Grün ist die Farbe des Grauens

IM KINO In "Felicia, mein Engel" zeigt Atom Egoyan Verständnis für ein reuiges Monster

Zum zweiten Mal hat sich der kanadische Autorenfilmer Atom Egoyan von einem Roman zu einem lyrischen Psychothriller inspirieren lassen. Nach William Trevors Novelle Felicia's Journey erzählt Egoyan die Geschichte einer geheimnisvollen Beziehung einer jungen Irin zu einem verschrobenen Engländer. Hatte Egoyan in Das süße Jenseits (nach dem Roman von Russel Banks), ähnlich wie Ang Lee in Der Eissturm und Paul Schrader in Der Gejagte, eine schneebedeckte Landschaft als Metapher für die Gemütslage seiner Protagonisten gewählt, so ist in Felicia, mein Engel das Eis des kanadischen Winters dem fruchtbaren Grün der britischen Inseln gewichen. Vielleicht stellt sich deshalb die Spannung ungleich schleichender ein als in dem 1997 preisgekrönten Film. Umsäumt von frischen Wiesen, verlieren sogar die Kühltürme der mittelenglischen Industrielandschaft von ihrer bedrohlichen Wirkung. Felicia, mein Engel ist - wie schon Exotica und Das süße Jenseits - ein filmisches Universum, das irgendwo zwischen Faszination, Erschrecken und dem Wunsch nach familiärer Wärme angelegt ist. Virtuos montierte Rückblenden, Traumbilder und Wünsche ergeben ein Bilder puzzle, das nach und nach mit dunklen Phantasien und Alpträumen konfrontiert.

Joseph Ambrose Hilditch (Bob Hoskins) ist ein etwas rundlicher Endvierziger, dessen kleine Augen, eingerahmt von glänzenden Fettpölsterchen, und grauen Schläfen zufrieden leuchten. Der angesehene Kantinenwirt ist ein freundlicher Mann, der den Geschmack von Soßen und Puddings, die ihm weibliche Hilfskräfte zum Probieren reichen, gewissenhaft prüft. In seinem großen, mit antikem Krims krams vollgestopften Haus scheint die Zeit still zu stehen. Hier pflegt der altbackene Junggeselle zwanghaft über die Jahre gewachsenen Rituale. Wenn Hilditch in seiner riesigen Küche hantiert, steht ein Schwarzweißmonitor auf der Anrichte, auf dem die Aufzeichnung einer Kochsendung aus den sechziger Jahren läuft. Gala, die französische Meisterköchin (seine Mutter, wie sich später herausstellt), bereitet darin einen opulenten Lammbraten, den der Kantinenchef Handgriff für Handgriff nachkocht. Dann sehen wir ihn im Esszimmer an einem festlich gedeckten Tisch. In der Küche läuft immer noch die Sendung, während er den Braten allein verzehrt.

Während Hilditch seiner Kochleidenschaft frönt, schifft sich Felicia (Elaine Cassidy), eine junge arbeitslose Irin, nach England ein. Sie ist schwanger und sucht ihren Freund Johnny, der in einer Rasenmäher-Fabrik in der Nähe von Birmingham arbeiten soll. Hilditch verschafft Felicia eine Mitfahrgelegenheit. Die beiden freunden sich an, und als Hilditch ihr anbietet, in seinem Haus zu übernachten, nimmt Felicia das Angebot an. Rückblenden entblättern die familiären Umstände und psychologischen Motive. Felicia ist siebzehn und verliebt. Ihre Farbe ist die Hoffnung, und ihre Reise ist eine Bildungsreise, an deren Ende, trotz oder gerade weil sie grausigen Erlebnissen entkommt, eine gereifte Erwachsene steht. Hilditchs Farbe ist indessen ein verblasstes Grün. Er ist ganz eins mit der trostlosen Industrielandschaft. Seine Jacke, sein Auto sind grün, sogar sein Schlafanzug ist grün gemustert. Immer wieder muss der Zuschauer abrupten Sprüngen zwischen verschiedenen Bedeutungsebenen folgen. Grün eingefärbt ist jene Sequenz, die eine Ahnung davon gibt, wie aus dem braven ein böser Junge wurde. Filmausschnitte aus den Fernsehsendungen seiner Mutter Gala zeigen, wie der von einer erdrückenden Liebe buchstäblich aufgeschwemmte Junge als Vorzeigeobjekt der Fernsehkochshow missbraucht wurde. Auf eines seiner Videobänder schreibt Hilditch "Irish Eyes". Es zeigt Felicia auf dem Beifahrersitz des grünen Autos wie sie - ähnlich anderen Mädchen vor ihr - dem Kantinenchef ihre Geschichte erzählt. Harmlose Bilder, Mädchengesichter, die lachen und weinen, geben eindringlich Gewissheit von einem dunklen Geheimnis. Wenn der Strom der Bilder von der Tänzerin in einer Fernsehsendung zur blutgetränkten Salome-Aufführung überblendet, die Hilditch als Kind mit seiner Mutter besuchte, bekommt der Film einen besonders düsteren Thrill.

Felicia, mein Engel beeindruckt vor allem durch seine tiefschürfende Ironie. Die kulturellen Unterschiede zwischen Irland und England werden aufs Korn genommen und mit dem persönlichem Unglück der Protagonisten verwoben. Beispielsweise wird Felicias Vater als Patriot dargestellt, der die Tochter als Verräterin verstößt, weil sie mit einem englischen Soldaten zusammen ist. Der protestantische Gentleman Hilditch spricht indessen mit einem mörderischen Dialekt, der subtil auf ein Doppelleben hindeutet. Beziehungsreiche Anspielungen liegen zwischen inneren und äußeren Gegebenheiten. Beispielsweise wird die Fruchtbarkeit Irlands mit dem Hinweis auf einen Mangel an Fabriken für Rasenmäher in England kontrastiert, die Einflüsse des industrialisierten Englands hingegen mit dem missionarischen Eifer einer religiösen Gemeinschaft, die mit bunten Bildern einer heilen Welt auf Seelenfang geht. Bei all dem interessiert sich Atom Egoyan in erster Linie für die Seelenzustände seiner Protagonisten und die Ironie liegt schließlich darin, dass Hilditch im letzten Moment von einer Predigerin mit dem beziehungsreichen Namen Miss. Calligary unbeabsichtigt zur Läuterung gebracht wird. Felicia, mein Engel ist ein subtiler Psychothriller, dessen verschachtelte Erzählstruktur die Abgründe der menschlichen Seele durchforstet. Suspense und Schrecken liegen in der geheimen Seelenverwandtschaft der exzellent gespielten Charaktere, die nicht als Täter, sondern konsequent als Opfer äußerer Umstände betrachtet werden.

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00:00 04.02.2000

Ausgabe 41/2021

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