Grüne Geschichte

Gartenkunst Klaus von Krosigk hat das Antlitz von Berlin verändert. Er hat viele historische Parks und Alleen gerettet. Dafür lässt er sich sogar als Baummörder beschimpfen

Ohne Klaus-Henning von Krosigk würde Berlin heute anders aussehen. Es wäre nicht so grün – und es wäre geschichtsvergessener. Viele markante Orte wie der Tiergarten, der Pariser Platz, der Dorotheenstädtische Friedhof oder der Luisenstädtische Kanal tragen seine Handschrift. Krosigk hat den Gartendenkmalschutz in Berlin etabliert. Und er hat der Stadt damit eine Vorstellung von ihrer Vergangenheit gegeben.

Wenn man ihn darauf anspricht, dass die Stadt heute ohne ihn ein anderes Antlitz hätte, winkt er ab: „Das würde doch überheblich klingen.“ Er habe lediglich „Duftmarken“ gesetzt, fügt er hinzu. Am 3. September wird Krosigk 65 Jahre alt. Als er 1978 das deutschlandweit erste Ressort für Gartendenkmalpflege aufbaute, sei es um den Denkmalschutz desaströs bestellt gewesen, erinnert er sich. Damals wollte man in West-Berlin nicht viel von der Vergangenheit wissen. Eine klare, moderne Stadt wollte man haben, autogerecht. Krosigk stemmte sich gegen den Zeitgeist und versuchte stattdessen das grüne Netz aus historischen Parks und Alleen wiederzubeleben, das verschüttet war. „Dieses Netz wieder herauszuarbeiten, ist mein Erfolg. Das Grün ist Lebensqualität.“

Die Wende vergrößerte Krosigks Wirkungsbereich unverhofft. Kaum war die Mauer gefallen, machte er sich an die Arbeit: Er inventarisierte. Straße für Straße ging er ab, um schützenswerte Objekte aufzuspüren, ihren Zustand zu beurteilen und den Bestand für die Restaurierung zu erheben. Manches war nur verfallen, manches völlig zerstört. Obgleich im Gegensatz zum Westen in der DDR bereits in den 50er Jahren die Schutzwürdigkeit historischer Gärten und Parks festgestellt wurde, war der Umgang mit dem Grün der gleiche.

Der Schutt der Geschichte

Sein wichtigstes Großprojekt zurzeit ist der Luisenstädtische Kanal in Mitte. Zwischen Kreuzberg und Mitte existierte vom Kanal und seinen historischen Grünanlagen nur noch das Engelbecken, ein größeres Wasserbassin. Der Rest war komplett zugeschüttet und als Mauerstreifen ein Stück deutsch-deutsche Tristesse. Bohrungen ergaben jedoch, dass sich unter dem Schutt der Geschichte die komplette alte Parkanlage befand. Seit 14 Jahren wird nun Stück für Stück herausgeschält.

Krosigk gerät ins Schwärmen, wenn er über seine Projekte spricht. Jedes Detail hat er im Kopf. Und er doziert gern. Seit 1981 gebe es die Charta von Florenz für die Wiederherstellung historischer Gärten. „Man ist immer dem Original verpflichtet, alter Bestand ist zu erhalten und nur Fehlstellen originalgetreu zu ergänzen.“ Während des Gesprächs in seinem Büro im Alten Stadthaus, einem historischen Verwaltungsgebäude unweit des Alexanderplatzes, holt er immer wieder Bildbände und Aufsätze über einzelne Projekte aus Regalen, um seine Arbeit zu erläutern. „Natürlich wurden auch Fehler gemacht. Die Forschung geht voran“, sagt er. Heute wisse man etwa, dass „barocke Parterres“ – also Parkbeete – nicht unbedingt von blühenden Blumen ihre Farbenpracht erhielten, sondern auch von gefärbten Kieselsteinen.

