Gras des Vergessens

Kriegsbeute Die USA haben im Irak statt eines Landes die Wahrheit ­erobert, wie machtlos der Übermächtige doch sein kann. Deshalb erinnert der Abschied mehr an Flucht als an Rückzug

Am Ende soll es schnell gehen. Die Amerikaner verlassen das Land ein paar Tage vorfristig. Und sie tun es so geordnet, als wollten sie ein Manöver beenden. Ein Abschied, der ein wenig mehr an Flucht als an Rückzug erinnert. Plötzlich vergraben sie ihren Krieg ganz tief in der Vergangenheit, werfen Erde darüber und hoffen auf das Gras des Vergessens. Sie fahren zum Abschied über keinen Blumenteppich der Iraker. Sie schlagen einen von Minen gesäuberten und von Panzerketten vorgezeichneten Weg ein. Sie nehmen wenig mit, keinen grandiosen Sieg, keine verheerende Niederlage. Es ist das vorläufige Ende eines Feldzuges, der umschlug in Besatzung und Bürgerkrieg, bis eine Befriedung gelang, die keinen inneren Frieden stiftete, weil der Aufstand der Selbstmörder jederzeit von Neuem ausbrechen kann. Oder schon wieder ausgebrochen ist. Es gibt in Bagdad keine durch Wahlen legitimierte Regierung, weil sich durch die Wahl vom 7. März zu viele legitimiert fühlen, eine zu bilden. Auch wenn es die gäbe – sie würde wenig daran ändern, dass der Irak seit dem 20. März 2003, dem Tag des Überfalls, aus einem Land ohne Terror zu einem Land des alltäglichen Terrors wurde.

George Bushs Greater Middle East, die als Demokratisierung getünchte Domestizierung einer Weltgegend, ist gründlich gescheitert. Von daher suchen bis zum 31. August mit den US-Kampftruppen auch die Vollstrecker eines Staatsumbaus das Weite, die sich dem abenteuerlichen Versuch ergaben, ein Haus vom Dach her zu bauen – sprich: einen Staat zu zerstören und nach den Ideen der Zerstörer als Musterbau für eine Region wieder herzurichten. Heraus kam ein Muster für die Folgen imperialer Hoffart. Im Namen des Guten wollte die Bush-Administration keinen Gedanken darauf verschwendet wissen, ob das von der Diktatur Saddam Husseins befreite Volk diese Befreiung als Eroberung empfand und die ihm zugemuteten fremden Truppen als Besatzung, das ökonomische Chaos als Strafe – nur wofür?

Kälberstrick am Hals

Als die von George Bush und seinem damaligen Außenminister Colin Powell im Februar 2003 herbei gelogenen irakischen Waffenarsenale nicht mehr ausreichten, um eine Aggression zu rechtfertigen, wurde der beschlossene Einmarsch zum Schlag gegen den islamischen Fundamentalismus und seine terroristische Offenbarung erklärt. Und die blieb wenig schuldig und sich treu. Al-Qaida-Filialen und Gotteskrieger mischten sich unter die irakischen Bürgerkriegsparteien, um ein ganzes Land aus den Angeln zu heben.

Über den Umweg Saddam Hussein hatte sich der Eroberer mit dem passenden terroristischen Mob versorgt. Nach 9/11 tobte im Irak ebenso ein amerikanischer Krieg wie in Afghanistan. Eine Kraftprobe, bei der Ebenbürtigkeit mit dem Gegner so gefragt schien wie der Verrat von Zivil- und Bürgerrechten, die das christliche Abendland bevorratet, um seine Finger in die Wunden der Anderen zu legen und nie auf Feinde verzichten zu müssen. Die Bilder von durch US-Personal misshandelten irakischen Häftlingen im Gefängnis Abu Ghraib zeigten, was man schon kannte, seit Jahrzehnte zuvor gefangene Vietnamesen mit einem Kälberstrick am Hals in bereit stehende amerikanische Hubschrauber geführt wurden. Abu Ghraib hieß nicht Da Nang. Aber beide Orte waren miteinander verwandt. Es gab hier wie dort keinen kriegsbedingten Verlust des Zivilisatorischen, sondern dessen bewusste Aufgabe zugunsten des Barbarischen. Ein moralisches Desaster, wie es nicht ausbleibt, wenn sich Weltmächte zu Weltordnungsmächte ernennen und jedes Tabu meiden.

Ohnmacht des Widerstandes

Erstaunlicher – oder bezeichnender – Weise fanden sich weder in den USA noch in Europa politische Regulative, dies aufzuhalten. Die bürgerlichen Demokratien standen nicht unter Kriegsrecht, aber verhielten sich so. Den Protest Hunderttausender in London, Rom, Paris und Berlin kurz vor Kriegsausbruch im Februar 2003 ließen die Regierungen an sich abperlen, als seien es diese Dissidenten nicht wert, gehört zu werden.

Ohnmacht des Widerstandes statt Gegenmacht, die allein geeignet war, einen Allmachtanspruch einzudämmen, bevor Millionen dafür büßen, Hunderttausende sterben mussten. Mindestens eine halbe Million Iraker bezahlten den Einfall vom März 2003 und die archaischen Jahre danach mit dem Leben. Bis heute sind 4.414 Amerikaner gefallen, 180 Briten und 140 Soldaten anderer Staaten, deren Regierungen sich Anfang 2003 George Bush als willige Koalitionäre andienten und von Budapest bis Warschau ein eher unappetitliches Beispiel von Gehorsam ablieferten.

Je mehr sich Barack Obama nun zwischen Euphrat und Tigris Entlastung verschafft, desto mehr wird er zwischen Kunduz und Kandahar an Belastung schultern müssen – oder wollen. Es mutet schon grotesk an, dass der Irak-Exit in einem Moment forciert wird, da es in Bagdad keine handlungsfähige Regierung gibt, Instabilität und Verunsicherung vorherrschen, die sich im Grauen des Terrors entladen. Wenn die Besatzer trotzdem gehen, dann wohl nicht, weil sie Einsicht ins Misslingen ihrer Mission nach Hause tragen und vorzeigen wollen, sondern aus Angst vor erneuter Überforderung. Sollte der Irak noch einmal in das Inferno eines religiös aufgeladenen Bürgerkrieges driften, will man kein Kombattant mehr sein. Es wurde in mehr als sieben Jahren immerhin die Wahrheit erobert, wie machtlos der Übermächtige doch sein kann.

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15:00 27.08.2010

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