Michael Schmid
14.04.2011 | 12:00 9

Graswurzeln aus Plastik

Lobbyismus Die Glaubwürdigkeit von Bürgerinitiativen ist für Unternehmen eine große Verlockung. Im eigenen Interesse hängen sie sich das Mäntelchen sozialer Bewegungen um

Fast 600.000 Fans hat Karl-Theodor zu Guttenberg auf Facebook. Doppelt so viele, wie Dieter Bohlen in neun Jahren zusammenbrachte. Und allesamt Anhänger, die seinen Rücktritt ungeschehen machen wollen. Oder nicht?

Dass sich binnen Stunden derart viele Unterstützer im Internet zusammenfanden, hatte schnell Skepsis ausgelöst. Blogger wie Jens Berger oder Sascha Lobo fragten sich, was hinter der Zahlenexplosion steht. Schließlich kamen auch nachts minütlich 40 Fans dazu. Andere hielten den Verdacht, es könne sich um gekaufte oder nur virtuelle Guttenberg-Unterstützer handeln, für überzogen.

Grund zur Skepsis gibt es allemal. Immer wieder sind in den vergangenen Jahren Kampagnen aufgetaucht, die mit viel Finanzkraft politische Entscheidungen erwirken wollten – und sich dabei ins Mäntelchen der Basisbewegung kleideten. Lobbyismus-Kritiker erinnern sich noch gut daran, wie zum Beispiel im Frühjahr 2005 Aktivisten gratis Eiscreme vor dem EU-Parlament verteilten und mit Transparenten auf einer Motoryacht in den Kanälen von Straßburg patrouillierten.

Hinter der „Campaign for Creativity“ standen aber keineswegs Künstler, Musiker und Entwickler, die sich für die Einschränkung freier Software und einen strikten Umgang mit Patenten einsetzten, sondern finanzkräftige Softwareriesen wie Microsoft und SAP. Orchestriert wurde der kreative Protest von Campell Gentry, einer Londoner PR-Agentur, die auch schon erfolgreich für Biopatente in der EU ins Rennen gegangen war.

Perfekte Imitation

Die möglichst perfekte Imitation von Graswurzel-Bewegungen, sagt die Hamburger Kommunikationsexpertin Kathrin Voss, versucht, sich die Glaubwürdigkeit eines Protestes zu eigen zu machen, der von ganz unten kommt, von der gesellschaftlichen Basis. Voss berät ausschließlich Verbände oder Vereine im Non-Profit-Bereich bei der Entwicklung von Grassroots-Kampagnen. Die Eigeninitiative von Menschen, ihre Spontaneität und Kreativität sind dabei zentrale Elemente. Und die große Stärke ist die Glaubwürdigkeit.

Für die Lobbyindustrie ist das eine große Verlockung. Die Imitation der Graswurzel-Bewegungen ist unter dem Begriff Astroturfing bekannt – entlehnt vom Markennamen einer amerikanischen Kunstrasensorte. Bei den künstlich initiierten Bürgerinitiativen werden Unterstützer meist unter falschen Voraussetzungen und ohne Wissen um die wahren Drahtzieher akquiriert. Für das nötige PR-Kapital sorgen Unternehmen.

Astroturfing sei schwer nachzuweisen, sagt Kathrin Voss. Trotzdem sind immer wieder Fälle aufgedeckt worden. Der Verein „Bürger für Technik“ etwa, der unter anderem an Schulen aktiv ist und um mehr Verständnis für Technik und Naturwissenschaften wirbt – aber eng mit der Atomlobby verwoben zu sein scheint. Schon in den neunziger Jahren machten die „Waste Watcher“ Schlagzeilen: Auf Umweltmessen kippten sie eimerweise Müll vor die Stände von BUND und Greenpeace, um gegen deren Kritik an Müllverbrennungsanlagen zu „protestieren“. Hinter den „Waste Watchern“ stand das Unternehmen Tetra Pak.

Oder die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, die 2007 mit dem Internetportal unicheck.de auffiel. Universitäten sollten von Studenten danach bewertet werden, wie gut oder schlecht sie die Studiengebühren verwenden – auf einer Webseite „von Studenten für Studenten“, die gleichzeitig die Einführung von Studiengebühren als positive Mitbestimmungsmöglichkeit darstellte.