Das führte bei Anhängern beblümter Rabatten zu Protesten, als er am Schloss Charlottenburg der historischen Genauigkeit zuliebe Blumen entfernen ließ. Doch um Geschmacksfragen geht es im Denkmalschutz eben nicht – und um liebgewonnene Gewohnheiten schon gar nicht.

Widerstände? „Na ja“, sagt er. „Ich wurde schon auch als Baummörder attackiert.“ Im Park von Schloss Glienicke ließ Krosigk unzählige Bäume fällen. „Fast alle Fenster zur Havel waren zugewachsen. Die Gartenanlage hatte der preußische Landschaftsarchitekt Lenné geschaffen, um ‚Herr der Aussichten‘ zu sein“, verteidigt Krosigk seine Entscheidung. Ein anderes Beispiel: „Im Tiergarten konnten Mitte der 80er Jahre zahlreiche Alleen wieder aufgepflanzt werden.“ Das sei aber nur möglich gewesen, indem die alten Alleenprofile, die völlig zuzuwachsen drohten, freigelegt wurden. „Wir haben hunderte von wertlosen Bäumen wie Robinien und Spitzahorn gefällt und dann mit langlebigen, wertvollen Gehölzen die Alleen wieder aufgebaut.“

Das Telefon klingelt. 3.000 Euro für die Anschaffung einer neuen Pumpe für einen Wasserfall im Kreuzberger Viktoriapark sind endlich freigegeben worden. Krosigk schwärmt von der restaurierten Wolfsschlucht am Kreuzberg. „Wenn das Wasser wieder fließt, entsteht dort ein herrlich kühles Klima. An heißen Tagen eine unschätzbare Wohltat.“ Und eine historisch genau rekonstruierte Wohltat. Die Schlucht, die schon im 19. Jahrhundert zu den großen Touristenattraktionen zählte, war 1989 völlig verfallen. Mit Hilfe von Fotografien, alten Karten und Bohrungen konnte die ursprüngliche Anlage rekonstruiert werden.

Was treibt den Geschichtsgärtner an? War sein Weg vorgezeichnet? „Keinesfalls, ich war kein besonders guter Schüler, wie meine Brüder auch nicht.“ Er lacht schüchtern. Es sei seinem Beruf zu Gute gekommen, dass er länger gebraucht habe, sagt er. Krosigk verließ die Waldorfschule mit der Mittleren Reife und absolvierte eine Lehre im Garten- und Landschaftsbau. Das erste Mal in Berlin war er 1966, um einen Preis als Bundessieger der Landschaftsgärtner entgegenzunehmen. Er siegte in der Sparte „Friedhofsgärtnerei“.

Mit den Sechzigern assoziiert er Nadelgehölz

Hat er sich bei seinem ersten Berlin-Besuch denn schon für das große Ganze interessiert? Für das Zusammenwirken grüner Oasen in einer Großstadt? „Gar nicht“, sagt er. „Alles war rein praxisbezogen. Wie sehen Vegetationszeiten von Pflanzen aus, wie legt man Gartenwege an, wie sehen die Bäume aus, die man in unseren Klimazonen in die Gärten pflanzen sollte?“ Beim Hinweis, dass damals gerade seltsame Nadelgehölze der letzte Schrei in deutschen Gärten waren, schüttelt er sich. „Picea omorika, die serbische Fichte. Oh ja! Schrecklich! Das waren die 60er.“ Wie manch einem zu dieser Zeit Beatles-Songs einfallen, assoziiert Krosigk Pflanzenmoden.

