Grummelnder Jubel

Bachmannpreis Es ist vorbei, das Klagenfurter Wettlesen. Jetzt kommt das Lästern um die Wette über die Jury. Nicht mit uns!

Literaturkritik kann schrecklich lästig sein. Für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich missverstanden, verfolgt und persönlich angegriffen fühlen. Für Verlage, wenn nach einem Verriss die jahrelange Arbeit an einem Text in Frage gestellt und die Ware Buch nicht mit dem erhofften Werbezitat angepriesen werden kann. Für das Publikum, das sich von anspruchsvoller Sprachanalyse gestört fühlt; der Alltag ist ohnehin schon stressig genug, da möchte man bitteschön vor allem Empfehlungen, am liebsten Lektürehinweise auf Bücher, die entspannen, mit Witz, Spannung oder einem Überschuss an Gefühl.

Alles total falsch. Alles! Alles!

Wenn Kritikerinnen und Kritiker diesen Bedürfnissen nicht nachkommen, sondern einfach nur ihrer Arbeit nachgehen, indem sie bei einer Erzählung etwa Figurenzeichnung, Dramaturgie, literarischen Tonfall, die Wahl der Stilmittel, überhaupt die poetische Konzeption eines Textes hinterfragen (und sich dann auch noch in Spitzfindigkeiten ergehen), wie dies zum Beispiel Jahr für Jahr bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur geschieht, nämlich live auf der Bühne und im Fernsehen, durch eine siebenköpfige (!) Jury, in der die unterschiedlichsten Perspektiven auf die eingereichten Arbeiten zur Sprache, ja, dann gibt es garantiert nach der Veranstaltung eine Diskussion über die Fehler eben jener Jury, oft sogar über das Versagen der Runde. So auch in diesem Jahr.

Die falschen Autorinnen und Autoren seien eingeladen worden, die richtigen Texte seien oft falsch verstanden worden, die falschen Texte aber seien für die Shortlist nominiert worden, schließlich: die falschen Arbeiten hätten die Preise gewonnen. Das ist natürlich grober Unfug. Selbstverständlich geht es beim Bachmannwettlesen nur am Rande um den Bachmannpreis (und die anderen vier Preise). Das dreitägige Lesen, das stundelange Sprechen über Literatur scheint ein Anachronismus zu sein, und doch so wichtig in einem Kulturleben, das immer mehr auf Konsum setzt. Dabei ist die klare Rollenverteilung entscheidend für den Fortbestand der Veranstaltung. Erst lesen die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, dann dürfen sich die Stimmen der Kritik melden – ohne dass es von Seiten des Publikums oder der Schreibenden eine Möglichkeit gibt, sich mit einer Widerrede oder einer zustimmenden Bemerkung einzumischen. In den sozialen Medien, in der journalistischen Berichterstattung, in privater Runde oder wo auch immer schon, aber nicht in der Live-Debatte. Und das ist der große Gewinn, es mal auszuhalten, der so lästigen Kritik zuzuhören.

Tatsächlich hat die Jury beim diesjährigen Wettlesen in Klagenfurt eine gute, weil weitgehend konstruktive Arbeit geleistet, die darin bestand, dass die sehr verschieden angelegten Prosa-Stücke mit wiederum sehr unterschiedlichen Positionen der Kritik belegt wurden. Wer sich die Mühe gemacht hat, die Kernsätze in den Bewertungen mitzuschreiben, erhielt einen durchaus beeindruckenden Überblick nicht nur von literaturwissenschaftlichen Schlagworten, sondern von einer textkritischen Diversity. Von gewollten Fehlern und well-made Erzählungen war die Rede, von Litanei und Parodie, von Montage und Collage, von Arrangements des Gefühls, von Rätseln und Mysterien, polierter Sprache und der fehlenden Radikalität, von Texten, die spektakulär unspektakulär oder auch unspektakulär spektakulär waren, von erzählenden Bewegungen, die berühren und von mangelnder Statik in der Architektur einer Story, von überinstrumentierten und überfrachteten, aber auch zu schlichten Beiträgen, von einer Prosa ohne oder zu vielen Leerstellen, von einem Kammerspiel mit Regieanweisung und der Umkehrung einer Männerfantasie, von einem organischen Werk und von einer Parabel der Selbstauslöschung, von einer schönen Geschichte und von einer Migrationsgroteske, von rasanten Dialogen und einer motivisch zu dichten bzw. inspirierend dichten Erzählschichten, vom Crescendo und Decrescendo in einer Erzählung, welche die Sprache selbst zum Hauptschauplatz macht.

