Grundlos durchkommen auf Hawaii

Sportplatz Freunde liberaler Ideologie, die sich, was kein Widerspruch sein muss, eine gewisse Lebensfreude bewahrt haben, erwähnen mitunter die Weisheit, dass, ...

Freunde liberaler Ideologie, die sich, was kein Widerspruch sein muss, eine gewisse Lebensfreude bewahrt haben, erwähnen mitunter die Weisheit, dass, wer es in New York schafft, es gewiss überall schaffen wird. Dass dies, nennen wir es "american spirit", und das, was man gerne "deutsche Ideologie" nennt, mitunter nicht so ganz kompatibel sind, lässt sich darin ablesen, dass letzteres, konfrontiert mit erstgenannter sympathischer amerikanischer Weisheit, immer nur als Stahlbad erscheint: Abhärtung, Abtötung, Willensbrechung. Womit man beim Triathlon wäre, dessen berühmtester Wettbewerb "Ironman" genau diese Assoziationen auslöst: Eisenmann, Stahlgewitter.

An diesem Wochenende findet auf Hawaii der Ironman-Triathlon statt, das heißt, dass Menschen aus aller Welt, deren vordergründig gemeinsames Kennzeichen niedrige Körperfettwerte sind, ins Meer hüpfen, beinah vier Kilometer schwimmen, dann mit triefenden Klamotten ziemlich hektisch ein Fahrrad suchen, um 180 Kilometer unter der auf Hawaii besonders brennenden Sonne Rad zu fahren, um dann noch einen Marathonlauf mit der klassischen Länge von 42,195 Kilometern zu absolvieren. Wer ankommt, wird als "Finisher" gefeiert: Als einer, der durchkam, der nicht schlapp gemacht hat, der Härte bewiesen hat. Gründe zum Aufgeben, das sieht man schon am Begriff des "Finisher", gibt es ziemlich viele, und jedem Triathleten fallen während seines Wettkampfs viele ein. Der überzeugendste lautet: Was tust du dir da an? Die selbst gegebenen Antworten sind weniger überzeugend: Ein irgendwo im Körperinnern lokalisierter Schweinehund solle überwunden werden, nur diese oder jene Kilometermarke solle noch erreicht werden, oder man wolle doch nicht als Schluffi dastehen, positiv formuliert: also die soziale Gratifikation gewinnen, die dem Finisher zusteht, was ja noch leidlich rational klingt, wenn man nicht wüsste, dass zum einen dem Nichtfinisher eines Triathlons überhaupt kein sozialer Abstieg drohte und dass, in immer noch recht häufig anzutreffenden Milieus, Triathleten eher als bemitleidenswerte, nicht gerade mit sozialer Kompetenz gesegnete Spinner gelten.

Die Frage, was das überhaupt solle, wird also von den wenigsten Triathleten je überzeugend beantwortet, sondern es geschieht damit etwas, das man analog zur politischen Praxis "Aussitzen" nennen könnte, wenn dieses Sprachbild beim Sport nur nicht so verdammt daneben läge. Je häufiger jemand schwimmt, Rad fährt und läuft, desto seltener stellt er sich die Frage, was das überhaupt soll, was er da macht. Und auch beim einzelnen Wettkampf stellt sich die Frage irgendwann, je näher man nämlich dem Ziel kommt, seltener: Jetzt bin ich schon so lange unterwegs, lautet eines der Hilfsargumente, wenn die Sinnfrage doch wieder kommt. Aber noch häufiger ist es, dass der Sportler einfach im Trott ist: es fiele ihm schwerer anzuhalten, denn weiterzulaufen. Der Weg wird zum Ziel, das Schwimmen, das Radfahren und das Laufen wird je zum Grund des Schwimmens, Radfahrens und Laufens. Alle anfänglichen Begründungen, die bemüht wurden, als es noch bloße körperliche Ertüchtigung war und noch kein Extremsport und die lauteten, man wolle bloß was für seinen Körper tun, ein paar Kilo verlieren oder auch ein besseres Körpergefühl erheischen, sind vergessen, wenn es wirklicher Sport geworden ist. In diesem Zustand tun sich wieder Analogien zum liberalen Denken auf, nämlich jener Variante des Liberalismus, die die Sieger vortragen: Die erste Million ist die schwierigste, wissen erfolgreiche Geschäftsleute gerne zu berichten. Sie meinen die erste Etappe ihres Geschäftslebens, als ihre Arbeit noch vernünftig und begründbar war: da benötigten sie das Geld zum Leben. Nach der ersten Million aber gerinnt die ökonomische Existenz des Geschäftsmanns zum Selbstzweck. Da wird Geld verdient, weil man Geld verdient. Auch der spätere Ironman hatte am Anfang seines triathletischen Treibens noch vernünftige Gründe, dass er den Sport zum Abnehmen benötigte oder ähnliches. Dann jedoch beginnt oft Krampf, und nur wenigen gelingt die Überführung des Ausdauersports in eine das persönliche Wohlbefinden steigernde Tätigkeit. Die Logik des Extremsports sieht nämlich nicht die Erfüllung des Glücksversprechens vor. "Du wirst ja immer mutiger, wenn du den ersten Ironman geschafft hast", verkündete jüngst Lothar Leder, einer der drei deutschen Toptriathleten, in einem Interview. Und sein Gesprächspartner, der Musiker Joey Kelly von der Kelly Family, stimmte zu: "Natürlich. Wenn du einen Ironman schaffst, schaffst du auch einen Hundertkilometerlauf. Von der Zeit her ist das fast identisch. Und dann geht es eben weiter." Wenn du es in Hawaii schaffst, dann schaffst du es überall.

00:00 18.10.2002

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