Graben der Schuld

1987 Vor 25 Jahren beginnt in Gaza die erste Intifada und erfasst bald auch die Westbank. Niemand hat mit dieser Explosion der Wut gegen die israelische Besatzung gerechnet
Graben der Schuld
Vor dem Hospital von Gaza-Stadt Mitte Dezember 1987

Foto: Esaias Baitel/AFP/Getty Images

Anfang Dezember 1987 fährt ein israelischer Militärlastwagen in der Nähe des Gaza-Flüchtlingslagers Jabaliya an einem Checkpoint der israelischen Armee in eine Schlange wartender palästinensischer Autos. Vier Palästinenser werden getötet, sieben verletzt. Gerüchten zufolge ist der Fahrer des Lkw auf Rache aus. Er soll der Verwandte eines kurz zuvor von palästinensischen Tagelöhnern getöteten israelischen Arbeitsvermittlers sein.

Nach dem Begräbnis der Toten kommt es bei Demonstrationen zu Zusammenstößen zwischen palästinensischen Jugendlichen und israelischen Soldaten. Innerhalb weniger Tage breiten sich die Unruhen auf viele Städte überall in den besetzten Gebieten aus. Weder die Regierung Israels noch die palästinensische Befreiungsorganisation PLO noch die muslimische Geistlichkeit im Gazastreifen oder der Westbank sind auf diese Explosion vorbereitet. Nachts werden Flugblätter verteilt mit Aufrufen zum Boykott israelischer Waren, zum Kauf von ausschließlich palästinensischen Produkten und zum Steuerboykott.

Die erste Intifada (arabisch für Erhebung) hat begonnen, um die israelische Besatzung nicht länger ergeben und passiv hinzunehmen. Hunderttausende wollen sich nicht mehr von fremden Militärs entwürdigen lassen, die sie wie ein kolonialisiertes Volk behandeln. Gründe für den Aufruhr ergeben sich auch aus den fortgesetzten Enteignungen palästinensischer Bauern, die israelischen Siedlern weichen müssen. Das Besatzungsregime nimmt jungen Palästinensern, die verzweifelt nach Jobs suchen, jede Aussicht auf Zukunft. Hinzu kommt eine riesige Anzahl von Flüchtlingen, die seit Jahrzehnten unter verheerenden Bedingungen leben.

Das Gefühl, langsam zu ersticken

Allein in den ersten 14 Tagen des Aufstands sterben 21 Menschen bei Straßenkämpfen. Ende 1992, als beide Seiten erschöpft sind, werden 1.074 Palästinenser und 120 Israelis dieser ersten Intifada zum Opfer gefallen sein. „Die Palästinenser“, schreibt Sari Nusseibeh in seinem Buch Es war einmal ein Land, „unfreiwillig eingegliedert in ein System, das für die Enteignung ihres Landes, Gesetzlosigkeit und überall aus dem Boden schießende (israelische) Siedlungen verantwortlich war, hatten mehr und mehr das Gefühl, langsam zu ersticken.“

Die israelische Regierung reagiert auf die Widerständigen mit repressiven Mitteln. Sie lässt Schlagstöcke, Tränengas und scharfe Munition einsetzen. Aufständische werden bestraft, indem die Häuser ihrer Familien geschleift oder deren Olivenhaine zerstört werden. Die Schließung von Schulen und Universitäten wird von den Palästinensern als Strafe durch „Analphabetisierung“ verstanden.

General Jitzhak Rabin, später Premierminister und Friedensnobelpreisträger, hat schon 1985 zu einer „Politik der eisernen Faust“ gegenüber den Palästinensern aufgerufen. Als die Intifada tobt, ist er Verteidigungsminister. Von ihm stammt die Aufforderung an die Armee, den Aufstand mit „Macht, Kraft und Prügel“ niederzuschlagen. Nicht nur in der arabischen Welt trägt ihm das den Beinamen „Knochenbrecher“ ein. Die Jerusalem Post zitiert ihn unmittelbar nach der Rückkehr von einem Besuch in den USA mit den Worten: „Wir brechen ihnen die Beine, so dass sie nicht mehr gehen können, und wir brechen ihnen die Hände, so dass sie keine Steine mehr werfen werden.“

Der Fernsehbericht eines US-Kanals aus dieser Zeit, der für weltweites Entsetzen sorgt, zeigt zwei am Boden liegende palästinensische Jungen, deren Arme auf dem Rücken gefesselt sind. Vier israelische Militärs beugen sich über die beiden und schlagen mit Steinen auf Oberarme und Ellenbogen ein. Einer der Soldaten sieht immer wieder aufmunternd zu dem amerikanischen Kamerateam, das die Szene aus nächster Nähe festhält.