Mehr Regeln gefordert

Bisweilen bleiben die Strippenzieher auch im Hintergrund und lassen echte Bürgerinitiativen die Arbeit machen. Für Ulrich Müller, Vorstand von „LobbyControl“, ist die „Gesellschaft für umweltgerechte Straßen- und Verkehrsplanung“, kurz GSV, ein gutes Beispiel. Die Initiative tritt für mehr Straßenbau ein und unterstützt Bürgerinitiativen, die sich für Umgehungsstraßen in ihrem Heimatort starkmachen. „Die GSV gibt zum Teil Anregungen, solche Bürgerinitiativen zu gründen“, sagt Müller. „Andererseits sind es auch echte Bürgerinitiativen, die sowohl strategisch als auch finanziell von diesem Verbund aus Asphalt-, Bau- und Straßenlobby mit unterstützt und gefördert werden.“

LobbyControl ist den verdeckten PR-Kampagnen und Denkfabriken schon länger auf der Spur. Die Möglichkeiten des Internet haben die Meinungsproduktion für die Lobbyorganisationen erleichtert, die Methoden sind aber meist die gleichen wie vor 20 Jahren. Wenn Information früher über klassische Medienkanäle nach dem Prinzip top-down produziert wurde, geschieht das jetzt scheinbar völlig basisdemokratisch im Internet. Das macht sich Astroturfing zunutze.

Müller wirbt deshalb für mehr Regeln, die Gesetzgebung sei gefordert. Ein erster Schritt in Richtung Transparenz, so Müller, könnte ein verpflichtendes Lobbyregister sein, das aufführt, welche Agenturen für welche Kunden die Politik zu beeinflussen suchen (s. Text links). Bisher hinkt Europa im Vergleich hinterher. In den USA gibt es ein zentrales Register, das Abgeordneten wie Bürgern Informationen über die Lobbyorganisationen zur Verfügung stellt. Versuche, Methoden wie Astroturfing transparenter zu machen, sind indes auch dort bisher gescheitert.

Michael Schmid ist freier Autor

Kommentare (9)

Joachim Petrick 14.04.2011 | 17:17

@Michael Schmid

Eine schlicht und durchgreifend aufdeckende Regel für Communities könnte, angesichts dieser Gefahrenlagen, sein, das Visier der Anonymität herunterzunehmen, sich Gesicht und Zunge zeigend, dem Widlwuchs der Namenlosigkeit Paroli bietend, mit Klarnamen in Foren als Leser/in, Blogger/in zu registrieren.

Dann ist Schluss mit Rainer Lustig, der namentlich nur einer ist und trotzdem in Foren Social Networks anonym namenlos als Mehrheit daherkommt.

"Fast 600.000 Fans hat Karl-Theodor zu Guttenberg auf Facebook. Doppelt so viele, wie Dieter Bohlen in neun Jahren zusammenbrachte"

Die 600.000 Karl-Theodor zu Guttenberg Fans sind dann auf 6 zusammengeschnurrt, als es auf dem Gänsemarkt zu Hamburg darum ging, demostrativ präsent für Karl-Theodor zu Guttenberg Farbe zu bekennen.

mcmac 14.04.2011 | 19:22

Astroturfing ist ein ziemlich großes Thema auch im Zusammenhang mit Stuttgart21.

Z.B. hat die Facebook-Seite 2"Für S21" allein 147.114 Unterstützer, während das Netzwerk der Gegenseite, die Parkschützer lediglich 32.729 Mitglieder hat.

Allerdings gibt es dabei einen ziemlich zuverlässigen "Lackmustest": Die Demonstrantenzahlen. Während die Befürworter von S21 trotz gewaltiger materieller Unterstützung auch im öffentlichen Raum es lediglich einige, wenige Male im Jahr auf ein paar Hundert Demonstranten brachten (die in einigen Fällen tatsächlich auch obendrein noch mit Freibier gelockt wurden), schaffen es die Gegner von S21 wöchentlich Tausende auf die Straße zu bringen. Und das durchaus auch bei Bedarf mehrmals wöchentlich. Bei der größten Demonstration gegen S21 im letzten Jahr waren 120.000 Menschen auf der Straße. (btw: Die Polizei rechnet diese auf Zählungen basierenden Zahlen um 50-75% herunter).

Siehe auch:

>>> www.sueddeutsche.de/politik/streit-um-stuttgart-astroturfing-geheimkampf-um-botschaften-im-netz-1.1008550

>>> www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2010/10/die-verbindungen-der-pro-stuttgart-21-initiativen/

klozivi 15.04.2011 | 17:13

Lieber Herr Schmid, das ist ja ein ganz netter Überblickartikel über das Thema "Astroturf", aber da steht ja leider nichts Neues drin. Alles was Sie zitieren sind altbekannte Fakten, null Recherche. Nichts!

