Grenzerfahrungen

Kehrseite Als ich neulich durch die tristen Randzonen meiner sächsischen Heimatstadt trottete und über die letzten verwinkelten Schachzüge meines Lebens ...

Als ich neulich durch die tristen Randzonen meiner sächsischen Heimatstadt trottete und über die letzten verwinkelten Schachzüge meines Lebens nachdachte, lief unverhofft die Weiße Dame vorbei, steckte mir, dem verwirrten schwarzen Bauern auf H 7, einen versiegelten Umschlag zu und verschwand hinter der nächsten unscheinbaren Robinie am Wegesrand. Wie immer in solchen schicksalsschwangeren Momenten betete ich zu allen Schäferzug-Göttern dieses Planeten und erbrach das Siegel mit zitternden Händen. Der Umschlag enthielt die Hälfte einer offenbar hastig hingemalten Landkarte, auf der ein großes schwarzes Kreuz eingezeichnet war. Das Ganze sah aus wie der zerrissene Plan von Stevensons Schatzinsel. Ich musste an den finsteren holzbeinigen Schiffskoch John Silver denken und mich fröstelte. Verwirrt und hilflos hielt ich das Stück Papier in den Händen, als am Horizont drei Gestalten auftauchten. Zwei davon trugen offensichtlich schwere Kisten auf dem Kopf. Die Gruppe kam schnell näher. Sie wurde angeführt von der berühmten Schweizer Archetypen-Ethnologin russischer Abstammung namens Natascha-Lou Salomé, die mit ihren beiden halbnackten eingeborenen sächsischen Trägern gerade eine Forschungsexpedition in die suburbanen Wildnisse meiner Heimatstadt unternahm. Mit einem Stück Papier in der Hand steuerte Natascha-Lou auf mich zu, umarmte mich schwesterlich, als würden wir uns schon lange kennen, und hielt ihren Zettel, auf dem ebenfalls eine halbe Landkarte abgebildet war, neben den meinigen. Und tatsächlich - die Kartenhälften passten! Es schien, als wäre unsere Begegnung vorherbestimmt. Die Miene der Ethnologin hellte sich auf und nach einem kurzen Blick auf den nunmehr vollständigen "Schatzplan" bedeutete sie mir zu folgen ...

Die Expedition führte über vielbefahrene Ausfallstraßen und gigantische Parkplätze dimensionsloser Einkaufszentren, vorbei an Drive-Ins und haushohen Reklametafeln, durch suburbane Gewerbegebiete und monströse Fertighaussiedlungen am Rande alter, nach der Wende unvermittelt in den Speckgürtel der Großstadt geratener Dörfer. Endlich, genau in der Mitte eines architektonisch besonders grausamen Wohnparks namens Waldesruh, auf einem zugigen Landstück hundert Meter vor der Autobahn, ließ Lou Salomé die Expedition halten. "Hier muss es sein!", sagte sie und zeigte auf das schwarze Kreuz auf meiner Landkartenhälfte. Sie entließ die Träger und enthüllte mir nun den Grund unseres Hierseins.

