Gott will es

Geschichtsexkurs aus gegebenem Anlass Heilsversprechen und Machtansprüche monotheistischer Religionen waren bis heute immer wieder mit Gewalt und Grausamkeit verbunden

Wie tief das Erschrecken über die verbrecherischen Anschläge in den USA reicht, ist schwer zu sagen. Die Versuche, das Geschehen zu verstehen oder gar zu erklären, sind jedenfalls oft recht oberflächlich. Einigen gelingt es in ihrem "westlichen" Furor sogar, die Begriffe von Ursache und Wirkung als "fundamentale Prinzipien des abendländischen Denkens" zu beanspruchen, so als ob diese vermeintlich exklusiv "abendländische" Unterscheidung keinen festen Platz hätte in den einige tausend Jahre älteren Vorbildern in China, Indien und Arabien. Andere kommen in ihren Erklärungen über die Trivialität nicht hinaus, man müsse angesichts solcher Verbrechen zwischen dem "guten" Islam als Religion und dem "bösen" Islamismus als einer politischen Ideologie unterscheiden, um den "Durchblick" zu behalten. Der common sense rät damit nur, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Aber man kommt wohl weiter, wenn man fragt, wie viele Kinder denn im gleichen Bad sitzen. Und dann stellen sich ganz andere Fragen. Gibt es vielleicht bei allen monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) eine Verwandtschaft mit mörderischen Dichotomien wie "gut"/"böse", mit granitenen Gewissheiten aus Gottvertrauen? Und sind nicht alle monotheistischen Religionen von ihrer Struktur und Funktionsweise her ausgesprochen indifferent gegenüber ganz profanen politischen Zwecken? Der Glaube an einen einzigen Gott und eine einzige Wahrheit verbürgt den Gläubigen Heilsgewissheit. Und was bedeutet das für die Un- und Andersgläubigen?

Himmlischer Lohn

Entgegen dem Vorurteil bildet die göttliche Rache kein durchgängiges Motiv im Alten Testament. Der Begriff erscheint lediglich an einem guten Dutzend Stellen. Die haben es freilich in sich. Für "die Zeit ihres Unglücks" schleudert Gott den Sündern den Satz ins Gesicht: "Die Rache ist mein; ich will vergelten" (5. Mose 32,35). Freilich kann Gott selbst dem Brudermörder Kain Gnade widerfahren lassen und ihm ein Mal auf die Stirn einprägen, "daß niemand ihn erschlüge, wer ihn fände" (1. Mose 4,15). Die Spannung zwischen göttlicher Gnade für den Mörder und mörderischer Rache im usurpierten Namen Gottes, des Glaubens, der Wahrheit und des Heils ist in der praktischen Anwendung der Lehre unaufhebbar. Immer gibt Gottesglaube dem Gläubigen einen Blankoscheck für das notorisch gute Gewissen nach der vermeintlich gottgefälligen Tat: "Wer immer zu mir sich bekannt, zu dem werde ich mich bekennen" (Matthäus 10, 32).

An der Geschichte des Christentums ist die Beziehung zwischen Gnade und Rache exemplarisch zu belegen. Zur Zeit der Christenverfolgung genossen Märtyrer für ihr Gott und dem Glauben dargebrachtes Opfer hohes Ansehen. Mit der Bluttaufe winkte ihnen himmlischer Lohn. Ihr Todestag erhielt einen Platz im kirchlichen Kalender und wurde zu ihrem Geburtstag im Jenseits. Während es die frühen Kirchenlehrer Tertullian und Laktanz noch ganz selbstverständlich als unchristlich ablehnten, jemanden zum Glauben oder zum Beitritt zur Kirche zu zwingen, bröckelte diese Lehre ziemlich schnell ab, nachdem das Christentum unter Kaiser Konstantin (306-337) zur Staatsreligion geworden war, 600 Anhänger eines spanischen Predigers wurden in Trier im Namen der Rechtgläubigkeit hingerichtet.

