Günstiges Gold

Côte d’Ivoire Der Kakaoanbau wirft kaum etwas ab. Doch Kooperativen helfen weiter
Günstiges Gold
Während der Kakaoanbau hauptsächlich in tropischen Regionen in den Ländern des Südens stattfindet, spielt sich der Großteil der Weiterverarbeitung und des Konsums von Kakaoprodukten in den Industrieländern ab

Foto: Christoph Köstlin

Hierzulande ist Kakao vor allem Grundlage für Süßspeisen, in den Erzeugerländern ist der Rohstoff die Basis vieler Existenzen. 14 Millionen Menschen bestreiten ihren Lebensunterhalt mit der Produktion von Kakao. Schätzungsweise 90 Prozent des weltweit produzierten Kakaos stammen von Familienbetrieben, die oft Felder von zwei bis drei Hektar bewirtschaften und für ihre Produkte oft viel zu niedrige und zudem volatile Preise erhalten, die unter dem eigentlichen Wert liegen.

Dah Oho Gboklela sitzt im Schatten der Kakaobäume ihrer kleinen Plantage. Die Mutter von vier Kindern ist Kakaobäuerin in Gogoko, einem kleinen Dorf etwa 50 Kilometer von der ivorischen Küste entfernt. Auf dem Schoß sitzt ihre jüngste Tochter, noch kein Jahr alt. Die Kleine weiß noch nichts davon, wie sehr ihre Mutter darum kämpft, ihr und ihren Geschwistern einen guten Start in die Zukunft zu verschaffen. Dah Oho begann 2004 mit dem Kakaoanbau. Gemeinsam mit ihrem Bruder bewirtschaftete sie das Stück Land, das ihr Vater ihnen hinterlassen hatte. Eigentlich wäre die junge Frau gerne weiter zur Schule gegangen, um eine gute Ausbildung zu erhalten und etwa Beamtin zu werden, wie einige ihrer damaligen Schulkameradinnen.

Der frühe Tod des Vaters ließ dies nicht zu: Das Geld reichte kaum zum Leben, geschweige denn für Schulgebühren. „Am Anfang war es nicht leicht. Wir hatten kein Geld, um Macheten zu kaufen, und ernteten im Jahr nur 10, 20 Kilo Kakao, denn die Bäume waren noch zu klein“, erzählt sie. Als Dah Oho heiratete, bekam sie einen Teil des Landes von ihrem Bruder zugesprochen – ihre eigene kleine Plantage. In einem Land wie der Côte d’Ivoire, in dem nur 20 Prozent der Landbesitzenden weiblich sind, ist das keine Selbstverständlichkeit.

Während der Kakaoanbau hauptsächlich in tropischen Regionen in den Ländern des Südens stattfindet, spielt sich der Großteil der Weiterverarbeitung und des Konsums von Kakaoprodukten in den Industrieländern ab. Wenige große Handelsunternehmen kontrollieren rund 80 Prozent des Kakaohandels. Die Preise sind derart gering, dass es für die Produzentenorganisationen nicht möglich ist, in bessere Pflanzen, Pflanzenschutz und neue Geräte zu investieren. Daneben führt der Klimawandel wiederholt zu starken Ernteausfällen. Um diese zu kompensieren, wurden größere Flächen Wald in Kakaoplantagen umgewandelt, was wiederum den Klimawandel beschleunigt. Die schwierige Situation auf dem Kakaomarkt und das sehr geringe Einkommen der Produzierenden haben dazu geführt, dass der Anteil an Kinderarbeit und Sklavenarbeit in Westafrika gestiegen ist. Laut Schätzungen des National Opinion Research Center at the University of Chicago (NORC) arbeiten in der Côte d’Ivoire und Ghana, von wo etwa 60 Prozent des weltweiten Rohkakaos stammen, über 1,5 Millionen Kinder im Kakaoanbau. Demnach wäre der Anteil arbeitender Kinder in den beiden Ländern in den letzten zehn Jahren von 30 auf 41 Prozent (bis 2019) gestiegen.

Laut einer Studie von Fairtrade International aus 2018 liegen die tatsächlichen Einkommen der Kakaobauernfamilien in der Côte d’Ivoire bei 0,78 US-Dollar pro Kopf (entspricht 0,67 €). In derselben Studie wurde ein erster Versuch unternommen, existenzsichernde Einkommen für Bäuerinnen und Bauern in der Côte d’Ivoire zu berechnen. Ermittelt wurden 2,51 US-Dollar pro Kopf und pro Tag. Fairtrade stellt damit fest, dass die „Haushaltseinkommen nicht ausreichend sind, um ein existenzsicherndes Einkommen zu ergeben“. Durchschnittlich verdienen die Haushalte der Kakaobauernfamilien lediglich 37 Prozent dessen, was für ein existenzsicherndes Einkommen in den ländlichen Gebieten der Côte d’Ivoire erforderlich wäre.

So billig wie zuletzt 2008

Der Weltmarktpreis von Kakao wird vorwiegend an den Rohstoffbörsen von London und New York festgelegt. Er gilt als einer jener Preise, die besonders anfällig für Schwankungen sind, und wird daher auch oft für Spekulationszwecke missbraucht, was zu weiterer Instabilität beiträgt. Auch in den letzten fünf Jahren erfuhr der Kakaopreis drastische Berg-und-Tal-Fahrten: Lag der durchschnittliche Weltmarktpreis für Kakao in der Erntesaison 2015/2016 noch bei rund 3.100 US-Dollar pro Tonne, fiel er in der folgenden Saison um knapp 30 Prozent auf 2.100 US-Dollar/Tonne. Zwischen April 2017 und Januar 2018 lag der Weltmarktpreis sogar unter 2.000 US-Dollar pro Tonne, so niedrig wie seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr. In der Erntesaison 2019/2020 pendelte sich der Preis für eine Tonne Rohkakao bei rund 2.400 US-Dollar ein. Die Situation in der Côte d’Ivoire und Ghana ist etwas anders. Beide Länder haben nationale Kakao-Marketing-Boards, die einen Teil ihrer Ernte im Jahr vor Beginn der Erntesaison vorverkaufen.

