Grausam sicher. Aber gerecht?

Herrscher Zum 100. Todestag vom Bram Stoker wird der Roman „Dracula“ neu aufgelegt. Zu entdecken gibt es auch das historische Vorbild: Vlad III. Draculea

Mit Steidl und Reclam warten dieser Tage gleich zwei deutsche Verlage mit neuen Übersetzungen von Dracula auf, die diesen ersten, mit etlichen Mängeln behafteten Vampir-Roman auf Vordermann bringen wollen. Schon vor Jahren hat der in Transsylvanien geborene Germanist und Schriftsteller Dieter Schlesak die irre Mixtur aus geografischen und historischen Berichten in dieser hysterischen Geschichte bemängelt.

Der blutsaugende Graf bezieht nämlich seine Herkunft von den Szeklern und Ugren, von Thor und Wotan, den Werwölfen und Hexen sowie aus Asien, Afrika und Skythien. Dabei ist die historische Gestalt, aus dessen Leben Stoker geschöpft hat, um seinem Vampir ein wenig Konsistenz zu verleihen, eine der interessantesten in der rumänischen Geschichte. Vlad III. Draculea oder Tepes (der Pfähler) war ein walachischer Fürst (und kein transsylvanischer Bojar oder Prinz wie bei Stoker), der Mitte des 15. Jahrhunderts keinen geringeren als Mehmed II., den Eroberer Konstantinopels, herausforderte und seine Zeitgenossen in West und Ost das Fürchten lehrte. Die Geschicht Dracole Waide, die als mittelalterlicher Bestseller in verschiedenen Versionen von Siebenbürgen bis nach Augsburg, Lübeck, Moskau und Nordrussland zirkulierte, wirft ihm unzählige Gräueltaten vor. Ein wutrich und tirann soll dieser Fürst gewesen sein, ein Sadist vor de Sade, der, zum lustvollen Zeitvertreib, seine Mitmenschen pfählen, schinden, rösten, braten und sieden ließ, wie krut zerhackte oder gar zum Kannibalismus animierte. Die deutschsprachigen Verfasser, humanistisch geschult, sind sich einig: An Bosheit und Grausamkeit hat der Dracol Herodes, Diocletian und Nero übertroffen. Zu allem Übel pflegte sich der Schalk auch noch über seine Opfer lustig zu machen.

Notorische Instabilität

Tatsächlich enthalten manche der überlieferten Anekdoten sarkastische Pointen. So soll sich beispielsweise Tepes bereit erklärt haben, zwei Mönchen dazu zu verhelfen, schneller ins Himmelreich zu kommen. Jene nahmen sein Angebot freudig an, er ließ sie pfählen und rühmte dann seine gute Tat. Nun waren aber die Siebenbürger Sachsen, die das monströse Tepes-Bild in die Welt setzten, alles andere als unvoreingenommen. Sie befanden sich in einem Handelskrieg mit Tepes und unterstützten tatkräftig seine Rivalen. Tepes’ Einbrüche in ihre Gebiete entsprangen daher nicht der reinen Mordlust, es handelte sich um Strafaktionen, wie sie in jener Zeit üblich waren. Auch rechtfertigen andere Zeitzeugnisse dessen Härte. Er soll nicht nur grausam, sondern auch gerecht gewesen sein. Wenn er beispielsweise harsch gegen die Bojaren vorging, dann deshalb, weil er sie für einen wesentlichen Faktor der notorischen Instabilität im Fürstentum hielt. Überhaupt soll die Gegend, die er beherrschte, ob seiner Strenge sicherer geworden sein.

Eine russische Fassung berichtet von einer Quelle, an der ein kostbarer goldener Becher stand, aus dem jedermann trinken konnte und den, aus Furcht vor Tepes, niemand zu stehlen wagte. Ja, selbst in späteren deutschen Fassungen lässt Tepes einen Mönch, der ihn als den größten Tyrannen bezeichnet, von dannen ziehen, weil er war gesagt hat, und einen anderen, der ihm schmeichelt, der unwarheit wegen pfählen. Natürlich sollten derlei Berichte nur beweisen, dass sich Tepes seiner Untaten sehr wohl bewusst war. Dennoch wird durch sie seine Darstellung nuanciert. Gedenkt man nun auch seiner Verwegenheit und seinem Mut im Kampf, so kann man darüber sinnieren, ob anstelle von Cesare Borgia nicht eher er zum Vorbild von ­Machiavellis Principe getaugt hätte. Denn anstatt dem Sultan den eingeforderten Tribut zu zahlen, ließ Tepes die osmanischen Gesandten auf höhere, ihrem Rang entsprechende Pfähle aufspießen und griff die osmanischen Grenzgebiete an. Dann zermürbte er in einem hartnäckigen Kleinkrieg das große osmanische Heer, das unter Mehmeds Führung zum Gegenschlag in die Walachei einmarschiert war. In der Nacht vom 17. auf den 18. Juni 1462 wagte er einen Überraschungsangriff auf das Lager der Osmanen mit dem Ziel, den Sultan zu töten. Das gelang zwar nicht, die Osmanen erlitten aber große Verluste.