Papst Leo I. ließ 447 verlauten, wer Ketzer am Leben lasse, befördere das schnelle Ende der menschlichen und göttlichen Ordnung. Der Staat bemächtigte sich im Gegenzug aus der kirchlichen Lehre jener Elemente, die sich mühelos zur ideologischen Absicherung politischer Macht umformen ließen. Das messianische Element der Bibel verwandelte sich zum Modell für das bevorstehende Idealkaisertum. Das von Präsident Bush zeitweise erwogene, mittlerweile aufgegebene Codewort "unendliche Gerechtigkeit" für den "Kreuzzug" gegen den Terrorismus verweist, indem es das Gott zugeschriebene Prädikat "unendlich" für restlos irdische Vergeltung beansprucht, auf die Verwandtschaft von messianischen Heilsversprechen und ideologischen Machtansprüchen.

Taufe oder Tod

Augustinus (354-430) schwankte in der Frage, wie man mit Ketzern verfahren sollte. Er befürwortete begrenzte Gewalt gegen Bekehrungsunwillige, verbot aber, diese zu töten. Kerker, Enteignung und Verbannung hielt er jedoch für angemessene Strafen. Eine in seinem Sinne ketzerische Gruppe verglich Augustinus rundweg mit Schweinen.

Während das frühe und das karolingische Mittelalter Ketzer, Heiden und Juden relativ mild behandelte, radikalisierten Theologen, Kirchen und weltliche Herrscher ihren Kampf gegen Häresie im Hoch- und Spätmittelalter. Unter der Parole "Taufe oder Tod" rief der Heilige Bernhard von Clairvaux 1147 zum Kreuzzug gegen die heidnischen Wenden auf. Die "Internationale des Hasses" (Arno Borst) mordete im Namen des Evangeliums und der Nächstenliebe in Europa und im Vorderen Orient mit der päpstlich rückversicherten Gewissheit im Kopf "Gott will es." Noch fast 300 Jahre später meinte der spanische Bischof Andreas Escobar: "Jeder Krieg von Christen gegen Heiden ist gerecht und heilig und verdienstvoll" (iusta et sancta et meritoria). Thomas von Aquin (1224/25-1274) deduzierte aus der Bibel und den kanonischen Texten mit messerscharfer Logik, dass der Ungläubige "mit körperlichen Mitteln" bekämpft und in schweren Fällen mit dem Tod bestraft werden müsse. Wenn Falschmünzer den Tod verdienten, so erst recht Häretiker, denn im Unterschied zu jenen vergriffen sich diese nicht an Zeitlichem, sondern am ewigen Glauben.

Bereits 1224 führte Friedrich II. für Ketzer die Strafe durch Verbrennen ein: "Wir wollen es nicht dulden, daß Übeltäter am Leben bleiben." Theologen lieferten die Rechtfertigung dafür, indem sie das biblische Gleichnis von Weizen und Unkraut (Matth. 13, 24 ff.) ins Gegenteil verkehrten und Matthäus´ tolerante Haltung als Aufforderung interpretierten, "die offenbaren Ketzer... von der Kirche mit beiden Schwertern" abzutrennen, das heißt im Zusammenspiel von kirchlicher und weltlicher Macht. Einen ersten Höhepunkt erreichte das glaubensstarke Massenmorden an Ungläubigen zur Zeit der Inquisition in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, nachdem Papst Innozenz IV. 1252 erlaubt hatte, die vermeintlichen Ketzer zu foltern. Formal verliefen die "Prozesse" korrekt, außer dass die Dominikaner als Ankläger und Richter zugleich auftraten. Die Kleriker machten sich die Hände insofern nicht blutig, als sie die Urteilsvollstreckung den weltlichen Herrschern überließen. Rund eine Million Opfer forderte der kirchlich-weltliche Feldzug gegen Hexen, der 1275 in Toulouse begann und 1793 mit der Verbrennung der letzten als Hexe beschuldigten Frau in Posen endete.

