Grüner Geist gibt auf

Kulturkommentar Die "Kommune" war einmal das inoffizielle Theorieorgan der Grünen. Seit sie eine ganz gewöhnliche Partei sind, wird die Zeitschrift nicht mehr gebraucht

Die ZeitschriftKommune, im Januar 1983 als Forum für Politik, Ökonomie und Kultur begründet, ist hervorgegangen aus den Trümmern und dem Kapital, das den Mitgliedern einer maoistischen Minipartei namens „Kommunistischer Bund Westdeutschland“ abgepresst wurde. In den ersten Jahren war sie eine ziemlich lebendige Monatsschrift heimatlos gewordener Linker, dann avancierte sie rasch zu einem inoffiziellen Theorie­organ der Grünen.

Jahre vor der Wende wurde authentisch über die angespannte Situation in Osteuropa und auf dem Balkan berichtet, so erschien hier zuerst auf Deutsch Milan Kunderas Essay Die Tragödie Zentraleuropas und es gab, Heft um Heft, eine „grüne Strategie-Debatte“.

Die ist schon lange eingeschlafen. Und wie sich die Grünen in eine kreuznormale Partei verwandelt haben, ist auch die Kommune behäbig und ein Stück weit staatstragend geworden. Sie erscheint noch alle zwei Monate mit einem eher schwachen, profilarmen Feuilleton und einem materialreichen Politikteil – lange Abhandlungen, oft zähflüssig und mit Statistiken durchsetzt. Im aktuellen Heft geht es anfangs um die Finanzkrise sowie um die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, durch welche das Vertrauen in die Demokratie gefährdet werde. Ein Politikwechsel „hin zu mehr Gerechtigkeit“ sei ebenso notwendig wie ein neues Steuersystem, meint Karl-Martin Hentschel. Um „Gerechtigkeit“ geht es auch Jochen Henninger, wenn er eine „Wende“ im Gesundheitswesen fordert. Das ist etwas matt.

Neuer Moralismus

In den Anfangsjahren profitierte die Zeitschrift noch von der revolutionären Aura ihres Mitgründers Joscha Schmierer. Schmierer war einst redegewandter Führer des Heidelberger SDS gewesen, in den siebziger Jahren dann Sekretär des Zentralkomitees des KBW, ein Verehrer von Mao und Pol Pot. Nach der Selbstauflösung der K-Gruppen ermöglichte ihm die Kommune die Fortsetzung seiner Laufbahn als Publizist, der Monat um Monat, nun als Anhänger der Grünen, die Weltlage einschätzte und seine Rolle als stalinistischer Parteiführer im Stile eines Renegaten verdrängte.

Schmierer stand in den ersten Jahren als Chefredakteur im Zentrum der Zeitschrift, mit seinem gesammelten Wissen, seiner Fähigkeit zu schreiben, zu polemisieren und zu polarisieren. Als er, nun Joschka Fischer beratend, ins Außenministerium wechselte, verlor die Kommune ihren wichtigsten Mann. Seit seiner Pensionierung schreibt Schmierer wieder für das Blatt, vorwiegend sind es Buchbesprechungen. Manchmal meldet er sich auch noch als reformistischer „Kopf mit Durchblick“ zu Wort.

Der massive Antikapitalismus der frühen Jahre ist einem linken Moralismus gewichen, der zwischen Gut und Böse stets korrekt zu unterscheiden weiß. Es fehlt ein journalistischer „Biss“, ein brillanter oder wenigstens polemischer Ton, der sich mit allem anlegt, auch mit den eigenen Voraussetzungen.

Trotzdem überrascht die Ankündigung, dass die Kommune am Ende des laufenden 30. Jahrgangs eingestellt werden soll. Dass sie fast nur von ehemaligen 68ern geprägt und wohl auch gelesen wurde, also von einer sterbenden Generation, geriet ihr zum Nachteil. Ihre öffentliche Wirkung schwand dahin wie der Abonnentenstamm.

Michael Buselmeier ist Träger des Ben-Witter-Preises

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12:00 24.03.2012

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