Grandioser Übermut

Roman Belletristik „Roman unserer Kindheit“ von Georg Klein hat den Leipziger Buchpreis zu Recht gewonnen, findet unser Rezensent

Fast ganz am Ende dieses neuen, großen und nun also in Leipzig überraschend preisgekrönten Romans von Georg Klein wird über „Fragen der Literatur“ geplaudert. Herr Geistmann, ein Zeitschriftenhändler und Leihbibliothekar, erörtert mit einer Kundin, wie traurig oder lustig Bücher enden sollten. Draußen drücken sich einige Kinder die Nasen an der Schaufensterscheibe platt und versuchen, die neu ausgestellten Bücher richtig einzuordnen: zum einen anhand der Umschläge, mit denen sich jeder Roman seiner Gattung zuweisen lasse, „als wäre er Wolf, Tiger oder Bär“, zum anderen anhand der Titel, in denen die Gewalt einer Geschichte bereits als eine „gruselig schöne Drohung“ zutage trete. Der Roman, in dem dies steht, zeigt selbst ein Raubtierantlitz auf dem Umschlag; sein Titel ist eine – wenngleich irritierend verschobene – Genrebezeichnung: Roman unserer Kindheit. Und ob das Buch lustig oder traurig endet, ist alles andere als leicht zu entscheiden.

Magische Kindheitswelt

Die Geschichte spielt ungefähr zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in einer Zeit, als Telefone und Fernseher noch eine Seltenheit sind und Kriegsversehrte ebenso zum Straßenbild gehören wie amerikanische Besatzungssoldaten. Wir befinden uns offenbar im Süden Deutschlands, vielleicht in Georg Kleins Geburtsort Augsburg. Immerhin gibt es dort, wie im Roman, einen Stadtteil namens Oberhausen und in dessen Nähe den berühmten „Bärenkeller“, eine uralte Schankwirtschaft mit zahlreichen unterirdischen Geschossen.

Allerdings wird jeder Leser schnell bemerken, dass solche räumlich-zeitlichen Identifikationen wenig mit dem zu tun haben, was im Roman tatsächlich, also buchstäblich geschieht. Denn hier geht es um den Entwurf einer magischen Kindheitswelt, die ihren eigenen Gesetzen folgt. In dieser Welt erscheint die „Neue Siedlung“ mit ihren fünf Wohnblocks, ihrem Spielplatz und ihren Schrebergärten als mythischer Ort – ein Ort, an dem tote oder erfundene Figuren in Verbindung mit den Lebenden stehen und an dem die fortschreitende Zeit des Alltags immer wieder durchlässig wird für Einschläge von fremdartiger Vergangenheit und prophetisch geschauter Zukunft.

Eine Gruppe von Kindern erlebt ihre Sommerferien: der Ältere Bruder, die Witzigen Zwillinge, der Wolfskopf, der Ami-Michi, der Schniefer und die Schicke Sybille. Die Handlung setzt mit einem Fahrradunfall ein. Es fließt viel Blut, der Fuß des Älteren Bruders ist in die Speichen geraten und muss im Krankenhaus versorgt werden. Ein Chirurg mit Namen Felsenbrecher erzählt einen Witz nach dem anderen; allerdings wirkt merkwürdig, dass dem Leser die Pointen nur andeutungsweise oder mit einigen Seiten Verspätung überliefert werden. Von Anfang an gerät man so in die Lage dessen, der etwas unbedingt verstehen möchte, aber noch nicht kann. Jedes aufgelöste Rätsel birgt ein neues in sich: dieses hermeneutische Manöver kennt man aus den bisherigen Texten Georg Kleins. Im Roman unserer Kindheit jedoch gelingt es ihm, daraus Spannungsbögen über hunderte von Seiten zu erzeugen.

Auf diese prinzipiell verzögerte Weise wird man in die Welt der Neuen Siedlung eingeführt und lernt ihre Bewohner kennen. Der letzte, weiße Block, steht leer und gilt als verflucht. Im vorletzten, dem türkisen Block leben die Huhlenhäusler, sesshaft gewordene Landfahrer, deren Kinder mit denen der vorderen Häuser verfeindet sind. Hier befindet sich auch die Wohnung des Kikki-Manns, eines gehörlosen Vogelzüchters, der unter epileptischen Anfällen leidet – und die Kinder gleich zu Beginn warnt, eines von ihnen werde sterben, wenn sie nicht aufpassten. In den rosafarbenen Block zieht ein neuer Mieter ein, es ist ein Kriegsversehrter mit verbundenem Kopf, den die Kinder den Mann ohne Gesicht nennen. Auch er warnt sie, auf zugleich unmissverständliche und dann doch kryptische Weise. Ein weiterer Invalide kommt in die Siedlung, ein blinder Akkordeonist, der den Mann ohne Gesicht gut kennt. Beide scheinen auf einen Einsatzbefehl ihres früheren Panzerkommandanten zu warten, der schließlich, als der „Ernstfall“ eintritt, auch erteilt wird.