Die Deutschen Christen

Einigermaßen befremdlich wirkt, wie Joseph Kardinal Ratzinger diese mörderische Praxis darstellte, als er vor einem Jahr in Rom das Archiv der Glaubenskongregation öffnete. Erstens sei die Hexenverfolgung "ein nordisches Phänomen" gewesen, zweitens habe "das Heilige Offizium eine Prozessordnung erlassen, die Todesurteile in dieser Materie praktisch ausgeschlossen" habe, aber - drittens - sei "leider dieser Ordnung nördlich der Alpen der Erfolg versagt" geblieben. Im Übrigen erkannte der Kardinal im kirchlich angestifteten Massenmord "die Menschlichkeit der Kirche ... in dem doppelten Sinn der Schwachheit des Versagens und der Fehlbarkeit, aber auch des guten Willens und des Mühens um Gerechtigkeit". Ins Deutsche übersetzt sagt der Nachlassverwalter der Rechtgläubigkeit damit nur, "sorry, liebe Hexen, es war nicht so gemeint!"

Der Kirchenhistoriker Klaus Schreiner sieht in Martin Luthers Haltung zu den Juden "einen Traditionsbruch", denn Luther stellte die Juden auf eine Stufe mit Ketzern. 1546 rechtfertigte er, dass man Synagogen und Schulen, aber auch die Häuser von Juden ( "Schelme, Lügner, Bluthunde") anzündete und ihnen jeden rechtlichen Schutz entzog mit dem Hinweis, das alles geschehe "unserem Herrn und der Christenheit zu ehren". Calvin verteidigte 1553 die Verbrennung des spanischen Arztes und Theologen Michel Servet wegen dessen abweichender Meinung hinsichtlich theologischer Spitzfindigkeiten. Unter dem Druck der Kirche wurde der Adlige Jean-François La Barre so lange gefoltert, bis er gestand, gottlose Lieder gesungen, ein Kruzifix zerstört und bei einer Prozession den Hut aufbehalten zu haben. Zur Strafe für solche "Albernheiten" (Denis Diderot) schnitt man ihm in Frankreich - der "ältesten Tochter der Kirche" - 1766 zuerst die Zunge heraus und dann den Kopf ab, bevor der Restkörper verbrannt wurde.

Natürlich haben sich monotheistische Religionen vor allem seit der Aufklärung und durch die Aufklärung geändert. An deren Anfälligkeit für Heilsgewissheiten und exklusive Wahrheitsansprüche änderte das im Prinzip nichts. Bei religiös verbrämter Herrschaft verwandeln sich jene Gewissheiten und Wahrheitsansprüche schnell in ideologisch und politisch nicht mehr kontrollierbare Haltungen von mörderischer Selbstgerechtigkeit, gedeckt durch ausufernde Heilserwartungen und Heilsversprechen. Dieser Umschlag von mentalen Dispositionen in konkretes Handeln ist immer kompliziert, von vielerlei abhängig, aber nie ausgeschlossen. Die rasante Formierung der deutschen Christen wie der deutschen Physik nach 1933 belegt dies und verweist auf eine strukturell bedingte Anschlussfähigkeit wie Verfügbarkeit von Religion und Wissenschaft für beliebige politische Ideologien.

Der Rekurs auf die einfachen Wahrheiten und Gewissheiten der Religion lieferte in jüngster Zeit radikal-zionistischen Formationen die Legitimation für den Mord an Itzhak Rabin, und die fundamentalistischen katholischen und protestantischen Gruppen in Nordirland rechtfertigten den Bürgerkrieg mit religiösen und religiös drapierten Argumenten. - Für monotheistische Religionen gilt - wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß - "sie müssen alle mit ihrem Mittelalter fertig werden" (Hans Küng).

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00:00 02.11.2001

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