Ein Leben lang traumatisiert

Nach einem Bericht der Hilfsorganisation Save the Children aus dem Jahr 1990 benötigten bis zu 30.000 palästinensische Kinder nach den ersten zwei Jahren der Breaking-of-Bones-Strategie medizinische Versorgung wegen der erlittenen Verletzungen, die größtenteils durch Stock- und Steinschläge verursacht wurden. Ein Drittel dieser Kinder ist jünger als zehn – ein Fünftel jünger als fünf. Es handelt sich um die Generation der heute 35- bis 40-Jährigen, die sich der Erinnerung an diese Züchtigung kaum je wird entziehen können, und von denen viele die Hoffnung auf Frieden sowie den eigenen Staat längst aufgegeben haben.

Einer davon ist Ghassan. Während der ersten Intifada, so erzählt er es selbst, wird er als Siebzehnjähriger in der Nähe des Elternhauses auf dem Weg zum Supermarkt zusammen mit einem fünfzehnjährigen Freund von vier Soldaten aufgegriffen. Im Namen einer Aktion, die von der israelischen Armee seinerzeit Tertur genannt wird, kann jeder verhaftet, festgehalten, irgendwann entlassen und wieder verhaftet werden. Als Ghassan im Gefängnis ankommt, ist sein rechter Unterschenkel gebrochen, das Gesicht von Stockschlägen geschwollen und ein Zahn ausgeschlagen. Im berüchtigten Al Fara’a Correction Centre des israelischen Geheimdienstes Shin Beit wird er mit elf anderen Gefangenen in eine Zelle ohne Fenster und Toilette gesteckt. Der Raum ist nicht groß genug, dass alle im Liegen schlafen könnten. Ghassan wird immer wieder verhört. Er soll die Namen von Anführern der Intifada in seiner Umgebung nennen. Zwischen den Befragungen setzt man ihn gefesselt mit einem schwarzen Sack über dem Kopf in die Sonne. Nach 18 Tagen wird er, ohne dass Anklage erhoben oder ein Verfahren eingeleitet wurde, wieder entlassen. Mit der Breaking-of-Bones-Strategie, von der auch Ghassan betroffen ist, hat Jitzhak Rabin gewiss nicht „am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker hingewirkt“, wie es in den Geboten heißt, die das Nobelpreiskomitee für einen Ausgezeichneten geltend macht. Ende der achtziger Jahre rügt die UN-Vollversammlung Israels Regierung vergeblich für schwere Verstöße gegen die Genfer Konventionen zum Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten. Der damalige israelische UN-Botschafter Benjamin Netanjahu bezeichnet in einer Stellungnahme die Militärverwaltung seines Landes als die mildeste, die es je gegeben habe.

Nicht alle Israelis wollen sich mit dem Vorgehen ihrer Regierung abfinden. Einen Monat nach Ausbruch der Intifada versammelt sich eine kleine Gruppe israelischer und palästinensischer Frauen an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt in Jerusalem. Sie sind schwarz gekleidet und tragen große schwarze Hände, auf denen in weißer Schrift und hebräischer, arabischer sowie englischer Sprache steht: Stop the Occupation! Eine einfache, klare Botschaft. Diese „Frauen in Schwarz“ stehen bis heute jede Woche zur gleichen Zeit am gleichen Ort, um schweigend gegen die Gewalt in den besetzten Gebieten zu protestieren.

Folgt man Jean Amérys Ethik der Erinnerung, wonach jemand, der wie er einer Folter unterzogen wurde, nicht mehr heimisch werden kann in der Welt, dann gibt es heute Zehntausende von erwachsenen Palästinensern im Gazastreifen und in der Westbank, denen es nach einer schweren Traumatisierung so ergeht. Jean Améry bestand darauf: „Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert …“ Für ihn gab es keine Brücke über den „Graben des Leidens und der Schuld“, zwischen Opfern und Tätern. Nach 25 Jahren, in denen sich die Situation der palästinensischen Bevölkerung teilweise dramatisch verschlechtert hat, könnte sich das in den besetzten Gebieten erneut bewahrheiten.

Die Narben sind bis heute nicht verheilt. Auch bei dem Schauspieler Ghassan nicht. Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Familie in Berlin. Obwohl er die Heimat sehr vermisst, beruhigt es ihn, dass seine Tochter nicht unter der offenbar endlosen israelischen Besatzung aufwachsen muss.

09:00 09.12.2012
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 2