Göttliche Perspektiven

Wiedergeburt Die große Mantegna-Retrospektive in Mantua, Padua und Verona

Da kann schon die Anreise zur alteuropäischen Bildungsfahrt und Grande Tour geraten: Der noch nächtliche Spessart, die herbstbuchenrot durchglühte Schwäbische Alb, die im Herbstglanz liegenden Königsschlösser (wo man schön bauen konnte, das wusste er schon, der Ludwig II.), die steilen felsigen Pyramiden der Mieminger Berge, ferner Glanz der Stubbaier Gletscher, die unglaublich spitzen Dolomitnadeln des Rosengartens (schon drüben im Italienischen), dann, als führe man durch ein chinesisches Aquarell mit steilen bewaldeten Hängen, das obere Etschtal. Und schließlich liegt er da wie eine Gralsburg, steigen seine Türme aus dem Dunst des Flusses Mincinio, der hier wie ein See die Stadt von allen Seiten umschlingt: der Herzogspalast von Mantua.

Aber das Bild von der Gralsburg wie auch die schwalbenschwänzige Zinnenkrone, angesichts derer man gleich an Kämpfe zwischen Kaiser und Papst, zwischen Ghibellinen und Staufern denken mag, können, mögen täuschen. Mantua hat nichts (oder kaum etwas, und wenn, dann unter späteren Bauschichten verborgen) mittelalterliches an sich. Diese Stadt ist klassisch, ist wieder gefundene Antike. Etwa die Techniken, den Wasserstand zwischen dem oberen und unteren See zu regulieren sollte noch Jahrhunderte später die Amsterdamer Schleusenwärter blamieren. Hier wurde, wenn man so will, der Master-Plan erfunden, und der ist verbunden mit drei Namen: dem des Markgrafen-, und späteren Herzogsgeschlechts der Gonzaga und - (wer baute das siebentorige Theben?) - dem Architekten Leon Battista Alberti und eben dem vor fünfhundert Jahren gestorbenen Andrea Mantegna.

Da ist sie dann auch schon; nach ein bisschen Warten öffnen sich die Türen zur "Camera degli Sposi", der "Kammer der Brautleute" oder - mehrversprechend - "dell´Incontro", "des Treffens" genannt: eine atemberaubende Aufforderung zum Tanz. Der Raum ist nicht groß und meist überfüllt, aber die lebenden Menschen haben gegen die Präsenz dieser Bilder keine Chance, von denen man gebeten zu werden scheint, doch am höfischen Treiben teilzunehmen. Nach allzu kurzer Zeit wird man wieder aus der Camera gekehrt, doch kann man sich ein zweites Mal hineinschmuggeln.

Gegen die Wucht solcher Bilder hat es die gleichfalls im herzoglichen Palast zu sehende Ausstellung über die plastische Kunst zur Zeit Mantegnas schwer. Zwar zeigt sich, dass die stilistischen Schritte in der Renaissance zunächst an Statuen erprobt und dann erst von der Malerei übernommen wurden, doch besonders in den Terrakotten zeigt sich neben dem Glanz auch die Grenze naturalistischer Plastik. Die damals erst seit kurzer Zeit überwundene Scheu, profane Menschen darzustellen, läuft in ihrer Realistik Gefahr, die Welt einfach zu verdoppeln. Das erinnert dann sehr an ein Wachsfigurenkabinett.

Zur großen und großartigen Tafelbilderschau Mantegna in Mantua in dem im Süden der Stadt gelegenen Palazzo Te ist es vom herzoglichen Palast ein Fußmarsch von einer Viertelstunde, wenn man alle Bilder- und Architekturspuren, die Mantegna in dieser Stadt hinterlassen hat (etwa den Bildschmuck in der Basilika St. Andrea) betrachtet, wird daraus gut und vor allem gerne mehr als eine Stunde. Da stellt sich dann schon die Frage, ob die Auffassungsgabe für die etwa achtzig Gemälde, davon dreiundzwanzig vom Meister selbst, an einem Tag noch hinreicht. Zumal es vor dem Palazzo Te schon einmal - besonders an Wochenenden - zu längeren Warteschlangen kommt.

Die Ausstellung im Palazzo Te ist die inszenierteste der vier großen Schauen zur Feier Mantegnas. Alles ist in Dunkel gehüllt, nur Punktlichter erhellen die einzelnen Bilder und mit solch raffinierter, wenn auch ein bisschen modischer Lichtregie wird der Beschauer zum Höhepunkt geleitet: Dem Toten Christus aus dem Jahre 1500. Der hängt normalerweise in Mailand, in der Brera-Pinakothek, und die Mailänder wollten ihn auch nicht herausrücken. Bevor die Mantuaner sich der Tradition der oberitalienischen Städtekriege entsannen, genügte dann aber doch ein Wort der Zentralmacht, und das Bild wurde ausgeliehen.