Der Wohnpark, in dem wir uns befanden, war die Erfindung eines wendigen Dorfbürgermeisters, der Anfang der neunziger Jahre eine übelriechende Mülldeponie zuschieben ließ, das Ganze als Bauland deklarierte und an eine bayerische Investmentgruppe verkaufte, die ihrerseits umgehend eine Fertighaussiedlung in Billigbauweise darauf setzen ließ. Eigenheimwillige Großstadtfamilien zog es nun in Scharen hinaus in die heile ländliche Idylle an der Autobahn. - In letzter Zeit allerdings etwas weniger, denn die Siedlung war leicht in Verruf geraten: Nicht nur dass bei den Einwohnern vermehrt die üblichen Krankheitserscheinungen suburbaner Siedlungen aufzutauchen begannen, als da wären: Alkoholismus, Übergewichtigkeit und die gemeine Speck-Gürtelrose. Nein, - darüber hinaus zeichnete sich der Wohnpark Waldesruh auch durch eine überdurchschnittliche hohe Anzahl von Krebs- und Allergiefällen, Hormonstörungen, Depressionen, Wahnerscheinungen und Selbstmordversuchen aus. Um letztere in den Griff zu bekommen, war bereits die Einrichtung eines regelmäßigen Bus-Shuttles in die nahe gelegene Nervenklinik in Erwägung gezogen worden. Man hatte es dann aber doch vorgezogen, den Wohnpark selbst als Außenstelle des psychiatrischen Klinikums zu betrachten und das ganze als Gebiet für geschütztes Wohnen auszuweisen. Kurzum: bei der schönen Eigenheimsiedlung Waldesruh handelte es sich offensichtlich um ein ökologisches und spirituelles Notstandsgebiet von bisher nie gekannter Komplexität. Ein renommiertes ortsansässiges Umweltforschungsinstitut war mit der Aufklärung und Heilung des Falles beauftragt worden. Da die Mitarbeiter des Instituts jedoch trotz jahrelanger intensiver Bemühungen mit den üblichen wissenschaftlichen Methoden und Verfahren nicht zum Erfolg gelangten, wollte man den Wohnpark bereits als eine Art unheilbares Bermuda-Dreieck abhaken und von der wissenschaftlichen Landkarte streichen. Nachdem sich der Chef des Umweltforschungsinstituts jedoch unlängst als Bettlektüre die anarchistischen Schriften eines gewissen Paul Feyerabend reingezogen hatte, war er wild entschlossen, endlich einmal wider den Methodenzwang zu handeln und unkonventionellen ganzheitlichen Forschungs- und Heilmethoden eine Chance zu geben. Aufgrund dieser unvorhersehbaren Entwicklungen war schließlich die berühmte Schweizer Archetypen-Ethnologin und Heilpraktikerin Natascha Lou Salomé angeheuert worden. Sie sollte nun die Anomalien des suburbanen Wohnparks an der Autobahn erforschen und auskurieren. Natascha-Lou, die zugleich Spezialistin für Geomantie, Psychotherapie, Astrologie, Mythenpragmatismus, Orgonstrahlung, Lehmbau, Stadtplanung, Permakultur und Agenda 21 war, hatte sofort zugesagt und war mit ihren sämtlichen Forschungsutensilien angereist. Und das Schicksal hatte es gefügt, dass ich ihr nun assistieren sollte.

Unter den argwöhnischen Augen der Wohnpark-Bewohner, die uns hinter Fensterscheiben und Maschendrahtzäunen aus den Refugien ihrer sozialen Isolation heraus beobachteten, begannen wir, nach den Plänen meiner neuen Gebieterin eine kleine Lehmhütte zu errichten. Sie sollte in den nächsten Tagen und Wochen unser spirituell gereinigter Schlaf- und Lagerplatz werden.

Nachdem wir unser archaisches Bauwerk innen und außen mit magischen Symbolen verziert hatten, die jedem paläolithischen Künstler zur Ehre gereicht hätten, öffnete Natascha-Lou eine der mitgebrachten großen Kisten und holte zwölf etwa 80 cm lange schwere Metallnägel hervor. Sie drückte mir einen riesigen Hammer der Marke Bello in die Hand und begann mit geschlossenen Augen, allein geführt von ihren sensitiven Kräften, nach bestimmten Kraftpunkten des Geländes zu suchen. An diesen geomantisch günstigen Punkten sollten dann die Metallnägel in die Erde getrieben werden, um die negativen Schwingungen, die offensichtlich vom Untergrund der Siedlung ausgingen, zu absorbieren. Der erste dieser Kraftpunkte war noch unproblematisch, er lag im 10-Quadratmeter-Standard-Vorgarten eines der Eigenheime. Wir überstiegen den Zaun und ich schlug den Nagel mit meinem schweren Hammer in den düpierten englischen Rasen. Der zweite Nagel war schon schwieriger: ich musste zunächst ein Loch in die Asphaltdecke der Straße schlagen, ehe ich mit äußerster Anstrengung den Nagel in die Eingeweide der Erde versenken konnte. Vollends schwierig wurde die Sache beim dritten Kraftpunkt. - Dieser befand sich im Haus einer dreiköpfigen Familie. Das Familienoberhaupt, ein mittlerweile arbeitsloser Mittvierziger, öffnete die Tür. Er war ein ziemlicher Hüne, hatte seinen Charakterpanzer tief ins Gesicht gezogen und schaute uns grimmig an. Ich versteckte mich hinter der schmalen Taille von Natascha-Lou. Es war unser erster Kontakt mit den Eingeborenen und man konnte ja nie wissen! - Zwar hatte ich einen Hammer, aber der Mann sah aus, als läge die Kettensäge gleich griffbereit hinter der Tür. Mit unbändigem Charme vermochte es meine Gebieterin jedoch, den Hausvorstand davon zu überzeugen, uns in sein Badezimmer zu lassen, wo ich schließlich rechts neben dem Klobecken den dritten therapeutischen Nagel zwischen die Fliesen in die Erde trieb. Mit unseren weiteren geomantischen Aktionen drangen wir nun, Nagel für Nagel, immer mehr ins soziale Geflecht des tristen Wohnparks ein.

