Bert Rebhandl
Ausgabe 2316 | 12.06.2016 | 06:00

Großaufnahme

Euro 2016 Fußball wird heute übertragen, wie man Filme inszeniert. Bert Rebhandl über die Standardsituationen des Guckens – die besten Momente am Spiel, die keine Tore sind

Großaufnahme

„Beeindruckende Bilder, meine Damen und Herren“

Foto: Giuseppe Cacace/AFP/Getty Images

Einreihung

Die zwei, drei Minuten im Spielertunnel, in denen die Mannschaften sich hinter den Referees auffädeln, in einem häufig engen Schlauch, in dem die Kameras nicht anders als in den Barthaaren der Spieler Platz finden, gehören zum luxuriösen Ritualbestand von Fußballübertragungen. Bei kommerziellen Sendern läuft um die Zeit Werbung, es sind die Minuten für die teuersten Spots. Bei den Öffentlich-Rechtlichen ist nach 20 Uhr Zeit für diese Momente, die zwischen Kabine und Spielfeld einen halbprivaten Raum besetzen.

Die Spieler treffen auf die Gegner, die allerdings häufig Freunde sind; man kennt sich von dem Club, bei dem man gemeinsam gespielt hat oder hat schon viele wichtige Begegnungen bestritten, ist immer wieder aufeinandergetroffen. Wir können zuschauen, wie die einen sich konzentrieren, sich nicht auf Verbrüderungen einlassen, während andere sich bewusst locker geben, die Reihe abschreiten, motivierende Klapse verteilen.

Es sind immer auch hierarchisierte Reihen, die hier zu sehen sind. Nicht jeder grüßt jeden, man kann ein Spiel mit den feinen Unterschieden beobachten, das beim Erscheinen beginnt: Weniger wichtige Spieler kommen einfach heraus und stellen sich auf, dann drängelt sich ein Kapitän nach vorn, immer sind schon die Einlaufkinder dabei, die darauf warten, dass jemand ihre Hand nimmt. Spät kommen die Stars. Bei fast allen Teams gibt es eine inoffizielle Konkurrenz, wer als Letzter in der Reihe auflaufen darf.

Längst haben die großen Ligen und Verbände diese Szenen im Spielertunnel als wertvolles Identifikationsmaterial erkannt. Das offizielle Übertragungsprotokoll beginnt damit, die englische Premier League dehnt inzwischen bei wichtigen Spielen den Vorlauf aus und zeigt das Eintreffen der Mannschaften im Stadion. Mit der Bedeutung des Spiels wächst das Bedürfnis nach Hintergrundszenen und Katakombenbildern, die Spieler spielen ihre Rollen hier noch konzentriert, nach dem Spiel werden wir sie in den Interviewverschlägen wiedersehen, dann vielleicht weniger auf Protokoll gebürstet.

Frankreich-Spezial

Wir beschäftigen uns diesmal ausführlich mit Frankreich, dem Gastgeberland der Fußball-EM – aber dabei geht es eben nicht um die altbekannten Klischees der (vermeintlichen) Grande Nation. Mit Reportagen, Essays und Interviews wollen wir das „andere Frankeich“ zeigen. Ein Land zwischen Aufbruch und Aufruhr: Eine Sonderausgabe über unser Nachbarland

Hervorhebung

Vor einer Weile gab es in einer Übertragung aus der Bundesliga einen Moment äußerster visueller Brutalität: Jürgen Kramny, Trainer des VfB Stuttgart, sank nach einem Gegentor auf seiner Bank in sich zusammen, und in dem Maß, in dem er resigniert nach hinten fiel, rückte ihm die Kamera mit einem Zoom auf den Leib. Ein Mann, der am liebsten verschwunden wäre, sah sich schonungslos exponiert. Der Akt der Bloßstellung ist ungewöhnlich und hatte mit den Härten des Abstiegskampfes zu tun, den die Sender ausschlachten.

Bei großen Turnieren nationaler Teams herrscht ein strengerer Kodex, der Fußball zeigt sich als nobler Sport, der nur gelegentlich nach einer Provokation sein Gesicht verliert. Die Integrität des Spiels wird neuerdings gerade durch Großaufnahmen von Spielern bekräftigt. Ein Stilmittel, das zuerst in spanischen Übertragungen auftauchte und ins Vokabular des Fernsehfußballs Eingang gefunden hat. Macht das Spiel einmal Pause, bekommen wir eine Parade von Köpfen zu sehen, wobei der Gesichtsausdruck illustrativ sein muss: Er verweist auf den Spielstand oder die Leistung des jeweiligen Spielers, der also gezeigt wird, wie er sich selbst einschätzt. Freud und Hader, Erschöpfung und Inspiration, die großen dramatischen Leidenschaften, all das wird hier aus dem Getümmel herausgehoben und von Körpern wie Spielzügen getrennt.

Die Illustration ist zugleich Interpretation: Wie es üblich geworden ist, ein Spiel zu lesen, so lesen wir hier in den Mienen der Spieler, wie sie das Spiel lesen, nicht taktisch, sondern unmittelbar, als reaction shots auf die eigene Leistung und auf das, was ihnen widerfährt. Der Fußball, diese so perfekt zwischen körperlicher Bravour und mentaler Leistung balancierte Sportart, wird mit solchen Großaufnahmen als elementares Leib-Seele-Spektakel greifbar.

Einbettung

Das Feld gehört den Helden, der Bereich der Narren sind die Ränge. Je bunter man sich bemalt, je stärker man bereit ist, den Kasperl zu machen, desto eher hat man die Chance, bei den Übertragungen ins Bild zu kommen. Die Karikatur nationaler Besonderheiten, die mit Wikingerhelmen und (dieses Mal ohne) Oranjezöpfen ihre augenfälligste Form bekommen hat, macht aus den Spielen eine seltsame Form von umgekehrtem Zirkus.

Während traditionellerweise auf den Rängen die Gleichform herrscht (im römischen Stadion trug man Toga, im Theater die Uniformen der Aristokratie und des Bürgertums), hat das Fernsehen wesentlich dazu beigetragen, dass das Fußballpublikum bei großen Turnieren nationaler Teams sich als Teil der Inszenierung begreifen lernte und darauf mit Exzessen der Selbstdarstellung reagiert. Den Unterschied zum Alltag kann man selten im Fernsehen selbst sehen, weil die Übertragungen nur dann wirklich auf das Publikum achten, wenn sie es für die Orchestrierung der Emotionen brauchen.

Bei einem Bundesligaspiel aus Ingolstadt konnte man allerdings vor einer Weile einmal in einem ausführlichen Vorlauf einer Übertragung auf Sky das „normale“ deutsche Publikum sehen: ein Sonntagsritual für Familien, dem die Prosperität der Region (Audi-Land) deutlich anzusehen war, vor allem aber eine gelassene Zivilität, die darauf hindeutete, dass eine Gesellschaft hier in einem Spiel eine perfekte Form von (lokaler) Zusammengehörigkeit gefunden hatte. Niemand musste sich in Szene setzen, das differenzierte Bild einer erwartungsvollen Menge, in dem sich der deutsche Profifußball mit seinen egalitären Tugenden wiedererkennen konnte.

Damit gibt sich eine Europameisterschaft nicht zufrieden. Sie will einen Völkerreigen, der so wenig wie möglich zu erkennen geben soll, dass Europa als Zivilisationsprojekt ja nicht zuletzt auf Standardisierung beruht. Das Turnier soll davon ablenken – der größe Wuschelkopf und die knalligste Nase bereiten aber auch nur darauf vor, dass den meisten Clowns irgendwann die Tränen kommen müssen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 23/16.