Die nur 70 auf 80 Zentimeter große Tafel ist ein wahres Ecce homo! Von rücksichtloser Realistik, aber nichts weniger als ein realistisches Bild. Die Wunden des Gekreuzigten leiten den Blick bis in den Körper des Geschundenen, dessen plebejische Züge auch an die "Passion des armen Mannes" denken lassen. Die Konzentration auf den "toten Christus" sollte aber nicht die Aufmerksamkeit von den anderen Gemälden ablenken. Etwa auf den etwa gleichzeitig entstandenen Triumph der Tugend, ein Bild voll wunderbarer heidnischen Frömmigkeit. Hier gibt es für die Renaissance-Begeisterten jede Menge zu entdecken, das Bild könnte auch heißen: "Triumph der Warburg-Schule".

Weit weniger klassisch, noch viel näher an der Gotik zeigt sich das 120 Kilometer von Mantua entfernte Padua. In der Ausstellung hier, in der Pinakothek direkt neben Erimitanikirche sieht man mehr den Mantegna, wie er aus den hier heimischen oder tätigen Malerschulen erwuchs, in der Ovetari-Kapelle gleich daneben in der Eremitani-Kirche ist von ihm nur das Martyrium des Christopherus erhalten. Was erhalten blieb, macht den Verlust, den eine Bombe im Jahre 1944 verursachte, nur noch deutlicher. Als 17-Jähriger hatte er die Kapelle ausgemalt; derzeit berichtet eine kleine Nebenausstellung über die schier unglaublichen Fortschritte der Restaurierungskünste mit elektronischer Datenverarbeitung. Mit einer Handvoll Freskosplittern will man das Ganze wieder erstehen lassen können. Ob´s stimmt?

So viel Zeit, dass es noch zu einem Besuch der Giotto-Fresken in der gleich daneben liegen Scrovegni-Kapelle (in der älteren kunsthistorischen Literatur als "Arena"-Kapelle bezeichnet) reicht, sollte schon sein. Jahre wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen, erstrahlen die Fresken jetzt wieder im, na ja, ursprünglichen Glanz. Selbstverständlich gibt es in Padua weit mehr zu sehen, auch direkt mit Mantegna in Verbindung Stehendes. Und dass es von Padua nur 35 Kilometer bis nach Venedig sind, sei hier nur der verführenden Vollständigkeit halber erwähnt.

Verona, von Mantua etwa vierzig Kilometer entfernt, bildet abermals einen ganz anderen städtischen Kosmos. In der Arena tritt einem nicht die Wiedergeburt der Antike, sondern die Antike direkt entgegen. Ihr gegenüber, im Palazzo della Gran Guardia die Ausstellung Mantegna e le Arti a Verona 1450 bis 1500. Auch hier zeigt die Konfrontation von Gemälden mit Skulpturen, dass es zuerst die Bildhauer waren, die stilistische Freiheiten erkämpften, dann aber die Definitionsmacht, was denn Stil sei, den Malern überließen. Die sehr ausführliche Dokumentation der veronesischen Zeitgenossen Mantegnas lässt bisweilen den Zweifel wachsen, ob man in einer Domenico-, Morone- oder in einer Mantegna-Schau ist, aber der hier vollständig gezeigte Altar aus der Kirche San Zeno samt der dazugehörigen Kreuzigung, die sonst im Louvre hängt, zeigt dann doch einmal mehr, wie geeignet solche Ausstellungen sind, um Zusammenhänge in einem neuen Licht sehen zu lernen.

Wenn jetzt noch Zeit bleibt, dann vielleicht doch noch einmal in die "Camera dell´Incontro" im Herzogspalast in Mantua; diese Bilder berühren wohl doch am tiefsten. Ins Deckenzentrum hat Mantegna dort eine Brunnenbalustrade in steilster Zentralperspektive gemalt, über die sich Häupter der Göttlichen beugen. Sie blicken von da hinunter auf das, was die Menschen treiben, wenn sie ins Zentrum und ins Ziel aller Aufforderung zum Tanz, allen Tanzens angelangt sind. Leicht haben auch sie es nicht, die Göttlichen. Sicher: Schwarz und Weiß gehen problemlos zusammen, aber wie das tränenüberströmte Antlitz eines Engels beweist, der seinen Kopf hoffnungslos in dem Gitterwerk verklemmt hat, die Gesetze der Natur gelten auch hier. Und sie sahen, dass es gut war, scheinen die göttlichen Betrachter über das irdische Treiben im Zentrum allen Tanzens zu urteilen. Und die so freundlich Begutachteten könnten erwidern: Es gibt die Zentralperspektive, also gibt es Gott. Bei der Rückfahrt setzte auf der Höhe des Alpenhauptkamms unablässiger Regen ein.

Die Hauptausstellungen in Mantua, Verona und Padua sind bis zum 14. Januar 2007 geöffnet. Die bislang nur in italienischer Sprache erhältlichen Kataloge kosten zwischen 29 und 50 EUR.


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00:00 10.11.2006

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