Während der Gartenbaulehre entdeckte er sein Interesse für die theoretische Seite des Landschaftsbaus. Auf dem zweiten Bildungsweg holte er das Abitur nach. Er studierte Gartenarchitektur, Gartengeschichte sowie Bau- und Kunstgeschichte in Hannover. Am linken Ringfinger trägt er einen Siegelring mit dem Familienwappen. Welche Bedeutung hat seine adlige Herkunft? Die Frage scheint ihm beinah peinlich zu sein. „Man hat einen Vorteil, wenn man aus einer solchen Familie kommt“, gibt er zu. Er steht auf, geht zu einem Regal und kommt mit einem gebundenen Aufsatz zurück. „Ich habe einmal etwas über die Gärten meiner Vorfahren geschrieben.“ Krosigks adlige Ahnen lassen sich bis ins Jahr 1040 zurückverfolgen. Er beschreibt in seinem Text, mit welcher Begeisterung seine Vorfahren Gärten und Parks anlegten. Krosigk wurde zwar in Halle an der Saale, am Stammsitz der Familie, geboren, aber nicht in einem der Schlösser, sondern in einer Mietwohnung. Sein Vater war Forstmeister. Später zog die Familie nach Paderborn, in einen Bungalow. Im Garten beackerte er als Kind ein Radieschenbeet, seine erste Gartenarbeit.

Die Frage, ob Gartenkunst etwas Elitäres habe, verneint er entschieden. Zwar arbeite man als Gartendenkmalpfleger in einem „Segment, das in der Tat in früheren Jahrhunderten für den Adel – insbesondere den König – geschaffen wurde.“ Heute komme diese Arbeit aber allen Bürgern zu Gute. Krosigks Traum ist es, dass die Deutschen sich mit ihren Kulturlandschaften eines Tages genauso identifizieren wie etwa Briten, Franzosen und Italiener. In diesen Ländern prägt die Gartenkunst die nationale Identität – was jeder bestätigen kann, der schon einmal erlebt hat, mit welchem Enthusiasmus etwa Briten ihre Parklandschaft preisen.

Nur ein Balkon

Krosigk selbst besitzt keinen üppigen Garten, sondern nur einen Balkon. „Wunderschön gepflegt, versteht sich“, sagt Margrit Bröhan in einem Telefongespräch. Sie war lange Jahre Direktorin eines Jugenstil- und Art-Deco-Museums und ist gut mit Krosigk befreundet. Bröhans Garten zählte zu den ersten Villengärten, die Krosigk unter Denkmalschutz stellte. Unzählige Berliner habe er zu Gartenenthusiasten gemacht, erzählt sie.

In seinem Büro legt Krosigk den Bildband über die 160 denkmalgeschützten Villengärten auf den Tisch und blättert darin. „Schauen Sie hier, Max Liebermann. Und hier …“ Bloß nicht die anderen historischen Grünflächen vergessen! Dann zählt er auf. Die Krankenhausgärten, die Friedhöfe, die Siedlungsgärten und noch dieses und dieses. „Vergessen Sie nicht, Schloss Biesdorf zu erwähnen!“ Am liebsten wäre ihm, dass man alle 600 Gartendenkmale der Stadt auflistete, damit auch ja jeder erfährt, dass es sie alle gibt.

Ein Jahr bleibt Krosigk noch im Amt. Und danach? Eine Nachfolgeregelung gibt es bisher nicht. Krosigk hofft, dass überhaupt jemand folgt. Es würden ja gern Stellen nicht neu besetzt, die frei würden. Im zuständigen Ressort hält man sich bedeckt. Ausgeschrieben ist noch nichts, aber man könne sicher sein, dass alles „seinen verwaltungsmäßigen Gang“ gehe.

Krosigk hat inzwischen so viele Mitgliedschaften in internationalen Gremien des Gartendenkmalschutzes, dass er seine Passion in größerem Rahmen auch im Ruhestand weiter ausleben kann. Sein Lieblingsprojekt als Präsident der Gesellschaft für Gartenkunst ist der „Tag des offenen Privatgartens“, an dem jeder sein eigenes grünes Reich vorstellen kann. „Da geht es einfach nur um die Freude am Garten.“

Sabine Pamperrien schreibt für den Freitag über Kulturthemen. Ihr Berliner Lieblingsort ist die Wolfsschlucht im Viktoriapark in Kreuzberg

16:20 03.09.2010

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