Granatapfeltee Plus

Alltag Eine Vorsaisonreise in die Türkei

Das Reiseangebot überraschte uns. Vermutlich schickte es GÜNTHER an erfolglose Lotteriespieler, wie mich, damit sie sich sagen können: Wenigstens was gewonnen. Eine Woche Luxus-Reise - geschenkt! Nur der "Saison C-Zuschlag" kostete für zwei Personen hundert Euro plus Halbpension, wenn man will, plus das große Reisepaket, das man nicht nehmen muss.

So entschließen wir uns, im späten Februar, sieben Tage in einem Hotel zwischen Antalya und Alanya zu verbringen. Plus.

Am Flughafen von Antalya begrüßt uns der Reiseleiter: "GÜNTHER-Reisen? Bitte zum Bus mit einer Eins." - "Mit einer römischen oder arabischen Eins", fragt jemand gutgelaunt. "Eine deutsche!" Wir bewegen uns in der deutschsprachigsten Gegend der Türkei, in der man in Sachen Organisation spielend mit deutschen Maßstäben mithält. Fünf Busse mit deutschen Gruppen erreichen fast auf die Minute zur selben Zeit einen Hotelparkplatz. Gleich nach dem Mittagessen geht´s ans Meer.

Der steinige Strand vor dem Hotel liegt am Nachmittag menschenleer. Beruhigend brausen die sich überschlagenden Wellen des grünen Mittelmeeres und reißen beim Zurücklaufen schurrend unterspülte Steine mit. Wir laufen bis zu einer Landzunge, die sich mit flachen gelblichen Felsen ins Meer schiebt. An ausgespülten Steinen klammern sich kleine Bäume fest. Ein Felsen wird wie von einem dünnen Stoffgewebe von einer versteinerten Baumwurzel überspannt. Die Sonne geht unter, und wir verlassen die Bucht landeinwärts, um so etwas wie eine Ortschaft zu finden. Aber die gibt es nicht. Nur winterleere Hotels, von achtzehn, die wir zählen, haben vier geöffnet, zwischen ihnen erstrecken sich Wege aus festgefahrenem Sand und unwegsames Baugelände. Weil es dunkel wird, scheint es uns sicherer, zum Strand zurückzukehren. Als wir über eine Düne steigen und der kalte Wind uns ins Gesicht bläst, erblicken wir ein Tischchen mit aufgehäuften Apfelsinen und Granatäpfeln. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, nur ein dunkelhaariger Mann mit freundlichem Gesicht ruft "Koffetie? Koffetie?" und blickt uns fragend an - wir uns auch. "Gern, zwei Granatapfeltee!" Er räumt zwei Stühle aus einer Hütte, einen winzigen runden Tisch, stellt eine Vase mit einer Papierblume darauf und verschwindet in dem Holzverschlag, in dessen Windschatten wir Platz nehmen. "Sind das eigentlich Äpfel?", frage ich meine Frau, "oder Zitrusfrüchte?" - "Wahrscheinlich Beeren", gibt sie zurück. Weil sie vermutlich Recht hat, bewundere ich sie. Den tiefroten Granatapfeltee bringt der Dunkelhaarige in großen Tassen, zwei für uns, einen für sich selbst. Wir schlürfen den sehr süß, aber angenehm säuerlich und aromatisch schmeckenden Tee und blicken abwechselnd auf die sich überschlagenden Wellen und den jungen Mann, der sich uns gegenüber niedergelassen hat. Er versucht, mit uns ins Gespräch zu kommen. Das gelingt mit deutschen Einwortsätzen und Gesten. Als ich sage, dass Tschai auch im Russischen Tee bedeutet, und er fragt, ob ich Russe sei, stelle ich fest: "In Antalya gibt es offenbar viele Russen." Unter jedem türkischen Wort steht die russische Bezeichnung, etliche Läden, sagt er, sind in russischer Hand. Das Meer wird lauter: "Wie heißt Flut auf Türkisch?" Er deutet auf die Papierrose und sagt "Gül". Und viele heißen "Gülle", denke ich, blöder Witz. Plötzlich muss ich erklären, ob ein Masseur Mann oder Frau sei. "Das Wort haben wir aus Frankreich importiert". - "Wie heißt Masseur als Frau?" - "Masseuse", sage ich und muss mir dafür später die Kritik einer Dame aus Bayern anhören, die als korrekte Berufsbezeichnung nur Masseurin gelten lassen will und mir unanständigen Hintersinn unterschiebt. -"Masseuse", das Wort wiederholt er mehrfach und will es aufgeschrieben haben. Vielleicht möchte seine Frau Massagen anbieten? Nachdem er uns noch die türkischen Namen für Tisch, Stuhl und Brille genannt hat, sagt er: "Jene Apfelsinen." Wir blicken ihn fragend an. Er: "Ist das richtig?" "Ja, das sind Apfelsinen." "Und jene?" Was will er wissen? "Jene heißt etwas Bestimmtes." Unverständnis in seinem Gesicht. "Zum Beispiel: Jene Frau", ich zeige auf meine Frau, "trinkt Tee. Damit ist also nur meine Frau gemeint, jene Frau, vielleicht im Gegensatz zu einer anderen Frau." Er wiederholt: "Jene Apfelsinen!" Nun dämmert es uns. "Gut, wir nehmen fünf Apfelsinen mit, jene Apfelsinen." "Auch Wasser?", fragt er. "Ja, eine große Flasche." "Auch Bier?" "Nein. Was kostet alles zusammen?" "Vier Euro." Hier an der türkischen Riviera wird alles in Euro bezahlt.

