Grassierende Erschöpfung

Stress am Arbeitsplatz Immer mehr Beschäftigte kämpfen mit psychischen Belastungen und büßen ihre Arbeitsfreude ein. Resilienz soll vor Überforderung schützen

Er ist Marketingleiter in einem großen Unternehmen. Seit es global agiert, erweiterte sich sein Aufgabenspektrum erheblich. Das empfindet er als Herausforderung. Doch immer wenn er zu einer Präsentation vor das Management geladen wird, befürchtet er, er werde dort bloß gestellt, und es solle seine Unfähigkeit bewiesen werden. Zwar wurde gerade sein Gehalt erhöht. Anerkannt aber fühlt er sich dennoch nicht, und nachts kann er schon seit Jahren nicht mehr durchschlafen, weil er darüber nachdenkt, was geschieht, wenn er bei der nächsten Umstrukturierung rausgeschmissen wird.

Sie ist Lehrerin an einer Hauptschule. Mit Ende 50 lassen sich zwar einige Kollegen bereits berenten. Sie aber freut sich noch immer, vor allem im Fach soziales Lernen zu erleben, wie auch hart gesottene Pubertierende über sich zu reden beginnen und einen Zugang zum Lernen finden. Gerade diese Stunden aber will der Direktor jetzt streichen. Er steht unter dem Druck der Schulbehörde, gute Schulabschlüsse vorweisen zu müssen. Dem Kollegium gelingt es kaum, darüber zu verhandeln, wie das eine mit dem anderen zu verbinden sei, und neue Lösungen zu finden. Das lässt der Frau ihr Tun sinnlos erscheinen, und erschöpft tritt sie auch den schulmüden Jugendlichen gegenüber.

Von Projekt zu Projekt gehetzt

Zwei Beispiele, die für die neuen Belastungen im Arbeitsleben stehen. Zwar gefährden Muskel-Skelett-Erkrankungen noch immer am stärksten die Gesundheit am Arbeitsplatz. Doch zwischen 1994 und 2004 nahmen die Fälle von Arbeitsunfähigkeit aufgrund von psychischen Erkrankungen um 70 Prozent zu. Dabei belastet die Beschäftigten vor allem die hohe Komplexität und Verantwortung, von Projekt zu Projekt gehetzt zu werden, ohne die vollbrachten Leistungen angemessen gewürdigt zu sehen, nicht beteiligt zu sein, nicht zu wissen, was morgen geschieht, dazu immer häufiger unter prekären Arbeitsverhältnissen wie Leih- oder Zeitarbeit tätig sein zu müssen. Und keine Gruppe im erwerbstätigen Alter scheint davon ausgeschlossen zu sein. Nicht nur von Lehrern kennt man inzwischen das "arbeitsbedingte Vor-Altern", von dem der Arbeitspsychologe Winfried Hacker spricht.

In dem aktuellen, vom Dresdner Institut für Arbeit und Gesundheit herausgegebenen IGA-Barometer ("Einschätzung der Erwerbsbevölkerung zum Stellenwert der Arbeit, zur Verbreitung und der Akzeptanz von betrieblicher Prävention und zu krankheitsbedingten Beeinträchtigungen der Arbeit") geben nahezu die Hälfte der Befragten an, dass sie sich unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht oder nur eingeschränkt vorstellen können, in ihrem Beruf das Rentenalter zu erreichen. "Für uns ist das ein Frühindikator für den Wandel in der Arbeitswelt, wenn in unseren Befragungen inzwischen vier Prozent weniger Frauen meinen, die Arbeit bringe ihnen Anerkennung und ihr Stellenwert sei genau richtig, und immer weniger Frauen und Männer ihre Arbeit als vielseitig und abwechslungsreich bezeichnen", meint Ulrike Waschau vom Dresdner Institut für Arbeit und Gesundheit. Deutlich zeigen dessen Befragungsergebnisse: In den Unternehmen, in denen betriebliche Prävention und Gesundheitsförderung keine Rolle spielen, schätzen die Befragten ihre Arbeit doppelt so häufig negativ ein. Zwei Gruppen, für die das zutrifft, sind Lehrer und Sozialarbeiter. Ungefähr 60 Prozent von ihnen gaben an, ihre Arbeitgeber würden sich nicht um ihre Gesundheit kümmern.

Wenn die Helfer krank werden

Auf zwei weitere, psychisch schwer belastete Gruppen macht der Berufsverband der Deutschen Psychologinnen und Psychologen in seiner kürzlich veröffentlichten Studie aufmerksam: Ärzte und Psychotherapeuten. Die in diesem Feld Tätigen haben oft ein Idealbild von ihrem Beruf und besondere Schwierigkeiten, ihn mit einem erfüllten Privatleben zu vereinbaren. Zugleich mangelt es auf ihren Arbeitsgebieten an Personal- und Organisationsentwicklung. Beispielsweise müssen Ärzte in den Krankenhäusern mit dem Gebot der Wirtschaftlichkeit fertig werden, ohne dass überlegt wird, wie sie befähigt werden können, die neuen Belastungen zu meistern und angemessen mit den Patienten umzugehen. Psychologen und Psychotherapeuten hingegen vermeiden es aus Angst vor Stigmatisierung und dem Verlust ihrer beruflichen Zukunft, in einem frühen Stadium der Erschöpfung oder Frustration um Hilfe nachzusuchen. Sie sind dann möglicherweise genauso ausgelaugt und negativ gestimmt wie ihre Patienten. Obendrein fällt es ihnen schwer, selbst die Rolle der Hilfebedürftigen einzunehmen.

