Große Fragen

Literarisches Quartett II Auch letzten Freitag im ZDF mit dabei: Antonia Baum mir ihrem neuen Roman „Tony Soprano stirbt nicht“

Acht Jahre haben die Zuschauer der HBO-Serie Die Sopranos mit dem Mafioso Tony Soprano verbracht. Zu Beginn der letzten Staffel wurde Tony angeschossen, überlebte aber. Dass ganz zum Schluss jedoch die Frage von Leben oder Tod offenblieb, löste beim Publikum massenhaften Protest aus. Stirbt er, stirbt er nicht? Haben nicht diejenigen, die das Geschehen – noch während es Folge um Folge produziert wurde – im Echtzeitgefühl verfolgt haben, ein Recht auf ein richtiges Ende, will sagen: auf eine erfüllte Illusion?

Tony Soprano stirbt nicht, behauptet der Titel des neuen Buchs von Antonia Baum. Hier ist der Star der Serie die Chiffre für einen anderen „Star“: ihren Vater, der kurz vor dem Erscheinen ihres letzten Romans einen schweren Motorradunfall erlitt. Dieser Roman, geschrieben aus der Sicht einer Tochter, handelt von drei Kindern, die in einer anarchisch-verwahrlosten Welt aufwachsen, ohne Mutter und in dauernder Angst um den ständig abwesenden Vater mit seinem Hang zu halb kriminellen Machenschaften und schnellen Autos. Schwer, da nicht an selbsterfüllende Prophezeiung zu glauben.

Therapeutische Funktion

Am Anfang steht denn auch die Omnipotenzfantasie der realen Tochter, „dass es meine Schuld war, weil ich den Vater im Buch ständigen Gefahren ausgesetzt, ihn aber immer wieder hatte davonkommen lassen“. Die verstörende Koinzidenz von Roman und Wirklichkeit wird zum Anlass, über die großen Themen von Schreiben und Leben nachzudenken, während der Vater auf der Intensivstation liegt.

Mit dem besagten Roman – unter einem dieser Langtitel, die den Rezensenten die Zeilen klauen: Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren – und seinem Vorgänger (Vollkommen leblos, bestenfalls tot) hat Antonia Baum zwei rasante Texte hingelegt, die im Vergleich mit Wolfgang Herrndorfs In Plüschgewittern oder Tschick bestehen können. Sie fallen in eine Kategorie, die mit der (altersunabhängigen) Bezeichnung „gutes Jugendbuch“ vielleicht präziser benannt ist als mit Popliteratur oder Post-Popliteratur. Im Hauptberuf arbeitet die Autorin für die FAS, wo sie als bekennender Rap-Fan frische Feuilletons schreibt, deren konsequent pseudonaiv-mündlicher Stil auch ihre Prosa prägt.

Es tut wenig zur Sache, dass die einen in dieser Prosa die (wievielte?) Thomas-Bernhard-Epigonin entdeckten und die anderen über den „pubertären“ Quatsch furchtbar böse wurden. Hier geht es vielmehr darum, ob dieser Stil, diese Haltung einem klassischen Thema gerecht werden können, das nach einem (gern auch unklassischen) Essay ruft. Können Geschichten Leben vernichten, können sie Leben retten? Woher kommt der Drang, dem Lebensverlauf Bedeutung zu geben? Was hat der Tod mit dieser Sinnsuche zu tun? Worin besteht die Beziehung zwischen Leben und Erzählen – und worin hier und heute? Was geschieht mit dem Leben, das in eine Geschichte eingeht? Unausgesprochen, vermutlich auch unbegriffen, geistern diese großen Fragen durch die Zeilen, in denen vordergründig erst mal nur die eine Frage dominiert: Was wird aus dem Vater, was aus Tony Soprano?

Eingebetteter Medieninhalt

Die Stärke des Texts besteht darin, dass Antonia Baum ihre Hilflosigkeit angesichts der poetologischen Letztfragen eingesteht; seine Schwäche darin, dass sie trotzdem, gleichsam atemlos, drauflosschreibt. Im Zentrum steht die therapeutische Funktion des Schreibens, die am Ende so zusammengefasst wird: „Vor dem Unfall wusste ich, dass (...) die Vorstellung, man könne sein Leben machen, größenwahnsinnig ist, weil es Dinge gibt, die man nicht beeinflussen kann; ich wusste, dass ich das Leben nicht lesen kann wie einen Roman, in dem Zeichen versteckt sind (...). Aber ich weiß nicht, ob und vor allem wie ich diese Zeit überstanden hätte, wenn ich nicht davon ausgegangen wäre, dass es anders wäre. Ich weiß nicht, was ich ohne diese Geschichten gemacht hätte. Und ich weiß auch nicht, was ich ohne das Schreiben gemacht hätte.“

Leider sind die Geschichten, die sie bis dahin „als Möglichkeiten gegen die Ungewissheit“ in ihren im Plauderton gehaltenen Bericht eingebaut hat – etwa eine Abwandlung des „Doppelten Lottchen“ –, ziemlich uninspirierte Kopfgeburten. Aber wichtiger ist die von Baums Gewährsfrau Joan Didion entlehnte Ahnung, dass die Rituale und Rätseleien, die der drohende Tod des Vaters aufgibt, Teil der Sinngebung sind, die aus dem Leben eine Erzählung macht. Die Konsequenz, dass der Tod ein Sinnstifter ist (wie er es auch bei Tony Soprano gewesen wäre), übersteigt allerdings den Horizont des Buchs.

Rührende Liebeserklärung

Wie gesagt, die Autorin entwickelt die Fragen nicht, die ihren Text motivieren. Sie stellt sie in der Form: „Also, wovon reden wir hier?“ oder „Ich meine, wovon reden wir?“ Wo sie Antworten gibt, fallen diese öfter denkbar banal aus – wie die Aussage, dass Geschichten im Gegensatz zum Leben ein geplantes Ende haben müssten, oder das Bekenntnis: „Ich glaube, dass ein Text nur gut ist, wenn er ehrlich ist.“

Andere Wendungen wirken in ihrer Simplizität dagegen wie unfreiwillige, scheinbar naive, aber keineswegs selbstverständliche Erkenntnisse, wenn Baum etwa aus dem Nachdenken über das Leid der anderen die Schlussfolgerung zieht, „dass man nicht alles, was man schreibt, erlebt haben muss“. Und schließlich liefert der Text, quasi als historisches Dokument gelesen, sehr sinnvolle Formulierungen des Dilemmas, in einer liberal-saturierten Gesellschaft nach Katastrophen zu gieren, als könnte nur das große Elend das Erzählen legitimieren.

Dennoch: War es richtig, diese überstürzte Reaktion der Autorin auf den Einbruch der Realität in ihre Fiktion zu drucken – und damit zugleich eine rührende Liebeserklärung an den Vater zu entwerten? Nein, es sei denn, man nimmt es aus falschen Gründen hin, dass sprachliche Schlamperei notgedrungen mit gedanklicher Unausgegorenheit einhergeht, auch wenn sie als bewusste Manier daherkommt. Haben diese Fragen, diese Gefühle nicht mehr Sorgfalt, mehr Gärung verdient? Der Markt lässt talentierten Autorinnen wie Frau Baum nicht die Zeit, in Ruhe nachzudenken. Hoffen wir, dass das nächste Buch länger auf sich warten lässt.

Info

Tony Soprano stirbt nicht. Roman Antonia Baum Hoffmann & Campe 2016, 144 S., 18 €

06:00 29.02.2016

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