Ob vier Euro als Tageseinnahme ausreichen, fragen wir uns auf dem Weg zum Hotel, vorbei an einem Riesendamm aus Sand, der ein Hotel vor den Seestürmen des Winters schützt und bald wieder über den Strand verteilt werden wird. Ob es das Konzept des türkischen Wirtschaftsministeriums ist, mit preiswerten Reisen deutsche Gäste anzulocken und so den Betrieb außerhalb der Saison in Gang zu halten, also Arbeit zu bezahlen statt Arbeitslosigkeit?

Für die nächsten Tage stehen Sehenswürdigkeiten auf dem Programm: die Damlatas-Höhle, die Karawanserei Alara Han an der Seidenstraße, die Mündung des wasserreichen Manavgat oder der antiken Prachtstraße mit Brunnenanlage im römischen Perge. Doch bei unserer Fahrt nach Aspendos sehen wir zwar den römischen Aquädukt aus der Ferne und betreten die 1996-1999 rekonstruierte Brücke aus der Zeit der Seldschuken, aber das Theater besuchen wir nicht. Einen Tag in Antalya verbringen wir mit Wasserfällen und "bestem Panaroma", aber ohne Altstadtspaziergang und Museumsbesuch, dafür halten wir uns Stunden auf dem "Volksmarkt" auf.

Als wir von dem imposanten Naturwunder von Pamukkale, den glücklicherweise nicht mehr betretbaren Kalksinterterrassen, zurückfahren und uns als Gastgeschenk der Anpflanzung eines kleinen Baumes versichern, erreichen wir auf einem Berg im tief verschneiten Wald bei Denizli die Teppichmanufaktur. Im Empfang prangt als Losung des Hauses ein Zitat des Malers August Macke: "Auch Stile können an Inzucht zu Grunde gehen. Die Kreuzung zweier Stile ergibt einen dritten, neuen Stil, ... Europa und der Orient (Die Masken 1912)". Während der bildungsreich moderierten Show werden die Teppiche pantürkischer Völkerscharen auf den Boden geknallt, dass einigen vor Schreck die Kaffeetasse aus den Händen fällt.

Wir haben uns vorgenommen, zwei Teppiche zu kaufen. Doch während der Teppichbesichtigung gefällt mir der Gedanke, neben meinem Bett einen Wandteppich aufzuhängen, da sind es drei. Und als wir beim Begutachten eines Läufers leichtsinnigerweise die Frage fallen lassen "Für unten oder oben?", versäumt es der Verkäufer nicht, bei der nächst besten Gelegenheit diese Frage aufzugreifen. Meine Frau und ich sehen uns an - dann wären es vier. Der Mann kommt uns entgegen: Bei drei Teppichen 20 Prozent weniger, bei Abgabe eines alten Teppichs 500 Euro weniger, vier Teppiche von wunderbarer Handarbeitsqualität und erheblicher Größe wären also für nicht mal 10.000 Euro zu haben. Das bedeutete Schulden bei der Bank über mehrere Monate. Wir zögern. Da greift der Partner des Chefs ins Verkaufsgeschehen ein und erwägt mit schmerzvollem Gesichtsausdruck, ob bei einer Sofortbezahlung die Manufaktur wegen der daraus resultierenden Steuervergünstigung bis zum Ende des Geschäftsjahres im Juni einen weitergehenden Preisnachlass anbieten könne. Mit aufgerissenen Augen schrickt der Verkäufer zurück und wiederholt den geringeren Preis mehrfach so ungläubig, dass ich fast rufe: "Um Gottes Willen, ruinieren Sie sich nicht!" Aber ich sage: "Gut, wir kaufen die vier."

Im Hotel überwinde ich meine Scheu, den Schuhputzer quasi als Sklaven meiner dekadenten Faulheit auszubeuten, und lasse mich für drei Euro darüber belehren, wie stark Schuhe glänzen können. Wir wundern uns nur noch wenig über die schwarz gekleideten Männer, die hier und da gehen oder sitzen, ohne dass man sich einen Reim darauf machen kann. Auf der Schwimmbad-Etage döst einer in einer Kabine, ohne von uns Notiz zu nehmen. Erst als wir mit einem Handtuch über dem Arm ins Bad wollen, blickt er auf und erklärt, wir dürften nicht diese Handtücher benutzen, sondern brauchten Extrabadetücher, die wir bei ihm bekämen, nachdem wir an der Rezeption die Leihgebühren und das Pfand entrichtet hätten. Das Schwimmbecken ist erfreulich leer.

Als vergnüglichen Höhepunkt lädt das Hotel zu einer "Musikalischen Reise" ein, es darf getanzt und kostenlos getrunken werden, Wein oder ein "antialkoholisches Getränk". Die türkische Ban, mit einem tollen Saxophonisten spielt gut, vor allem Schlager aus der alten Bundesrepublik. Ich frage in der Pause: "Warum keine Songs von City, Karat oder den Puhdys?" - "Nach 17 Jahren wieder Regionaltitel?" - "Die haben Sie doch gespielt, sogar Ein bisschen Frieden! - "Sie wissen aber doch, wie aktuell das ist?" - "Natürlich, aber es geht nicht nur um ein bisschen Frieden", sage ich, ohne zu wissen, auf welchen Krieg er anspielt. Am nächsten Morgen erfahre ich aus den Nachrichten vom Einmarsch türkischer Truppen in den Nordirak. Wir sind froh, die Türkei in die andere Richtung verlassen zu können.

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00:00 04.04.2008

Ausgabe 38/2020

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