Großer Kinderladen BRD

Missbrauch Die libertäre Entfesselung der Sexualität war in den Siebzigern notwendig – und sie bleibt tragisch. Zum Fall Daniel Cohn-Bendit
Christian Füller | Ausgabe 17/2013 28
Großer Kinderladen BRD
„Niemand darf die Gefühle und Bedürfnisse eines Kindes für seine Erwachsenensexualität nutzen“, sagt Thea Vogel. Punkt
Foto: Oscar Poss/ Pressebild Poss/ dpa

Thea Vogel zuckt richtig zusammen, als sie diese Sätze hört. „Kinder haben meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen, mich zu streicheln“, schreibt ein Mann – und berichtet, dass er die Kinder dann zurückstreichelt. „Das ist ja furchtbar!“, empört sich Vogel. „Wenn es passiert, dass sich ein Kind forschend nähert, dann muss ich ganz klare Grenzen einhalten. Wenn eigene sexuelle Wünsche entstehen, muss ich mich zurückziehen!“

Thea Vogel hat ihre Lektion über Sex und Politik gelernt. Sie war Teil der Studentenbewegung, studierte Erziehungswissenschaften in Frankfurt und schlidderte dann, wie sie erzählt, in den „aktiven Streik“. Wir haben „detailliert über Sexualität diskutiert, weil wir Frauen herausfinden wollten, welche Bedürfnisse wir wirklich haben. Selbstbestimmte Sexualität und Kritik an der patriarchalischen Gesellschaft waren unsere Themen damals“, sagt sie im Gespräch mit dem Freitag. Heute arbeitet die 64-Jährige in einem Familiengesundheitszentrum. Sie hat einen durch und durch aufgeklärten Begriff von Sexualität.

Dennoch steht diese Frau in einem publizistisch-politischen Orkan. Der Hosenlatz war der von Daniel Cohn-Bendit, eines engen Freundes und Genossen von Thea Vogel aus Frankfurter Studientagen. Die Sache holt Cohn-Bendit zum zweiten Mal ein. Im Jahr 2001, als sich Klaus Kinkel über die Kita-Bekenntnisse schockiert zeigte. Und jetzt wieder, da die Republik das Frühwerk des großen alten Grünen schaudernd studieren muss. Ist Cohn-Bendits Schilderung eines übergriffigen Erziehers, der den Straftatbestand des Paragrafen 176 „Sexueller Kindesmissbrauch“ erfüllt, ein Ausrutscher? Oder war das gängige Praxis der (revolutionären) Kinderläden? Er selbst sagt, es sei Literatur, nur ausgedacht.

Projekt „Kita 3000“

Als vor ein paar Jahren das große Jubiläum der 68er gefeiert wurde, fehlten die tief greifenden Effekte einer neuen Bildung und Erziehung fast gänzlich. Erstaunlich, denn die Kinderladenbewegung und die Heimerziehungskampagne gehören zum Markenkern der Linken und den daraus entstehenden Grünen. Nirgendwo war das Private politischer als in der Erziehung – im Bett wie im Kinderladen. Die sexuelle Befreiung war sicher das wichtigste Mittel der gesellschaftlichen Entkrampfung. Und dazu gehörte die Befreiung der kindlichen Sexualität. Die Theorien lieferten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno mit ihren Studien zum autoritären Charakter. Und Wilhelm Reich, aus dem die Studenten herauslesen wollten, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität und repressiven Typen gibt, mit denen man auch KZs betreiben könne.

In den Universitätsstädten sprossen Hunderte Kinderläden aus dem Boden. Es entstand das Klischee, nach dem Kommunarden, Jugendheimbefreier und kinderladenbewegte Erzieher wie Cohn-Bendit nackt vor ihren Kindern herumspazierten. Und vor ihnen noch so manches andere trieben. Dabei waren die wilden Zeiten bald vorbei, schnell war man gefangen im zähen Alltag der Selbstbestimmung. Die Kita-Betreiber und Elterninitiativen begannen um das Übliche zu kämpfen: Personalschlüssel, ausreichend (Spiel-)Platz, bezahlte Vorbereitungszeit für pädagogische Diskussionen – und natürlich Elternmitbestimmung.

In Frankfurt gab es das Projekt „Kita 3.000“, die Schaffung 3.000 neuer exklusiver Plätze für, wie man heute sagen würde, frühkindliche Erziehung. Im Pflasterstrand, dem Frankfurter Zentralorgan der Linken, findet sich manches zu sexueller Befreiung und Kindsverführung – und ganz viel über den Kampf gegen die Abschaffung der Kitas. „KITAS sind liieb!“, hieß das infantil.

„Nur ja keine Schwäche, kein langes Zögern! Kinder merken dies mit tausend feinen Sinnen – und dann bist du verloren, liebe Mutter!“, steht in einem populären Erziehungsratgeber von damals. „Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen.“ Das Buch hieß Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, geschrieben hatte es Johanna Haarer im Jahr 1934. Es war das Erziehungsbuch der Nazizeit. Aber es war zugleich das Elternbuch der fünfziger und sechziger Jahre, also das Buch, nach dessen Ideen viele 68er erzogen worden waren.

