Grimmige Hoffnung

Vater vermisst Kirsten Boie erzählt von Gewissensnot und Glücksträumen der Fünfziger Jahre

Eine Kleine-Leute-Wohnung in Hamburg. Die zehnjährige Moni feiert mit Mutter und Oma Silvester. Muttis fidele Arbeitskollegin ist auch dabei. Alle haben sie lustige Papphüte aufgesetzt. Im Radio singt Hans Albers "La Paloma". Moni stellt sich vor, der Sänger sei ein Vater, der draußen auf dem Meer für seine Familie Fische fängt - und dann kentert sein Boot, bei Wind und Wetter. Das Jahr 1955 steht vor der Tür.

Ein männliches Wesen gehört nicht zur kleinen Festgesellschaft in der Wohnküche, abgesehen von der Schlagerstimme im Radio - und von einem Foto auf der Anrichte: dem Foto eines lachenden großen Jungen. Das ist Heinrich, Omas Sohn, Monis Vater. Das Mädchen kennt ihn nur als den auf dem Bild, und aus Omas Erzählungen und Mutters Andeutungen. Seit 1944 gilt er als vermisst. Im gleichen Jahr erst war Mutter ihm begegnet - Fronturlaub, Schwangerschaft, überstürzte Kriegstrauung.

Bei anderen Familien stehen auch solche Fotos. Die tragen aber meist einen Trauerrand: Gefallen, tot. Heinrich hingegen ist nicht gefallen, nicht tot. Das jedenfalls glaubt Oma felsenfest. Er wird zurück kommen. Schon oft ist einer überraschend aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. Zwar könnte man Heinrich offiziell für tot erklären lassen, Mutter erhielte dann eine kleine Rente und könnte neu heiraten. Aber Oma ist strikt dagegen, es wäre für sie Verrat an ihrem Jungen, Verrat an der Hoffnung, der endgültige Todesstoß. Immer wenn Monis Mutter darüber reden will, fliegen die Fetzen und Oma wird zum funkensprühenden Ungeheuer. Dann beeilt sich das Mädchen, aus der Wohnung zu schlüpfen und sich mit den Nachbarskindern zu treffen.

Da ist Harald, dessen Eltern aus Ostpreußen vertrieben wurden und nun, als "Polacken" verschrieen, in den armseligen blechernen Nissenhütten wohnen; bald werden sie samt Harald nach Australien auswandern - ein Spielkamerad weniger. Und da ist die kleine Hilli, die immer solche Angst um ihre Mutter hat, weil die bei den Kommunisten mitmacht und Ärger mit der Polizei hat. Hilli wirkt ein bisschen altklug, und was sie manchmal über Deutschland und Adenauer und den Frieden sagt, passt gar nicht mit dem zusammen, was Harald aus seinem eigenen Elternhaus aufschnappt, so dass Moni ganz durcheinander kommt. Aber ihre Oma meint ja auch, aus der Politik solle man sich besser raushalten.

Das Frühjahr kommt, Moni schafft, allen Selbstzweifeln zum Trotz, die Prüfung für die Oberschule, schließt neue Bekanntschaften. Ihr erster Besuch bei der Klassenkameradin Heike wird zur heiklen Expedition in soziales Neuland: Die Arztfamilie wohnt in nobler Gegend in eigenem Haus, es gibt ein Esszimmer, mehrere Kinderzimmer, einen Fernseher und anderen unerhörten Luxus mehr. Moni nimmt sich vor, einen Gegenbesuch Heikes um alles in der Welt zu verhindern - was ihr ebenso misslingt wie die Aufrechterhaltung der kleinen Notlüge, ihre Oma arbeite als Krankenschwester. In Wirklichkeit geht sie nur putzen.

Inzwischen ist ein neuer Mann in Mutters Leben aufgetaucht. Helmut heißt er und bemüht sich, so gut er kann, um das Wohlwollen der störrischen Moni. Die steht zwischen allen Fronten, weiß selbst nicht, was richtig, was falsch ist. Gewiss ist Oma zu hartherzig, wenn sie Mutter keinerlei Vergnügen gönnt und sie als "Flittchen" beschimpft. Andererseits: Darf sie einfach so tun, als wäre sie unverheiratet? Und ist dieser Helmut nicht etwas seltsam, hinkt er gar? Andererseits wieder: Er hat Humor, der gemeinsame Kinobesuch war wunderschön, und gegen sein nagelneues Goggomobil ist auch nichts einzuwenden.

Nicht nur für die junge Romanheldin ist dieses eine Jahr, von dem Kirsten Boie so subtil und atmosphärisch genau erzählt, ein schwieriges, sondern für alle Beteiligten. Für Monis Mutter, die ihre Schwiegermutter nicht verletzen, aber auch nicht in ihren besten Jahren verkümmern will. Für den Heimkehrer Helmut, dem die Situation viel Geduld und Verständnis abverlangt. Schließlich auch für die Großmutter, die noch zehn Jahre nach Kriegsende die unbändige Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass ihr Sohn lebt, und diese Hoffnung grimmig verteidigt. Gegen Ende des Romans, man schreibt den Herbst 1955, reist sie noch nach Friedland, wo die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion eintreffen sollen. Als sie zurückkehrt, sind ihre Haare endgültig weiß geworden. Dann endlich sagt sie den entscheidenden Satz: "Das Leben muss weitergehen".

Ohne Frage ist die Figur der Großmutter die markanteste im Buch der Hamburger Autorin. Sie ist ein verdammter Dickschädel, aber man kann sich ihrem Charme nicht entziehen, wenn sie in herzhaftem Hamburgisch snakt, ihrer "lütje Zuckersnut" Moni Haferflockensuppe mit Zucker vorsetzt, ihr gut zuredet, dass sie "liekers so schlau as de annern" auf der Oberschule sei, oder eine elektrische Kaffeemühle kopfschüttelnd als "Düwelskram" bezeichnet. Um so besser, dass sich Moni am Ende der Geschichte - man feiert übrigens gerade wieder Silvester - nicht gegen ihre Oma entscheiden muss.

Kirsten Boie: Monis Jahr. Roman. Friedrich Oetinger, Hamburg 2003, 256 S., 12 EUR


00:00 05.12.2003

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