Grüne Farbe für La Fe

Schauplatz Argentinien Durch Straßenblockaden überleben - mit den »Piqueteros« ist in Argentinien eine neue soziale Bewegung der Arbeitslosen entstanden

Es ist Ende Januar, gegen Mittag, das Thermometer in La Fe, einem kleinen Ort im Kreis Lanús südlich von Buenos Aires, zeigt unerträgliche 30 Grad. Eine baufällige Halle von 60 Quadratmetern beherbergt das Gemeinschaftszentrum der MTD - der Bewegung Arbeitsloser Arbeiter. Das Gebäude, das sie einst selbst errichteten, liegt auf einem Gelände, das sie einst selbst eroberten, ähnlich wie die restlichen Grundstücke des Viertels. Heute erhalten in der Volksküche des MTD-Zentrums täglich 150 Menschen ein Mittagessen.

»Nach unserem Verständnis ist das, was wir tun, so etwas wie langfristige Aufbauarbeit«, meint Luis Salazar, der Gründer der Erwerbslosenbewegung von Lanús. »Es gibt in diesem Land keinen Politiker, der das vertritt, was wir wollen, den sozialen Wandel. Deshalb gehen wir auch nicht zu den Wahlen im März.«

Das Viertel La Fe ist das ärmste im Distrikt Lanús, einer Region mit 400.000 Einwohnern, die Buenos Aires von Süden her wie ein Gürtel umschließt und bislang Hochburg der Peronisten war. Wer La Fe auf Stadtplänen sucht, findet nur eine hellgrüne Fläche - jenen Farbton, der Brachen und Müllhalden vorbehalten ist. Tatsächlich lag früher an der Stelle des Viertels eine Deponie, bis Arbeitslose dort campierten und die Zufahrtsstraße blockierten. 80 Tage lang, trotz der Einschüchterung durch die Provinzpolizei, bis die Behörden nachgaben.

Luis Salazar wohnt in der Nähe des MTD-Zentrums. Wie bei den anderen Häusern in La Fe sind die Wände aus Wellblech und umgeben einen Raum.. »Wenn ich wollte, könnte ich besser leben und 800 oder 1.000 Peso im Monat verdienen.« Mehrmals schon seien Mittelsleute der Parteien an ihn herangetreten, um ihm den Posten eines puntero anzubieten, eines Basisfunktionärs, der die großen Parteien in den Quartiers der Ärmsten vertritt. Viele fügen sich diesen Autoritäten und erhalten im Gegenzug Medikamente und Lebensmittelpakete. Diese strukturelle Korruption ist eines der schwierigsten Hindernisse für Aktivisten wie Luis.

»Sicher, wird sind als Erwerbslosenbewegung durch die piquetes (Straßensperren - die Red.) bekannt geworden« meint er, »aber wolltest du eine Umfrage machen, fast jeder im Viertels würde dir sagen, dass er sich dabei nicht wohl fühlt. Niemand hat Lust, ständig der Polizei gegenüber zu stehen, fast zu erfrieren oder sich einen Hitzschlag zu holen.« Schon Tage vor einer Blockade sei alles vorzubereiten: »Die Sicherheit muss garantiert werden, es muss gekocht werden. Eine Sperrung zieht sich manchmal über Wochen hin. Lieber organisieren wird die Volksküchen, aber wenn wir nicht hinausgehen auf die Straße, wovon sollen wir leben? «

Wenn alles in sich zusammenfällt

Sektionen der MTD haben inzwischen über 100 Volksküchen eingerichtet, dazu eigene Bäckereien und Bauernhöfe, die Gemüse und Fleisch für die Küchen liefern, Erste-Hilfe-Praxen, Schneiderwerkstätten, in denen Kleidung aus zweiter Hand ausgebessert wird, Putzkolonnen, die das eigene Viertel säubern.

Von 1996 bis 2002 gab es in Argentinien mehr als 4.000 Straßensperrungen, viele angeführt von den lokalen MTD. In der Regel begründen die piqueteros eine jede Blockade mit präzisen Forderungen: Lebensmittel, Arbeitslosenhilfe, Freiheit für piqueteros, die bei einer anderen Aktion verhaftet wurden. Wo liegen die politischen Motive? Luis zögert: »Hier sprechen wir in der Regel wenig von Politik. Das Viertel La Fe, darum geht es.«

In den Sektionen der MTD entscheidet eine Versammlung, ob es eine Straßensperre geben soll. Dann wird Kontakt zur Presse aufgenommen, man gibt Fernsehinterviews, früher oder später kommt es zu einem Gespräch mit einem Regierungsvertreter, der immer ein bisschen weniger bietet als gefordert ist. Dann entscheidet wieder die Versammlung, ob die Sperre aufgehoben wird. Durch diese Verfahren unterscheiden sich die Aníbal Verón, wie sich die MTD auch nennen, von anderen argentinischen Erwerbslosenverbänden. Aníbal Verón hieß der erste piquetero, der 1999 von der Polizei in der Provinz Salta erschossen wurde.

Es gibt in Argentinien drei Strömungen, nach denen sich die Arbeitslosenbewegung einteilen lässt. Zunächst einmal eine Verbindung, die dem Gewerkschaftsdachverband CTA zugeordnet wird und früher den Peronisten nahe stand. Bis vor kurzem konnte sie die meisten Anhänger mobilisieren. Wurde von dieser Gruppierung eine Straße gesperrt, blieb immer eine Spur frei, um der Blockade einen mehr symbolischen Charakter zu geben. Andere Arbeitlose tendieren zu einem Bloque Piquetero, der unter dem Einfluss von trotzkistischen Parteien steht. Dritte Kraft ist die Arbeitslosenkoordination Aníbal Verón, in der fast alle MTD vereint sind - die horizontalste von allen Vereinigungen, es gibt keine Führer, stattdessen einen zwölfköpfigen monatlich rotierenden Vorstand.

Es begann mit Petitionen

»Viele glauben, dass Argentiniens System in sich zusammenbricht und dies für uns von Vorteil wäre«, meint Luis. »Ich sage hingegen, wenn alles in sich zusammenfällt, sind wir die ersten, die darunter begraben werden. Kommt eine neue Rebellion auf der Straße, wird die Rechte gestärkt. Das heißt, mehr Repression, mehr Gendarmería, zu guter Letzt schicken sie das Heer. Wir können doch nicht nach La Fe gehen und den Leuten sagen, sie sollen den Schüssen der Gendarmería die Stirn bieten.«

Erste MTD entstanden im Großraum Buenos Aires 1996, als die transnationalen Energieversorger damit begannen, den Strom abzuschalten, wenn jemand die Rechnung nicht bezahlte. Das war etwas Neues: Als die Stromlieferer noch staatlich waren, dauerte es Jahre bis gesperrt wurde. Die Schuldner fingen an, sich zu organisieren und Petitionen zu schreiben, mit denen sie flexiblere Zahlungsfristen forderten. Mit den Privatisierungen waren die Tarife für viele in unbezahlbare Höhen gestiegen. In kurzer Zeit stellten die Schuldner bei ihren Meetings fest, wie viele Arbeitslose es in ihren Haushalten gab. Zu Anfang waren 90 Prozent der Teilnehmer Frauen. »Wenn Männer arbeitslos werden, verstecken sie das. Frauen gehen auf die Straße, wenn sie ihren Kindern nichts mehr zu essen geben können«, sagt Luis Salazar. »Und nach und nach kamen mehr Männer, so entstand schließlich die Bewegung der piqueteros. Aber bis heute stellen Frauen die Mehrheit bei uns ...«

Übersetzung Timo Berger

00:00 07.02.2003

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