Nach zwei Dritteln der Romanhandlung verschwindet Sybilles kleine Schwester. Sie wechselt, wie es heißt, auf die „andere Seite“ des Sommers. Waren die Kapitel zuvor stereotyp mit „Sonnentag“ und „Regentag“ überschrieben, tragen die nun folgenden Abschnitte sämtlich den Titel „Sommernacht“. Es ist die Nacht des Bärenkellers, in den die Kinder auf die Suche nach der kleinen Schwester hinabsteigen. Dabei offenbaren sich immer mehr der magischen Analogien, in denen Georg Klein seine Kindheitswelt eingerichtet hat. Erzählerisch wird das so einleuchtend wie nervenzehrend in eine nicht enden wollende Parallelmontage umgesetzt: Während unten die Kinder in Tunneln und Gängen eine seltsame Entdeckung nach der anderen machen, beschäftigen sich oben die Versehrten mit ihrer Hilfsaktion.

Versteckte Anklänge

Die Rettung, wenn es denn eine Rettung ist, wird dadurch möglich, dass alles mit allem zusammenhängt. So wie die Neue Siedlung und der Bärenkeller durch Geheimgänge verbunden sind, verfügt auch der Roman unserer Kindheit über eine Fülle untergründiger Korrespondenzen – bis in die Wörtlichkeit des Textes hinein, der durchzogen ist von wiederkehrenden Motiven, Redewendungen und Namen. Im eng umrissenen Szenario einer deutschen Nachkriegskindheit scheint eine ganze Welt von versteckten Anklängen und Bedeutungen auf. So zeigt sich der lockend-bedrohliche Bär, mit dem es die Kinder schließlich im Bärenkeller wirklich und wahrhaftig zu tun bekommen, längst vorher in den Gegenständen des Alltags: im Tierquartett, auf der Konservenmilchdose, in der Wundertüte, im Namen einer Lakritzsorte. An der so entstehenden ­allegorischen Überfülle mögen manche Leser schwer zu schlucken haben; schließlich widersetzen sich die zahllosen Zeichen auf das hartnäckigste ihrer Entschlüsselung. Man kann es aber auch halten wie die Kinder im Roman und die rätsel­haften Zeichen selbst schon als Schlüssel verwenden, die unmittelbar den Durchgang in andere Welten eröffnen.

Organisiert wird all dies, bis zum möglicherweise bitteren, möglicherweise hoffnungsvollen Ende von einem in der neueren deutschen Literatur wohl einmaligen Erzähler-Ich. Es bezeichnet sich selbst als „schlimmes Früchtchen“ und als „Nichtchen“. Von offenkundig geringer körperlicher Substanz, ist dieses Ich doch ein im fast klassischen Sinn allwissender Erzähler. Es ist der eigentliche Garant des Plurals im Roman unserer Kindheit, ohne doch der Kinderwelt ohne weiteres zuzugehören. Auch handelt es sich nicht um eine Instanz des erinnernden Autor-Ichs, das sich erzählerisch seiner eigenen Zeitlichkeit versichern will, so wie es etwa Martin Walser in seinem Roman Ein springender Brunnen oder Gerhard Henschel im Kindheitsroman unternommen haben.

Wenngleich Georg Kleins Roman mit diesen neueren Exemplaren autobiografischer Kindheitsliteratur das Interesse am Wechselspiel von Erinnerung, Zeitvergehen und erzählerischer Präsenz teilt, ist sein „Früchtchen“ doch eine wesentlich andere, unheimlichere Instanz: der grandios übermütige Schöpfer einer erdichteten Welt und zugleich deren dienstbarer Geist – bereit, sich zum Wohl seiner kindlichen Helden selbst aufs Spiel zu setzen.

Stefan Willer leitet den Forschungsbereich Wissensordnungen am Zentrum für Literaturforschung in Berlin und ist Gastprofessor für deutsche Literatur an der HU Berlin

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14:25 28.03.2010

Ausgabe 38/2020

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