Grünkohl mit Salsa

Alltag Vom Latin-Dance-Fieber im kalten Niedersachsen

Wochendendliche Leere gähnt in dunklen Bürogebäuden der Hannoveraner Innenstadt. Es ist ein Sonntag Abend im Februar, auf der Straße ist kaum ein Mensch ist zu sehen, der nicht in einem wärmenden Auto steckt. Auf dem zugigen Bürgersteig verspricht ein Plakataufsteller: "Caribbean Dance Salsa. Jeden Sonntag kostenlose Schnupperstunde". Hier in Hannover gibt es, wie ich kürzlich erfuhr, nicht nur eine Salsa-Tanzschule, sondern auch eine "Salsa-Szene", eine der größeren Salsa-Szenen Deutschlands sogar. Die Schnupperstunde ist die Eingangshürde für Uneingeweihte. Das Häppchen, das süchtig machen soll nach kubanischem Salsa oder New York Style, Samba oder Merengue. Ich habe mich für "Caribbean Dance Salsa" entschieden, um mich in den Bann ziehen zu lassen.

Die Räume der Schule liegen im Erdgeschoss. Keine Plastikpalmen, keine Latino-Accecoirs, sondern blankes Parkett erwartet uns. An der Strinseite gibt es eine Bar. Gegenüber ist ein Spiegel angebracht, in dem man seine Bewegungen überprüfen kann. Einen Augenblick muss ich an meine Tanzstunden aus der Schulzeit denken, Bilder von zwanghaft giggelnden Teenagern tauchen auf, doch sie verschwinden gleich wieder. Das hier ist anders. Wir sind beginnende Zwanzig und älter, und wir sind, auch die männlichen Teilnehmer, aus freiem Willen hier. Wir wollen wissen, ob wir genug Temperament und ausreichend karibisches Feeling im Blut haben. Salsa ist kein Wiener Walzer und kein ausgelatschter Disco Fox. Salsa ist exotisch. Salsa ist sexy. Wir Niedersachsen haben den Landjugend-Tanzkurs hinter uns gebracht, jetzt wollen wir sexy sein.

"Tanzen", erklärt uns der Tanzlehrer, "ist Körperbeherrschung. Man kann sie lernen, so wie man Laufen gelernt hat. Salsa ist Sport. Er spricht es aus, nippt stilvoll an seiner Kuba Libre, die von weitem betrachtet auch als Cola mit Eiswürfeln durchgeht, stellt das Glas zur Seite und macht: "Uno, dos, trés". Es geht los. Wir sind alle mit den eigen Füßen beschäftigt, stehen in Reihen, es ist wie bei der Aerobic-Stunde. Samba Grundschritt, Salsa Grundschritt. Geht doch. Zeitgleich mit den ersten Schweißperlen auf der Stirn stellen sich erste Erfolgserlebnisse ein. Dann wird es spannend: Was auf der Stelle so schön funktioniert, soll auch paarweise klappen. Die Damen stellen sich hintereinander auf, daneben wird eine Reihe mit Herren gebildet. Immer auf Kommando des Lehrers rückt die Damenreihe eins voran, sodass jeder Herr eine neue Partnerin erhält und jede Dame einen neuen Partner. Didaktisch ist das fantastisch: Keiner hat die Qual der Wahl und niemand ist verpflichtet, den ganzen Abend lang einen Tanzpartner vor sich herzuschieben, der so musikalisch wie ein Stück Kernseife ist und über die Körperkoordination eines Einkaufswagens mit mindestens einer klemmenden Rolle verfügt. "Wer wirklich tanzen kann, kann das nicht nur mit einem Partner", diesen weisen Satz hat mich mein Jugendtanzlehrer gelehrt. Denn damals beherrschte uns die Angst vor den Einkaufswagen, die durch den Abend zu schieben waren - oder, schlimer noch, vor dem eigenen Versagen.

