Götter, Priester und Betörte

Globetrotter In seinem Roman "Herr der Hörner" erweist sich Matthias Politycki vor allem als Herr der Klischees

Die deutsche Kritikergemeinde ist entzückt. Endlich ein Roman, der über den Tellerrand schaut, genauer: nach Kuba, Ziel kollektiver Sehnsucht nach Sonne, Salsa und Sex. Geschrieben von einem, der sich so richtig auskennt, schließlich hat er monatelang hart am Objekt recherchiert. Uyuyuyuy, wie da gleich auf den ersten Seiten die Post abgeht! Da wird der Held von einer schwarzen Schönen in den Hals gebissen, als er den Salsa tanzt. Es ist zwar die Salsa, aber egal, wer wird denn so pingelig sein, wo doch das Mädchen "in wundersam weichen Bewegungen sich wiegend" unseren Helden, Broder Broschkus mit Namen, einen fünfzigjährigen Bänker aus Hamburg, gleich verstand. So gut, dass dieser seine armselige Privatbank-Existenz nebst hanseatisch-kühler Gattin zum Teufel jagt.

Broschkus siedelt also um, nach Santiago de Cuba, um sie zu suchen, die schwarze Schöne. Als Nachbarn ihm dafür die Hilfe der Götter anbieten, sagt Broder nicht nein. Spätestens jetzt ist es Zeit, dass der kubanische Ehemann mitliest, damit er endlich die Wahrheit erfährt über sein Land und vor allem über die Santeros und Paleros, die Priester der auf Kuba weit verbreiteten, afrikanischen Kulte, die der Gatte seit Jahrzehnten frequentiert. Denn wer könnte diese Wahrheit besser erkunden, erfahren, erfühlen als ein deutscher Globetrotter? Ach ja, Matthias Politycki, so heißt er, Herr der Hörner sein Roman. Auf dem Sofa, die gut 700 Seiten auf dem Schoß, schnell geschnüffelt: Nein, der Ehemann hat ihn nicht, "den leichten Schweißgeruch der Männlichkeit", um den Broder die Kubaner so beneidet. Und warum der Ehemann sich wohl nach dieser Hitze sehnt? An die man sich doch nie gewöhnen kann, "dazu war man zu weiß, hatte man zu dünne Haut, zu schwache Poren."

Auch der Ehemann ist weiß. Aber für die Hitzeresistenz hat unser Globetrotter eine Erklärung. Die "Grausamkeit der Tropen" hat den Ehemann gestählt. Geodeterminismus, klar, hätte frau auch selbst drauf kommen können. Und um dem 19. Jahrhundert treu zu bleiben, nennt er Kubas Schwarze denn auch gleich Neger, mit der logischen Begründung, sie selbst nennten sich schließlich Negros. Zu dumm, dass sich der schwarze Kumpel des Ehemannes da gleich beleidigt fühlt. Und ganz nebenbei heißt Negro zu Deutsch Schwarzer, aber wir wollten ja nicht pingelig sein. Überhaupt der Kumpel, er hat nicht das geringste Verständnis für dichterische Freiheit: Ein Hurensohn, wer den Glauben seiner Ahnen mit Menschenopfern in Verbindung bringe! Man stelle sich vor, ein kubanischer Autor ziehe deutsche Christen solcher Praktiken, so der Kumpel. Als wenn das nicht etwas ganz anderes wäre!

Doch zurück auf das Sofa, zum kubanischen Ehemann. Selbiger schwört, er werde sämtliche Dienste am Staubsauger einstellen, um dem Klischee vom kubanischen Machisten näher zu kommen (unser Globetrotter spricht immer von Machos, doch Macho heißt nichts weiter als Mann, also nehmen wir mal an, er meint die kubanischen Machistas). Er verspricht zudem, künftig "die Kleidung dem kubanischen Geschmack entsprechend auszubeulen." Vor allem aber will er nicht länger jeden Tag zehn Stunden arbeiten, wie er es seit dem Studium in Kuba gewöhnt ist, sondern sich seinen Heiligen widmen, und um deren Durst nach Blut zu stillen, reihenweise Schweine, Hähne, Katzen, Hunde abstechen, wie es sich laut Globetrotter gehört, wenn man sich der Santería oder den Paleros verbunden fühlt. Und, ganz klar: ab jetzt jeden zweiten Tag Fiesta und, auch klar, Rum bis zum kotzen!

Künftig ist daheim also "Magie statt Logik, Ritual statt Suchmaschine, Geheimnis statt Dialektik" angesagt, wie es sich ziemt, wenn man aus einem Land stammt, in dem die Moderne "noch nicht einmal angebrochen". Macht auch Sinn für einen Ingenieur, der sein Geld am PC verdient. Wie der Gatte und sein Kumpel wohl zu ihren Ingenieur-Diplomen kamen? Da kann nur ein Santero mit einem Zauber nachgeholfen haben! Wie auch bei den vielen tausend kubanischen Ärzten, die im Ausland Entwicklungshilfe leisten.

Während sich die Autorin dieser Zeilen längst langweilt ob des dauernden Abstechens von Opfergetier, freut sich der Ehemann über die vielen hübschen Bären, die seine Landsleute unserem Globetrotter aufgebunden haben, denn in ihrer Not, die ihnen das System aufzwingt, erzählen sie jedem für ein paar Dollar, was er gern hören möchte. Manchmal schlägt die (Schaden-)Freude allerdings in Wut um, wenn Broschkus das "Scheißland" beschimpft, und die "Scheißkerle, die´s bevölkerten", weil sie einem Ausländer mehr Geld für den Bus abverlangen als den Einheimischen. Ob unser Globetrotter in Hamburg auch ausflippt, wenn ein Student billiger fährt als er, weil dessen Busfahrkarte - wie die der Einheimischen auf Kuba - vom Staat subventioniert wird?

Auch will der Gatte so gar nicht goutieren, dass die Sprache der Huren und kleinen Gauner als üblicher Sprachgebrauch hingestellt und deren Leben als das in Kuba übliche geschildert wird. Da müsste mal ein kubanischer Autor so tun, als spreche und lebe ganz Deutschland wie die Junkies auf St. Pauli! Aber das wäre natürlich auch wieder etwas ganz anderes.

Doch vor allem wundert sich der kubanische Ehemann, wie jemand sein Land so gründlich missverstehen, dessen fortgeschrittenen, sozialen Zerfall angesichts eines absterbenden Regimes, das sich in der Verzweiflung an etwas klammert, mit der Stärke afrikanischer Kultur verwechseln kann! Wollen wir zum Schluss doch mal für einen Moment pingelig werden: Wer aus der Jungfrau der Stadt Regla eine Jungfrau der Menstruation macht und behauptet, SEPSA sei die Abkürzung für die kubanische Stasi - hat der sich wirklich der Mühe der Recherche unterzogen? Was bleibt, ist Scham. Darüber, dass ein Deutscher dafür bejubelt wird, dass er ein Land und seine religiösen Bräuche verunglimpft, obwohl er nicht einmal dessen Sprache korrekt beherrscht.

Matthias PolityckiHerr der Hörner. Roman. Goldmann Taschenbuch, München 2007 (Erstausgabe Hoffmann, Hamburg 2005). 832 S., 9,95 EUR

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