Und die Sachen die Sie zitieren sind dann sogar noch ohne Quellenangabe, wie z.B. der Hinweis auf den Atomlobby-Astroturf-Skandal. Der wurde 2008 von der ZEIT aufgedeckt: www.zeit.de/2008/17/Atomlobby

Ein bisschen mehr qualiativ hochwertigen Journalismus, würde dem freitag gut tun.

n/apolomon 15.04.2011 | 21:22

Lieber Herr Schmid,

Sie schreiben u.a.:

"...Hinter den „Waste Watchern“ stand das Unternehmen Tetra Pak.

Oder die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, die 2007 mit dem Internetportal unicheck.de auffiel. Universitäten sollten von Studenten danach bewertet werden, wie gut oder schlecht sie die Studiengebühren verwenden – auf einer Webseite „von Studenten für Studenten“, die gleichzeitig die Einführung von Studiengebühren als positive Mitbestimmungsmöglichkeit darstellte."

Das ist alles wahr und oftmals nicht so leicht zu durchschauen -aber ganz neu ist diese Unterwanderung nicht (haben die Unternehmerverbände oder Bertelsmann/Springereigentlich die Sozen unterwandert, oder kam die Erfindung der neuen Mitte nicht aus eben dieser selbst?), und wenn man sich plötzlich entweder die komische Leute, die dort mitmachen, oder aber plötzlich auftretende, seltsam reaktionäre Ansichten vergegenwärtigt, kommt der geübte Beobachter oder die Beobachterin ganz leicht darauf, das diese Bewegung nicht mehr seine oder ihre ist - mit aller Konsequenz verliert die dann auch die Glaubwürdigkeit.

Aber das gabs doch schon immer, oder? Für den ersten Weltkrieg beispielsweise kannte man plötzlich keine (damals sicherlich noch tatsächlich sozialpolitisch fortschrittlich orientierten) Sozialdemokraten mehr - diese Art der Unterwanderung durch Vereinnahmung einer Bewegung unter die Nation geschah also versuchsweise argumentativ, nicht aber personell oder per Event. Letzteres, die Unterwanderung ganzer Szenen erlebten wir durch die Mainstreampresse und -medien in den Sixties, als die freiheitliche Bewegung pornographisiert wurde, oder aber im erklingen von his masters voice. Punk oder NDW waren dann nicht mehr Graswurzelbewegung, sondern von Werbetextern diktiert. Und zwar ab dem Moment, als mit Ihnen deutlich Geld verdient wurde - schon sang Fräulein Menke über die schwächelnde Urlaubsregion "Hohe Berge" - weil das Meer und die Inseln angesagter war (na gut, das vermute ich nur). Aber genau dies zerstörte sehr erkennbar ihre Authenzität.

Aber interessant wäre doch, Ihrem Text eine Unterscheidung zugrundezulegen, also vorzulagern, nämlich eine, welche Protestbewegungen bezüglich des gesellschaftlichen Grundwiderspruchs unterscheidet von solchen Bewegungen, die Grundsätzliches eben nicht mehr infragestellen. Die also im Grunde gut integriert sind. Diese letzteren Bewegungen erscheinen mir sehr leicht unterwanderbar.

n/apolomon 18.04.2011 | 15:22

Und wenn ich mich recht besinne, wäre solch beschriebene Unterwanderung oder/und die erwähnte Falschbeflaggung theoretisch gewinnbringend auch in den allgemeinen Kontext zu verorten, der da hinreicht von einerseits Gestapo- oder Überwachungsstaatsmethoden (V- Leute, Agents Provocateur, die nicht mehr unübliche, ubiquitäre Totalbespitzelung und die anlassfreie Daueraufzeichnung) zu andererseits der totalitären Persönlichkeitsstruktur bzw. der Aussenlenkbarkeit der Vereinzelten Monaden des Selbstinteresses, und des Zwanges, dass sich Ereignisse immer schon als medial verwertbar ereignen müssen, um dort wahrnehmbar zu werden. Und natürlich der (bei den als Spezialdemokraten Agierenden gut zu beobachtende Habitus: der neuerdings offen auch bei Merkel zur Dauerattitüde werdende) vorauseilende Gehorsam.

Fiel mir nur noch ein, denn diese Einbettung erst stellt den Blick frei auf die oben beschriebenen Ereignisse und Strukturen.