Der Umsturz hätte jäher nicht sein können. Gerade galt noch das Prinzip „Das Kind als Feind“ – und dann errichteten die Studenten Kinderläden, in denen sie den Eros aus den Zwängen von Scham und Unsicherheit entfesselten. „Eines der Probleme im Kindergarten war, dass die Liberalen die Existenz der Sexualität allenfalls anerkannten, während wir versucht haben, sie zu entwickeln und uns so zu verhalten, dass es den Kindern möglich war, ihre Sexualität zu verwirklichen.“ Das steht in Daniel Cohn-Bendits in diesen Tagen wieder so spektakulär empfundenen Frühwerk Der große Basar. Es ist abwegig, solche Sätze als literarische Fiktion abtun zu wollen. Sie waren Programm, nicht Provokation.

Die fundamentalistischen „Jeder darf alles“-Läden, wo die Kinder nackt herumliefen, sich gegenseitig genital erforschten und die Wände wahlweise mit Exkrementen und/oder Spaghetti beschmierten, waren sicher die Minderheit. Das Nacktsein ist aus dem Alltag längst in die Nischen des Kitalebens verschwunden, den Sommerausflug am See oder die Kita-Übernachtung. Die grüne Mittelstandskita hat sich eingependelt zwischen Haarers „Bleib-hart“ und Reichs „Macht-Euch-nackig“. Dort gibt es weder Prügel noch Pimmelschau, sondern klare Regeln – im verbalen wie im realen Umgang.

Eine Zerrissenheit

„Ich werde in einem Gespräch mit einem Kind über seinen Körper oder seine Sexualität nur das thematisieren und beantworten, was es selbst wissen möchte“, sagt Thea Vogel über ihr Leitmotiv. „Ich würde nicht aktiv dem Kind Themen wie Geschlechtsverkehr oder Geschlechtsteile aufoktroyieren. Und ich mache natürlich auch nichts mit dem Kind, was meiner eigenen sexuellen Befriedigung dient. Das gilt ganz grundsätzlich: Niemand darf die Gefühle und Bedürfnisse eines Kindes für seine Erwachsenensexualität nutzen. Mit anderen Erwachsenen ja – aber doch nicht mit Kindern.“

Die Sätze zeigen eine große Klarheit. Und zugleich eine Zerrissenheit nicht nur der 68erin Thea Vogel, sondern im Grunde des großen Kinderladens Bundesrepublik. Vogel hat ihren alten Genossen Cohn-Bendit rausgehauen, damals, als ihm Klaus Kinkel und die Boulevardpresse an die Gurgel gehen wollten. Sie verfasste im Jahr 2001 den berühmten Freibrief, dass der Dany niemals übergriffig oder pädophil sein könnte. Aber wenn sie den Sätzen ohne ihrem berühmten Autor begegnet, dreht sich ihr der Magen um. – Das ist die große Tragik der 68er-, der reformpädagogischen wie der grünen Erziehungskombattanten. Sie begreifen nicht, dass ihre libertäre Entfesselung der Sexualität nicht nur historisch notwendig, sondern zugleich ein trojanisches Pferd war. Für zwei Gruppen pädokrimineller (Schreibtisch-) Täter: die echten Pädosexuellen, die auf Kinder abfahren. Die mitlaufenden Männer und Frauen, die als Trittbrettfahrer die Möglichkeit nutzen, sich an Kitakindern zu befriedigen.

Bundesweit 30 Anzeigen täglich bei der Polizei wegen Missbrauch an Kindern; die Pädokriminellen waren bisher immer die Profiteure. Sie waren es in der Zeit der verklemmten Sexualmoral, also als die Kirche und Frau Haarer den Diskurs bestimmten. Sie waren es in der Zeit des libertären Überschwangs, als sie ganz vorne in der Sexfront mitschwammen, um die vielen sich bietenden Gelegenheiten zu missbrauchen. Und sie sind es verrückterweise wieder. Denn in der Enthüllungs- und Verteidigungsschlacht um Daniel Cohn-Bendit kommt man wieder nicht dazu, genau hinzuschauen. So genau, wie es eine Thea Vogel längst tut. Frauen und Feministinnen wie sie waren die Ersten, die sexuellen Missbrauch skandalisierten. Sie haben ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür angestoßen, „dass man als Erwachsener im Umgang mit Kindern klare Grenzen einhält und sich zurückzieht, wenn eigene sexuelle Wünsche entstehen.“ Es wird Zeit, dass die anderen, die Grünen, die Reformpädagogen, die Kämpfer für das freie pädophile Internet endlich die Sprache für eine einfache Wahrheit finden und Nein sagen.

Von Christian Füller erschien zuletzt bei Dumont Sündenfall: Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte

 

09:15 29.04.2013

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