Grenze

Ehrung für Botho Strauss Lessing-Preis für Gegenaufklärer?

Am vergangenen Montag erhielt Botho Strauß den Lessing-Preis der Stadt Hamburg. Da die Hansestadt mit diesem Preis Menschen würdigt, die sich im Sinne Lessings der Aufklärung verbunden fühlen, ist die Wahl des rechtsintellektuellen Stichwortgebers der selbstbewussten Nation zumindest irritierend. Sicher, Strauß hat sich mit unbeirrbarer Konsequenz den Moden des Zeitgeistes, dem Verwertungs- und Nützlichkeitsdenken widersetzt, auch ist er sensibel für die Zumutungen der modernen Massen- und Mediengesellschaft, die er im Anschwellenden Bocksgesang das »Angerichtete«, »das Regime der telekratischen Öffentlichkeit« nannte. Für Krisenwahrnehmung gibt es kein Privileg, auch kein linkes. Aber seine Kritik ist ideologisch, so dass sie sich, um mit dem Lessing-Preisträger Horkheimer zu reden, von der vollen Wahrheit ebenso scheidet, wie von der bloßen Lüge.

Botho Strauß streitet entschieden gegen den vermeintlich linken kulturellen Mainstream in diesem Land »da links doch von altersher als Synonym für das Fehlgehende gilt«. Er mag auch nicht, dass man »voller Aufklärungshochmut seine Politik gerade auf den Beweis der Machtlosigkeit von magischen Ordnungsvorstellungen begründet.« Die negative Konnotation des Wortes »links« hat durchaus einen berechtigten politischen Nebensinn. Linke kennzeichnet eine Unruhe, ein Nicht-zurecht-kommen und ein Nicht-einverstanden-sein mit der bestehenden Rechts-Ordnung. In diesem Unruheelement ist in der Tat eine Potenz, die sich auf den Beweis der Machtlosigkeit magischer Ordnungsvorstellungen richtet. Zugleich ist diese Potenz ein wesentliches Merkmal der Aufklärung. Sie untergräbt und entzaubert die Macht magischer Geltungsansprüche, die heute meistens Sachzwänge heißen, indem sie die dahinterstehenden profanen Interessen ans Licht der Vernunft befördert. Und wie der weise Nathan sagt, »macht dann der süße Wahn der süßern Wahrheit Platz.« Leider erschien die Wahrheit nicht immer süßer als der Wahn, und Strauß ist nicht der erste, der die Nachtseite der Vernunft, die Emanzipationstragödie der Dialektik der Aufklärung in den Blick nimmt. Aber Strauß ergreift für das Ende des aufklärenden Denkens und seiner emanzipatorischen, sprich »devotionsfeindlichen« Versprechen Partei und entwickelt ein Konzept von »Gegenaufklärung«, indem er mit dem Anspruch auf Entzauberung zugleich auch das Streben nach vernünftiger Veränderung aufgibt. Hier geht es nicht, wie die Preis-Jury in schöner Taschenspieler-Dialektik meint, um Aufklärung mit den Mitteln der Gegenaufklärung, sondern um einen Kampf für die »Verbesserung der menschlichen Leidenskraft und gegen die politischen Relativierungen von Existenz.« Das Engagement für die Verbesserung der menschlichen Leidenskraft anstelle des Versuches, das Leiden abzuschaffen, ist als Reaktion auf das unmenschliche Abmäßigen der Tragödien in den Medien und die Destruktion von Bedeutungszusammenhängen inakzeptabel. Dabei wäre gerade an Lessing zu lernen, wie Wahn und Wahrheit, Religion und Vernunft zu verbinden sind.

Die weitreichende Kritik am militanten und bigotten Liberalismus des freien Westens, an der Reduktion der Vernunft auf das Begreifen und Akzeptieren von Marktmechanismen ist oft stimmig und macht Strauß´ Werk so wichtig. Allerdings, und das ist entscheidend, werden die Ursachen des »Angerichteten« falsch benannt, wird der Anspruch auf Emanzipation und Glück unnötigerweise aufgegeben. Demgegenüber bleiben die Begründung und die Aufgabenstellung aufklärender Theorie und Praxis auch nach 1989 unbeschadet bestehen, zumal, wenn man darunter eine politische Haltung versteht, der es auf eine Änderung konkreter Missstände ankommt. Damit sind keineswegs die eifrig tabubrechenden Enthüllungsjournalisten gemeint.

In der Nachfolge Lessings geht es noch immer darum, über die Möglichkeit und Notwendigkeit der Verbesserung bestehender Zustände aufzuklären und mit den Mitteln der öffentlichen Rede auf eine weitest gehende Abschaffung des Leidens hinzuwirken. Trotz der extensiven Vernutzung von menschlicher Arbeitskraft und natürlichen Ressourcen gelingt es dem siegreichen und scheinbar alternativlosen, westlichen System nicht, vielfältiges und sehr konkretes Leiden zu beseitigen. Darauf mit einem Plädoyer für die Verbesserung der menschlichen Leidensfähigkeit zu reagieren, ist unangemessen, ja zynisch; es bezeichnet eine deutliche Grenzmarke zu der Motivation der Aufklärung im Sinne Lessings.

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00:00 07.09.2001

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