben wollen. Die anderen kommen durch.

Die Liste deiner Maßnahmen, den Tod auf Abstand zu halten war lang. Zwischendurch hattest du Zeit zu leben und ins Kino zu gehen. Du warst die Einzige, die bei dem russischen Dokumentarfilm mit polnischen Untertiteln die derben Witze verstand. Die Sitzreihe bebte unter deinem Lachen, nach Luft ringend hingst du über der Sessellehne. Du gingst auch schwimmen, obwohl du es nie richtig gelernt hast. In deiner staubigen und trockenen Heimat gab es keinen Schwimmunterricht. Mit Hundepaddeln hast du dich auch in tiefe Gewässer getraut, schwimmen ist gesund!

Ich hoffte, dass dich dein Eigensinn rettet. Ich hätte dann gewusst was ich machen muss, wenn die Sache mich erwischt. Und nun?

Du warst der Schrecken aller Schwestern. Auf dem kalten Fußboden hattest du weniger Schmerzen, also lagst du in ein Laken gewickelt auf dem grünen Linoleum neben deinem Krankenhausbett. Einmal kam ein Pastor und hat dich gesegnet. Für deinen unterwürfigen Blick in seine Richtung habe ich dich verachtet. "Gott ist Gott" hattest du mal gesagt und die kirchlichen Vorschriften sehr großzügig für dich ausgelegt. Evangelisch oder orthodox, alles ist gleich.

Aber als die teure, geschmuggelte Medizin aus Moskau nichts mehr half, die selbst gebraute Fliegenpilztinktur und der Wasserreiniger sinnlos wurden, da bist du schwach geworden. Du hast einen Pastor glücklich gemacht, er durfte dich taufen, mir hast du lieber nichts davon erzählt. Als von deiner Kirchengruppe die Aufforderung kam, dich auf den kommenden Tod vorzubereiten, wolltest du wieder austreten. Zuhause hattest du die Lage im Griff, mit Wolldecke wohntest du in der Sofaecke und gabst Anweisungen. Meine Geschenke wurden achtlos zur Seite geworfen. Ohne die Möglichkeit zum Gegengeschenk wolltest du nichts mehr annehmen. Ich fragte dich: "Wenn du das alles gewusst hättest, wärst du dann auch nach Deutschland gekommen?" Du warst empört: "Sicher, alles war richtig so, mein Weg!"

Deine Mutter trug deine Bettpfanne weg und ich tarnte meinen Würgereiz hinter Hustenanfällen. Mir fiel nichts mehr ein und ich ging, ängstlich darauf bedacht, diesem Geruch nicht zu nahe zu kommen. Ich gönnte mir einige Tage Pause und du starbst.

Deine Tochter weigert sich immer noch aus dem Auto zu steigen und du bekommst einen Kuss von deinem geschiedenen Mann, zu spät. Deine Mutter hat sich für diesen Tag schwarze Kleidung geliehen, sie spannt über den Hüften. Eigentlich war sie gekommen, um dich gesund zu pflegen. Am Abend steht sie neben dampfenden Töpfen in deiner Küche und formt Berge von akkuraten Pelmenies. Sie schmecken nach Sibirien, nach klarer Luft, Kiefernnadeln, Holzfeuer und nach Trost.

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00:00 01.11.2002

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