Diese Einschätzung deckt sich mit den Ergebnissen, die die Soziologin Peggy Looks von der Technischen Universität Dresden nach der Befragung von Gymnasiallehrern und Krankenhausärzten in Sachen gewann. "Bei unseren Untersuchungen wiesen etwa 45 Prozent der Lehrer und etwa 39 Prozent der Ärzte kritische Werte in Bezug auf emotionale Erschöpfung auf." Obwohl die Mehrzahl der Lehrer sich als sehr leistungsfähig einschätzten, treten 90 Prozent von ihnen vorzeitig in den Ruhestand. Ungefähr die Hälfte der befragten Gymnasiallehrer räumt allerdings ein, sie müssten ihre eigene Arbeitsweise verändern - ohne eine Vorstellung zu haben, wie das geschehen könnte. Die Ärzte wiederum klagen vor allem über die vielen Überstunden, die fehlende Freizeit und dass die Arbeitszeit nicht ausreicht, um die anfallende Arbeit zu erfüllen.

Neue Spielräume, gemischte Teams

In der Arbeitsgruppe "Wissen-Denken-Handeln" der TU Dresden forschen Peggy Looks und ihre Kollegen nicht nur nach lern- und gesundheitsförderlichen Bedingungen für verschiedene Berufe. Vor allem untersuchen sie, wie Arbeitsprozesse für geistig-schöpferisch Tätige gestaltet sein müssen, damit die Lehrer, Ingenieure oder Ärzte ein Arbeitsleben lang gesund und immer wieder zu Innovation fähig sein können. Ihre Erkenntnis: Entscheidend dafür ist nicht nur das Wissen, was man durch eine Ausbildung mitbringt, sondern vor allem die Lernerfahrungen im Beruf. Dafür müssen allerdings auch die Arbeitstätigkeiten entsprechend gestaltet sein und Spielräume zum Lernen eröffnen. "Auch wenn sich bereits jetzt der Fachkräftemangel abzeichnet, werden immer noch ältere Ingenieure entlassen oder für die Altenarbeitsplätze eingerichtet", beschreibt Peggy Looks die Situation in vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen.

Stattdessen empfehlen die Dresdner Arbeitspsychologen gemischte Teams, in denen junges Personal mit neuem Wissen und ältere Beschäftigte mit vielen Erfahrungen sich gegenseitig bereichern können. "Die Innovationsfähigkeit und auch die Gesunderhaltung in einer herausfordernden Tätigkeit werden außerdem gefördert, wenn man nicht nur Stückwerk liefern muss, sondern in vollständige Abläufe einbezogen ist", meint die Soziologin. Beispielsweise erlebt sie, dass ein Konstrukteur auf vollkommen neue Ideen kam, nachdem er in einem Verkaufsgespräch die Kunden kennenlernte. Gleichzeitig sind Beschäftigte eher bereit, Belastungen auf sich zu nehmen, wenn sie sich in ihrem Tun wertgeschätzt fühlen und wissen, wo das Unternehmen in den nächsten Jahren hin will, und mitreden können.

Zu dieser Einsicht kommt auch die Studie des Psychologenverbandes. Resilienz wird dort als die Zukunftsressource gesehen. Ursprünglich kommt der Begriff aus der Werkstoffkunde und meint die Fähigkeit, sich verformen zu lassen und in Form zu bleiben. Und genau darauf scheint es anzukommen: Sich psychisch dafür zu wappnen, den Anforderungen einer vernetzten, kommunikativen Wissensgesellschaft gerecht zu werden. Zu hoffen, es könnten einmal wieder "ruhiger werden und bessere Zeiten" eintreten, verstellt nur den Blick auf die eigenen und betrieblichen Gestaltungsmöglichkeiten.

Aus den USA kommen inzwischen Ansätze, den Resilienz-Begriff nicht nur auf Individuen, sondern auch auf Teams, Organisationen und ganze Unternehmen anzuwenden und sie in die Lage zu versetzen, mit plötzlichen Änderungen und dauerhaftem Wandel umzugehen. Das verlangt vor allem, die Realität zu akzeptieren und anzupacken, sich über die Werte der Organisation zu verständigen, wahrzunehmen, dass die im Wandel auch Halt geben. Auf dieser dieser Grundlage können Mitarbeiter improvisieren und alle Ressourcen zur Problembewältigung einsetzen.

Auch wenn Stress häufig im Kopf entsteht - den psychischen Belastungen im Arbeitsleben kann nicht nur individuell begegnet werden. Gesundheitsförderung - so die Studie - muss unbedingt als ein Thema der Organisations- und Personalentwicklung behandelt werden und verlangt mehr als nur ein betriebliches Angebot zum Stressmanagement oder eine Rückenschule nach dem Gießkannenprinzip.

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00:00 16.05.2008

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