Person und Psyche

Identität Graeme Macrae Burnets „Fallstudie“ ist ein cleveres Verwirrspiel über das Ich und die anderen

Graeme Macrae Burnet beginnt seinen Roman Fallstudie mit einem Vorwort, in dem er erklärt, ein Mann hätte sich unter falschem Namen an ihn gewandt, um ihm die Notizbücher seiner Cousine anzubieten. Grund sei des Autors Blogeintrag zu einem (fiktiven) Psychiater. Alles ist hieran Fiktion: der Mann, die Cousine, die Notizbücher, der Psychiater, der Blogeintrag – und in letzter Konsequenz auch der Autor, der im Vorwort eine Rolle als Autor spielt und sich somit als fiktiver Autor zu Wort meldet. Was Burnet hier macht, nennt sich Herausgeberfiktion: Der Autor tut so, als sei er gar nicht der Verfasser, sondern gebe nur den Text eines Dritten heraus. Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts war das eine beliebte Spielart, bekanntestes Beispiel sind Die Leiden des jungen Werther von Goethe. Beliebt war die Herausgeberfunktion auch in der Romantik, besonders bei Schauerromanen. Die Autoren wollten so Authentizität vortäuschen: „Diese Geistergeschichte hat sich wirklich so zugetragen, ein Zeitgenosse hat sie so überliefert“, so der Tenor. Außerdem konnte man so alles Mögliche behaupten – Urheber der Geschichte ist schließlich der Autor des vorliegenden Manuskripts, der Herausgeber kann nichts für Ungereimtheiten.

Burnet betreibt ein ähnliches Spiel – und nicht zum ersten Mal. Bereits in seinem Roman Sein blutiges Projekt. Der Fall Roderick Macrae. Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Graeme Macrae Burnet, der auf der Shortlist für den Man Booker Prize 2016 landete, spielt Burnet mit den Konzepten von Identität und Authentizität – gesteigert noch durch die partielle Namensgleichheit von Protagonist und Autor. Dieses Spiel mit Identitäten ist so offensichtlich, dass die Herausgeberfiktion anders als um 1800 nicht Authentizität verbürgen, sondern im Gegenteil deren Konzept unterlaufen soll. Was perfekt zum Inhalt des Romans passt. Fallstudie ist zum einen die „Wiedergabe“ der angebotenen Notizbücher. Darin bezichtigt eine namenlose Frau den Psychiater Arthur Collins Braithwaite, schuld am Selbstmord ihrer Schwester zu sein. Um zu verstehen, was die Schwester dazu gebracht hat, beginnt sie, unter falschem Namen den Psychiater aufzusuchen.

Die Auszüge aus den Notizbüchern wechseln sich ab mit einer Biografie des skandalumwitterten Psychiaters Braithwaite, verfasst von der Autorenfiktion Graeme Macrae Burnet. Zentrale These Braithwaites: Das Selbst ist in steter Verwandlung, ein stabiles, dauerhaftes Konzept von Identität gibt es nicht, und das ist auch gut so. Ihm geht es darum, „der Tyrannei des starren, unveränderlichen Selbst zu entkommen“. Und so ist nach nicht mal 50 Seiten klar: In diesem Buch gibt es keine Gewissheiten: Identität ist Schall und Rauch, Authentizität ein Märchen des Establishments, Wahrheit wird überschätzt.

Burnet hat die Handlung der Notizbücher in den 1960er Jahren angelegt. Braithwaite wird als schillernder Vertreter der Gegenkultur vorgestellt: Er rebelliert gegen das damalige rigide psychiatrische System, das Patienten wie dumpfe Tiere behandelte und mittels Medikamenten ruhigstellte. Stattdessen propagiert er die Befreiung von bürgerlichen Zwängen: Sex und Drogen, um das Bewusstsein zu erweitern, Schluss mit der spießigen Idee der Authentizität.

Was aber, wenn die unterschiedlichen „Selbste“ einander nicht mögen? Die namenlose Frau hat in ihren Notizbüchern so einiges dazu zu sagen.

Fallstudie ist ein cleverer Roman um Fragen von Person und Psyche, um die Widersprüchlichkeit der Idee des Individuums – und bringt richtig viel Spaß.

Info

Fallstudie Graeme Macrae Burnet Georg Deggerich (Übers.), Kampa Verlag 2022, 368 S., 24 €

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