Großes Momentum

Westafrika Nicht allein in der Sahelzone fühlen sich dschihadistische Milizen vom Islamischen Staat beflügelt
Jason Burke | Ausgabe 03/2016 1
Großes Momentum
Nach dem Anschlag auf das Splendid-Hotel in Ouagadougou, Burkina Faso
Foto: Issouf Sanogo/AFP/Getty Images

Noch ist das Jahr 2016 jung und hat doch bereits eine Reihe unkoordinierter dschihadistischer Angriffe gegen „weiche“ Ziele auf drei Kontinenten erlebt: einen Selbstmordanschlag in Istanbul auf deutsche Touristen; einen Angriff auf das Gelände eines Einkaufszentrums in Jakarta, zu dem sich der Islamische Staat (IS) bekannt hat; und zuletzt nun die Attacke auf ein Hotel in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou, bei der über zwei Dutzend Menschen aus mindestens 18 Ländern getötet wurden. Um der Kontinuität dieser Vorgänge gerecht zu werden, sei auf den 20. November 2015 verwiesen, als in Malis Kapitale Bamako das Radisson-Blu-Hotel ins Visier geriet und 20 Gäste von einem Sturmtrupp der Al-Mourabitoun-Miliz getötet wurden.

Auch wenn diese Aktionen nie sonderlich professionell wirkten, auf den barbarischen Akt bedacht schienen und die Zahl der Opfer nicht die Ausmaße erreichte wie am 13. November in Paris, so zeigt sich doch eine offenkundige Allgegenwart der Bedrohung. Sie geht vom IS, diversen Al-Qaida-Ablegern und verbündeten dschihadistischen Milizen aus.

Nordwestafrika, besonders die Sahelzone, kristallisiert sich als „neue Front“ islamistischer Militanz und Landnahme heraus. Davon erfasst sind Staaten wie Mali, Niger und Burkina Faso, die als fragil gelten und von diskreditierten Eliten regiert werden. Es mag übertrieben klingen, doch kann kein Zweifel bestehen, dass allein angesichts der Unruheherde Nordnigeria, Sudan, Südsudan und Somalia ein islamistischer Schatten über einem Teil des Kontinents liegt, nicht nur entlang der Mittelmeer- und Atlantikküste.

Bis zum Anschlag am 16. Januar blieb Burkina Faso von islamistischer Gewalt verschont, unter der seine Nachbarländer längst zu leiden haben. Nun wurde das Binnenland südlich der Sahara zum letzten Glied einer Kette, die bis nach Somalia reicht, wo die Extremisten der Harakat al-Shabaab erst vor Tagen ein Lager der Armee überrannt und 60 kenianische UN-Soldaten umgebracht haben.

Blaise Compaoré, Burkina Fasos langjähriger Präsident (27 Jahre im Amt) in einem weithin muslimisch geprägten Land, wurde Ende 2014 durch einen Volksaufstand zur Demission gezwungen. Die seither schwelende Staatskrise verschafft von religiöser Inbrunst beseelten Überzeugungstätern Spielräume. Sie eröffnen sich in Nordwestafrika überall dort, wo schwindende staatliche Autorität und Gefahren für die territoriale Integrität teilweise ethnisch heterogene Gesellschaften erschüttern.

Sandkorn in der Wüste

Noch ist es nicht so weit, dass dschihadistische Kampfverbände einer Strategie der konzertierten Aktion folgen. Allerdings wird schon jetzt ein Konflikt neuen Typs ausgetragen, um sich in einer asymmetrischen Konfrontation behaupten zu können.

Zugleich entlädt sich eine erbitterte Konkurrenz zwischen dem IS und Al-Qaida-Erben. Fraktionen der somalischen Al-Shabaab-Milizen streiten, ob sie ihre Bindung an al-Qaida aufgeben und stattdessen näher an den IS heranrücken sollen.

Der Massenmord in Burkina Faso geht wie in Bamako auf Al-Mourabitoun-Milizen zurück, die von Mokhtar Belmokhtar geführt werden, einem berüchtigten Kommandeur, der des Öfteren von diversen Geheimdiensten für tot erklärt wurde, aber stets wiederauferstanden ist. Unlängst schloss er sich – auch das nicht zum ersten Mal – der Organisation Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQMI/s.o.) an, nachdem er vor drei Jahren wegen Eifersüchteleien ausgetreten war. Belmokhtar will sich beweisen, was ebenso für AQMI samt al-Qaida als der Mutterorganisation zutrifft, die beide umgehend den Coup von Ouagadougou für sich reklamiert haben. Ein Bewaffneter, der während der Geiselnahme bei einem Gespräch mit einem AQIM-Mitglied aufgenommen wurde, widmete den Angriff sowohl Al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri als auch „den Kämpfern in Syrien“.

Sicher gibt es noch Umstände mehr, die das regionale Erstarken der Islamisten begünstigen. Allein aus Libyen kommen fortgesetzt Unmengen von Waffen nach Westafrika. Gegen die organisierte Kriminalität wird wenig unternommen. Der Drogenhandel und die Entführung von Touristen florieren. Demografie, Dürre und Versteppung lähmen Wirtschaftskreisläufe. Und dann gibt es da noch das große Momentum, welches die dschihadistische Bewegung seit dem rasanten Aufstieg des IS im Sommer 2014 weltweit beflügelt.

Der Westen versucht nach Kräften, sich dagegen zu stemmen. So halfen französische Spezialkräfte der Polizei in Ouagadougou, das überfallene Hotel zurückzuerobern. Wie es heißt, intensivieren die USA ihre Drohnen-Überwachung der Sahelzone. Doch dürfte den meisten politischen Entscheidungsträgern in Washington, London oder Paris schmerzlich bewusst sein, dass derartige Unternehmungen nichts weiter sind als eine Träne im Ozean oder wie in diesem Fall – ein Sandkorn in der Wüste.

Jason Burke ist Guardian-Korrespondent

Übersetzung Holger Hutt

06:00 03.02.2016

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