Solche waghalsigen Unternehmungen sowie die Praxis der psychologischen Kriegsführung (das osmanische Heer musste an einem Wald von Gepfählten vorbeiziehen) oder die Tricks, die er bei der Eroberung von Festungen anwandte (türkisch sprechend und als Osmane verkleidet, verschaffte er sich mit Getreuen Einlass), haben Tepes’ Ruf als einer der größten Feldherrn seines Jahrhunderts begründet. Die Abwehr von Mehmeds Angriff nutzte Tepes jedoch wenig. Einer angeblichen Intrige mit den Osmanen gegen den ungarischen König Matthias Corvinus bezichtigt, wurde er zwölf Jahre von diesem gefangen gehalten. Dabei war die Angst, die er den Osmanen einflößte, immer noch so groß, dass Corvinus ihn stets dabei haben wollte, wenn osmanische Gesandtschaften in Buda eintrafen: Tepes’ bloße Anwesenheit ließ diese nachgiebiger werden. Seine letzten Jahre waren dann wieder ereignisreicher. 1475 kämpfte er für den ungarischen König gegen die Osmanen in Bosnien, 1476 wurde er erneut für kurze Zeit Fürst der Walachei. Aber von den walachischen Bojaren wieder einmal verraten, wurde er in einer Schlacht erschlagen. Sein Kopf wurde dem Sultan als Geschenk geschickt, sein Körper soll in einem Kloster in der Nähe von Bukarest bestattet worden sein.

Sehnsucht nach dem Retter

Die Erinnerung an Tepes blieb doch stark genug, dass Victor Hugo ihm Mitte des 19. Jahrhunderts ein paar Verse widmete. Um 1890 entdeckte ihn dann Stoker. In Rumänien wurde Tepes mit dem Aufkommen des Nationalbewusstseins immer mehr zum selbstlosen Kämpfer in Sachen Unabhängigkeit stilisiert, während er doch in Wahrheit, durch und durch ein Kind seiner Zeit, zum machtbewussten Typus des Condottiere gehörte. Ihren Höhepunkt erreichte diese verfälschende Verehrung freilich unter Ceauşescu, der Tepes in die lange Reihe der fast heiliggesprochenen Vorgänger eingliederte – um sich selber noch mehr zu erhöhen. Natürlich haben sich im Laufe der Zeit auch unzählige rumänische Autoren mit seiner Person befasst. Die berühmtesten Zeilen, die ihm je gewidmet wurden, stammen von Mihail Eminescu: Ach, wo bist du, Tepes Wayda, lass uns nicht noch deiner harren, / Teile diese in zwei Haufen, da die Schurken, dort die Narren, / Sperr sie ein in breite Kerker, in ein Zucht- und Irrenhaus, / Steck sie dann in Brand doch beide, auf dass keiner kann heraus.

Das war 1881. Die Sehnsucht nach dem rächenden Retter, dem gerechten, Ordnung schaffenden „Führer“, der alle Übel ausmerzt, alle Probleme löst, ist jedoch in Rumänien nach wie vor leider groß. Der Entwicklung einer funktionierenden Demokratie dient es nicht. Dabei verschmilzt in Zeiten der freien Marktwirtschaft Tepes immer mehr mit Dracula. Es gibt Dracula-Hotels und Dracula-Restaurants, ja sogar Dracula-Freizeitparks entstehen. Dracula-Fans wird Bran als Tepes’ Burg verkauft, obwohl dieser sich nie dort, sondern in der eher unbekannten Festung Poenari aufzuhalten pflegte. Währenddessen veranschaulicht das Schicksal dieses verteufelten und geliebten Vlad Tepes nur allzu gut jenen Satz von Gottfried Benn, wonach die Geschichte eine sinnlose Abfolge von Mord und Totschlag sei. Eine Vampir-Staffage ist dafür wahrlich nicht notwendig.

Ioana Orleanu schreibt im Freitag regelmäßig über Rumänien

10:40 20.04.2012
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