Am Abend kannte uns die gesamte Siedlung. Einige besonders Neugierige kamen sogar herüber zum Lagerfeuer an unserer Lehmhütte. Natascha-Lou begann mit ethnologischer Akribie, die mythischen Erzählungen und Träume der nativen ostdeutschen Eigenheimbewohner abzufragen und aufzuzeichnen (soweit ich mich erinnere, handelte eine der Grundmythen vom Eigentum).

Am nächsten Tag hatte bereits ein Großteil der Eingeborenen Zutrauen gefasst. Geduldig und mit wachsender Begeisterung hörten sie zu, als Natascha-Lou ihnen die Kunst der Fassadenbegrünung erläuterte. Kletterpflanzen wurden eingebuddelt, hochstämmige Obstbäume gepflanzt. Ein Großteil der Anwohner entschloss sich, das schmale Stück heiligen englischen Rasen hinterm Haus in eine richtige Wiese zu verwandeln. Hier und da wurden sogar Zäune zwischen angrenzenden Grundstücken eingerissen! Die Leute wurden freundlicher und offener und auch ich spürte meine Lebensenergien heftiger pulsieren, wenn ich die wundertätige Ökopsychosozialtherapeutin Lou Salomé bei der Arbeit sah.

Am Abend veranstaltete Natascha-Lou schließlich eine viel umjubelte Lesung aus Pierre Bourdieus neuestem Buch zur sozialen Depravation in suburbanen Eigenheimsiedlungen, die unübersehbare kathartische Effekte zeitigte. Anschließend tanzte sie vor den staunenden Eingeborenen einen feurigen lebenshungrigen Flamenco-Tanz, offensichtlich um diese endgültig aus der Reserve zu locken. Und tatsächlich: ein Mann mittleren Alters mit irgendwie leicht südländischem Aussehen erinnerte sich plötzlich seines armenischen Urgroßvaters, holte seinen alten Plattenspieler aus dem Keller und legte eine wunderbar knisternde Platte mit dem Säbeltanz von Aram Chatschaturjan auf. - Nun ging die Post ab! Wildfremde Menschen, die sich sonst nur verklemmt von Gardine zu Gardine gegrüßt hatten, begannen ekstatisch miteinander herumzuhopsen und Grenzerfahrungen zu machen. Auch Natascha-Lou zögerte keine Sekunde, stürzte zu dem frisch gebackenen DJ und riss ihn mit sich in den Säbeltanz-Exzess. - Ich überlegte: War dies die Art, wie eine Ethnologin die Methode teilnehmender Beobachtung praktizieren sollte?! - Oder eine Therapeutin eine ordentlich-selbstbestimmte Therapie?!

Ich wurde plötzlich sehr eifersüchtig, verlor meine emotionale Kompetenz und verzog mich in die Lehmhütte, um zu schlafen. Auf meinem Nachttisch lag mysteriöserweise ein Buch. Es trug den Titel: Wie heiratet man seine Therapeutin?"

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00:00 18.05.2001

Ausgabe 43/2021

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