Grimasse im Raum

Kunstkanon Marion Baruch lockt in ein Labyrinth aus bunten Stoffresten. Noch ist die 92-Jährige für viele unbekannt. Das dürfte sich bald ändern – in Leipzig wird das Werk der poetisch-ironischen Künstlerin endlich umfassend gewürdigt
Grimasse im Raum
Die Textilabfälle der Mailander Prêt-à-Porter-Industrie sind auch ein Einspruch gegen patriarchale Schönheitsnormen

Foto: Noah Stolz

Der italienische Unternehmer Dino Gavina rief 1971 eine Linie „funktionaler“ Kunstwerke ins Leben. Entwürfe von Künstler:innen wie Meret Oppenheim, Marcel Duchamp und René Magritte wurden realisiert. Auch Marion Baruch entwickelte zwei Objekte: Ron Ron, ein kugelförmiger schwarzer Fellhocker mit Schwanz, und Lorenz, ein teppichartiger Schlafsack mit Gummiaugen. Während sich Namen wie Oppenheim und Magritte fest in die Kunstgeschichte einschrieben, ist die 92-jährige Baruch für viele – noch – eine Unbekannte. Dem Einsatz des Schweizer Kurators Noah Stolz ist es zu verdanken, dass ihr nun international Aufmerksamkeit zuteilwird: Das Kunstmuseum Luzern richtete 2020 eine erste Werkschau aus und auf der Art Basel war sie in diesem Jahr in der Sektion Unlimited vertreten.

Die Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig zeigt nun ihre erste umfassende Ausstellung in Deutschland. Als Bildungseinrichtung dürfen Hochschule und Ausstellung im Gegensatz zu den Museen im Freistaat geöffnet bleiben, vorausgesetzt, Besucher:innen können 2-G-plus nachweisen.

Während draußen der graue Schneeregen zur sächsischen Lockdown-Stimmung passt, begrüßt drinnen ein farbenfrohes Labyrinth aus Stoffresten. Kräftiges Rot und Blau, Mint, Textmarker-Gelb, Quer- und Längsstreifen verdichten sich zu einer Textur unter dem Titel Endless going trying to say. Dazwischen öffnen sich Wege, entsteht eine Choreografie, ausgeführt von den Besuchenden, deren Schatten sich mit denen der Stoffe auf dem Galerieboden zu einem neuen ephemeren Bild verweben.

Die Funktionsjacke tropft

Grundlage der Stoffskulpturen sind Textilabfälle der Mailänder Prêt-à-Porter-Industrie. Baruch bekommt sie in einem Müllsack nach Hause geliefert, sortiert den Stoffknoten nach Größe, Schwere, Farbe und Art der Leerstellen. Die herausgeschnittenen Formen verweisen auf Ärmel, Röcke oder Hosenbeine, erinnern an Tierfelle und bilden Grimassen im Raum. Seit den 1960er-Jahren beschäftigt sich Marion Baruch mit Kleidung und deren Beziehung zum Körper: 1969 schuf sie eine Art schwarzen geometrischen Kleidersack. Von einem Menschen getragen wird der zur Skulptur, verschwinden Form und Proportion, was auch als Einspruch gegen patriarchale Schönheitsnormen verstanden werden kann. Baruch selbst trägt ausschließlich weiß und schwarz, starke Kontraste kann sie trotz einer Sehschwäche noch wahrnehmen. Für die jüngste Arbeit Bomba hat sie eine eigene Funktionsjacke zerschnitten und so angeordnet, als würde eine zähe Flüssigkeit an der Wand herabtropfen und Malewitschs Schwarzes Quadrat formen wollen.

In acht kleinen Wandvitrinen aus Plexiglas werden mittels Text und Fotografien weitere Arbeiten vorgestellt, die Wendepunkte in ihrem Schaffen markieren. Immer wieder hat Baruch eine zeitgenössische Sprache gefunden, geprägt von Witz und Wortspielereien, poetisch, ironisch, kritisch. Die „Idee der Form als Behältnis“ liegt ihren Werken zugrunde: In den 60er-Jahren produzierte sie eine durchsichtige Kugel, in der ein Mensch sich durch seine Umgebung rollen kann. Baruch bewarb den Prototyp in Tageszeitungen, erhalten hat er sich nicht. Wer wie sie ein Leben lang viel gereist ist, hat nicht überall ein Lager. Ein auch ökonomischen Engpässen geschuldetes Problem, das viele Künstlerinnen betrifft. 1929 in Rumänien geboren, studierte Baruch Kunst in Bukarest und Israel beim Bauhausschüler Mordecai Ardon. Ein Stipendium führt sie 1954 nach Italien, wo sie nach Stationen in Paris und London heute wieder lebt. Sieben Sprachen spricht sie fließend, darunter auch Deutsch.

Als Reaktion auf ihre Erfahrungen mit dem Kunstmarkt gründete sie 1990 das Label „Name Diffusion“, eine im Handelsregister eingetragene Firma, mit der sie künftig ihre Werke signierte und andere involvierte. Hier wird der Name zum Behältnis. In den 90er-Jahren realisiert sie Projekte, die sich jeglicher Vermarktung entziehen: In einem Frauenhaus initiiert sie eine fiktive Gesetzesänderung zur freien Namenswahl, und als die „Sans-Papiers“ 1996/97 in Paris Kirchen besetzen und in Hungerstreik treten, nimmt sie an vielen Aktionen teil und dokumentiert. Für Une chambre vide räumt sie ein Zimmer ihrer Wohnung leer und lädt Fremde und Bekannte mit handgeschriebenen Flyern zu sich ein – ohne Ziel, ohne Thema.

Institutionskritik, Feminismus, Migration, Konsumkritik, das Ausloten der Grenzen von Kunst und Design – es mag auch diese Heterogenität sein, die bisher die angemessene Präsenz von Marion Baruch in der Kunstwelt verhindert hat. Ein in die Jahre gekommener Computer verweist in Leipzig auf ihre interaktiven Netzprojekte, die von der Idee zeugen, den sozialen Raum durch das Internet neu konfigurieren zu können. Daneben steht ein Bett – Baruchs bevorzugtes Möbel zum Arbeiten – darauf Archivboxen mit weiteren Materialien und Fotografien. Eine zeigt unzählige beschriftete Pappkartons, die sich in ihrem Haus stapeln und verdeutlichen, wie viel hier noch systematisch aufgearbeitet, kunsthistorisch eingeordnet und kuratorisch präsentiert werden will. Man wünscht Baruch und der Kunstwelt, dass sich möglichst schnell weitere Menschen finden, die sich auf diesen Kosmos einlassen und ihre Erinnerungen für die kommenden Generationen konservieren.

Marion Baruch – DÉCALAGE HGB Galerie Leipzig, bis 28. Januar 2022. Kuratiert von Ilse Lafer und Noah Stolz mit Unterstützung von Dana Diminescu

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06:00 19.12.2021

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