Gewonnen hat den Bachmannpreis mit Tanja Maljartschuk eine Autorin, die eine vordergründig einfache, aber in ihren Verästelungen abgründig komplizierte Geschichte vorgelegt hat: Eine demenzkranke Frau und ein passloser Flüchtling finden zueinander, indem sie dem jeweils anderen die Schwächen verzeihen. Natürlich wurde auch innerhalb der Jury die Meinung vertreten, der Schriftsteller Bov Bjerg hätte den Hauptpreis gewinnen sollen, seine Geschichte wäre vielschichtiger, sprachlich gereifter: Da ist ein trauriger Held, der sich fragt, ob er seinem Sohn erzählen soll, dass sich Großvater und Urgroßvater, und noch mehr Männer in der Familie umgebracht haben. Doch Bjerg ging keineswegs als Verlierer nach Hause, sondern vielmehr als Gewinner des zweiten Preises und noch vielmehr als ein Autor, der gezeigt hat, dass er jenseits seines unterhaltsamen Bestellers „Auerhaus“ noch ganz andere literarische Tonlagen zu entwickeln weiß.

Die Rollen in der Bachmann-Jury waren übrigens klar verteilt. Während Deutschlandfunk-Literaturredakteur Hubert Winkels wieder den altväterlichen Vorsitzenden gab, der seine Mitdiskutanten aus der Reserve zu locken und dann wieder miteinander ins Gespräch zu bringen vermochte, gab Neuling Insa Wilke mit fernseherfahrenem Charme die penible Analytikerin, zog die Schweizer Literaturprofessorin Hildegard Keller, die in der Vergangenheit nicht selten ihre Unentschiedenheit zur Schau stellte, dieses Mal unerwartet deutlich Position, rumpelte, grummelte und jubelte ihr Grazer Kollege weiterhin auf hohem Niveau, sagte der Literaturkritiker des österreichischen „Standard“ Stefan Gmünder wiederum kein Wort zu viel und vertrat auch dieses Mal Michael Wiederstein vom „Literarischen Monat“ aus der Schweiz grundsätzlich und oft zu Recht eine konträre Meinung – nicht nur zur Überraschung des Publikums im Sendesaals der ORF-Fernsehens.

Kritik bedeutet Demokratie

Einzig die Lyrikerin Nora Gomringer, ebenfalls neu dabei, überzeugte eher mit Sprüchen auf T-Shirts und Blusen, allerdings gaben ihre sehr authentisch wirkenden Interpretationsverweigerungen der angestrengten Diskussion eine angenehme Erdung. Was Saša Stanišić (Nach dem Fest) nicht davon abhielt, in einer intensiven Twitter-Diskussion zu fordern, man möge doch bitte mal die Kritiker durch Autoren ersetzen, die würden sich doch mindestens genauso gut in der Literatur auskennen, das wäre doch mal ein Versuch.

Es wäre das Ende des Wettbewerbs, der gerade vom Gefälle, von der Rollenaufteilung lebt. Tatsächlich ist die kritische Reflexion im Feuilleton oder auf der Jury-Bühne ein sehr eigenes Handwerk, das sich auch ökonomisch deutlich vom Beruf beziehungsweise der Berufung der Schriftstellerinnen und Schriftsteller abhebt. Kritikerinnen und Kritiker werden von Zeitungen, vom Radio oder Fernsehen bezahlt. Die Unabhängigkeit aber wäre gänzlich dahin, wenn Autorinnen und Autoren unter sich blieben. Eine solche Entwicklung hätte auch auf gesellschaftlicher Ebene eine fatale Botschaft, wünschen sich doch gerade die autoritären Ideologen, dass die Ideologiekritik endlich aufhörte. Kritik hat eine demokratische Funktion. Dass sie zunehmend marginalisiert wird, sollte auch und gerade den Literaturbetrieb nervös machen. Wenn in den Jurys der großen Buchpreise immer weniger Kritikerinnen und Kritiker, sondern vielmehr Leute aus Verlagen und Buchhandlungen sitzen, dann hilft das nur kurzfristig der Verwertungskette.

Carsten Otte lebt als Literaturkritiker und Buchautor in Baden-Baden.

06:00 12.07.2018

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