Heute hat Dah Oho durch den Anbau von Kakao ein eigenes bescheidenes Einkommen. Sie hat sich der Fairtrade-zertifizierten Kooperative ECAKOOG angeschlossen. Ein Schritt, den sie nicht bereut. „Die Kooperative unterstützt mich zum Beispiel auch mit Tipps, wie man richtig düngt. Wenn man Dünger benutzt, trägt der Baum mehr Früchte. Man verdient dann selbstverständlich mehr nach der Ernte.“ Dank der festen Fairtrade-Mindestpreise und der zusätzlich gezahlten Prämie verdient Dah Oho zwar mehr als Kleinbauernfamilien, die nicht dem Fairtrade-System angeschlossen sind, dennoch reicht das Geld noch nicht, um die Existenz der Familie zu sichern: Die Kakaokooperativen können nur einen Teil ihrer Ernte unter Fairtrade-Bedingungen verkaufen und sind daher weiterhin von schwankenden Weltmarktpreisen abhängig. Deshalb setzt Dah Oho nicht ausschließlich auf den Kakaoanbau, sondern baut zusätzlich Kochbananen, Auberginen, Reis, Okra und Maniok an.

Dah Oho sorgt sich um die Zukunft ihrer Kinder, denn sie sollen es einmal besser haben. Der Schlüssel dazu ist Bildung – doch das kostet: Schulkleidung, Schulmaterial und Schulgebühren sind Gründe, die vielen Kindern in und um Gogoko den Schulbesuch unmöglich machen. Auch Dah Oho kennt Familien, in denen die Kinder, statt in die Schule zu gehen, auf dem Feld mitarbeiten müssen. Die Kakaokooperative ECAKOOG, der Dah angehört, versucht das zu ändern. „Es gibt immer noch Leute, die nicht wissen, wie wichtig Schulbildung ist. Darum finde ich es gut, dass unsere Kooperative die Mitglieder dazu ermutigt, ihre Kinder einzuschulen. Sie helfen sogar dabei, den Schulbesuch für die Kinder der Mitglieder möglich zu machen“, beschreibt Dah Oho die Situation.

Die Einnahmen über dem festen Mindestpreis helfen den Produzentenorganisationen dabei, die Kosten einer nachhaltigen Produktion zu decken. Die zusätzliche Prämie verbessert außerdem die Lebenssituation der Bauernfamilien, der Beschäftigten auf Plantagen sowie ihrer Dorfgemeinschaften, indem in Gesundheit, Bildung, Umwelt, Ökonomie und so weiter investiert wird. Dabei entscheiden die Bauernfamilien und Beschäftigten in einem demokratischen Prozess selbst darüber, wofür die Prämie genau verwendet werden soll.

Das Kakao-Rohstoff-Programm wurde im Januar 2014 ins Leben gerufen. Ziel ist es, die Fairtrade-zertifizierten Kooperativen und Gemeinden in Westafrika zu stärken und neue Absatzmöglichkeiten für ihren Kakao zu schaffen. Denn bisher konnten die Kooperativen nur knapp 36 Prozent ihrer Ernte zu Fairtrade-Bedingungen absetzen und mussten den übrigen Kakao auf dem konventionellen Markt verkaufen. Mit der Einführung des neuen Fairtrade-Kakao-Rohstoff-Programms in 2014 und dem Engagement der Kooperationspartner hat sich der Absatz von Fairtrade-Kakaobohnen erheblich gesteigert. 2018 lag er bei 49 Prozent.

Existenzsichernde Löhne

Seit 2017 verfolgt Fairtrade eine langfristig angelegte Strategie, die auf existenzsichernde Einkommen für Kakaobauernfamilien hinarbeitet. Im Rahmen dieser Strategie hat Fairtrade International nach umfassenden Konsultationsprozessen einen Richtpreis für existenzsichernde Einkommen für Kakao in der Côte d’Ivoire und Ghana ermittelt, den sogenannten „Living Income Reference Price“. Er ist der erste Richtpreis für die Branche, der auf Richtwerten für existenzsichernde Einkommen und Konsultationen zu Betriebskosten der Produzentenorganisationen beruht. Dieser Preis gibt an, was Kleinbauernfamilien für ihren Kakao bekommen müssten, damit sie ein existenzsicherndes Einkommen erhalten, um grundlegende Bedürfnisse wie angemessene Unterkunft, gesunde Lebensmittel und Bildung bezahlen zu können.

Auf die Frage, wie ihre Botschaft lauten würde, wenn sie in einem Supermarkt in Deutschland mit Konsumentinnen und Konsumenten sprechen könnte, muss Dah Oho zunächst lachen – vielleicht erscheint ihr diese Idee allzu abwegig. Doch letztlich hat sie eine ganz klare Vorstellung dessen, was sie sagen würde: „Nur wenn die Kakaobohne gut ist, ist auch die Schokolade von guter Qualität. Wenn ihr weiterhin gute Schokolade essen wollt, zahlt uns faire Preise für den Kakao. Denn wenn wir vom Kakaoanbau nicht leben können, wird es immer weniger Kakaobauernfamilien und irgendwann keine Schokolade mehr geben.“

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06:00 25.11.2020

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