Offenbar haben die anderen ähnliche Erinnerungen. Ich fasse Hände unterschiedlichen Verschwitztheitsgrades und wische meine an der Hose ab, bevor ich die nächsten greife. Doch die so fein eingefädelte Mischung aus Aerobic und Speeddating hat ihre Nachteile, wie sich zeigt. Ich bin ein gutes Stück über 1,80 groß und brauche hochgewachsene Tanzpartner. Mein Tanzpartner misst gefühlte 1,60. Wir heben beide den rechten Arm und drehen uns darunter durch: Mein Partner reckt sich verzweifelt, ich verbiege mich. Das ist nicht Salsa. Das ist Limbo. Und Limbo, darauf weisen mich meine quietschenden Bandscheiben hin, ist die Vorhölle. Hat nicht Papst Benedikt den Limbo kürzlich abgeschafft? Aus orthopädischer Sicht wäre das eine gute Entscheidung. Es geht weiter zum nächsten Herren, der immerhin fünf Zentimeter größer als sein Nachbar ist. Dann gerate ich an einen Zwei-Meter-Mann. "Gott sei Dank", sagen wir gleichzeitig, beide des Limbos überdrüssig. Im Anschluss bemühe ich mich einige Minuten lang, unserem Tanzlehrer nicht auf die Füße zu treten und werde dann an einen der Gastherren weitergereicht. Die Gastherren, fortgeschrittene Salsatänzer, die an der Bar Margaritas trinken und sich eigentlich auf das sonntagabendliche freie Tanzen mit fortgeschrittenen Damen freuen, müssen den leichten Frauenüberschuss in unserem Anfängerkurs ausgleichen. Sie machen das bereitwillig mit.

Was es mit den Männern auf sich hat, die so enthusiastisch Salsa tanzen, erfahre ich am Sonntag darauf in der Schnupperstunde der nächsten Tanzschule. Dr Trick sei, so erklärt dort der Tanzlehrer, den Männern zu erklären dass Salsa "System" habe. Dass Salsa logisch sei, dass man diesen Tanz verstehen kann. Wenn die Männer den Salsa dann erst einmal verstanden haben, holten sie den anfänglichen Lernvorsprung der begabteren "Ladies" schnell ein. Mehr noch. Die Erfahrung, "dass man als versierter Tanzpartner mit den Damen im Salsafieber fast alles machen kann", begeisterte sie derart, dass sie immer weiter tanzten und freiwillig bis zum letzten Fortgeschrittenenkurs treue Kunden blieben.

Dankbare, überaus anhängliche Kunden sind nicht nur die Herren. Eine der Frauen, die ich eben noch im FortgeschrittenenWorkshop sah, dem wir Frischlinge für einige Minuten zuschauen durften, nimmt jetzt, als der Workshop beendet ist, noch freiwillig die Schnupperstunde mit. Sie lächelt und lächelt, während der Tanzlehrer redet und redet. Sie strahlt, sie schmunzelt, sie lacht und trägt ein ärmelloses Topp mit Goldglitzer, freiwillig. Im Februar. Und als alle im Kreis stehenden sagen sollen, weshalb sie gekommen sind, wird sie mit einer Geste der Selbstverständlichkeit übergangen. Eine schmachtende Lady. Das spricht offenbar für sich.

Warum sind wir hier? Schwere Frage, zögernde Antworten. Letzte Woche wurde diese Grundsatzfrage nicht gestellt. In diesem Kurs, in dem mehr Paare schwitzen als vorigen Sonntag, denken diese nun folgsam über ihre Beweggründe nach und antworten artig, einer nach dem anderen, sie hätten bewusst nach einem gemeinsamen Hobby gesucht. Um so ausführlicher erfahren wir im Anschluss, weshalb unser Lehrer sich für den Salsa entschied: Hannover habe die richtigen Schwingungen für den Salsa. Das habe er während der EXPO 2000 "Mensch, Natur, Technik" bei einem Salsa Wettbewerb bemerkt, den das zugehörige Kulturprogramm bescherte. Er sei Kopfmensch, Physiker eigentlich, beinahe promoviert. Doch plötzlich, nach Jahren der Wissenschaft, war alles nur noch Salsa. Er habe das Wesen des Salsa begriffen, habe ihn durchdrungen, und der Salsa hat ihn durchdrungen. Und jetzt ist er hier. Er durchmischt Deutsch mit englischen Anweisungen, es wird getanzt. Die Paare wiegen sich paarweise, Damen drehen sich unter erhobenen Armen, Herren beginnen, den Salsa zu verstehen. Und selbst gegen Ende dieser Stunde, in dem fast mehr geredet wurde als getanzt, werden die Schritte rythmischer, die Gesichter erhitzt, die Wangen gerötet.

Salsa ist wunderbar. Er ist Hobby für sie und ihn und Sport in einem. Er ist Balzritual für Leistungsorientierte, Kitt für Beziehungen, Ersatz für die Paartherapie. Und die Niedersachsen haben eine ganz besondere Beziehung zu ihm. Weshalb? Salsa, so hat es der Tanzlehrer erklärt, ist ein Gemisch südamerikanischer, europäischer, ja sogar afrikanischer Einflüsse, die zu einer Salsa geronnen sind. Wie eine eingedickte Soße, die aus allem, was da ist, zusammengekocht wird. Eine typische dicke Soße eben, die hervorragend zur heimischen Küche passt.

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