Guerilla im Vogelparadies

Venezuela Während die rechten Eliten weiter die Regierung Chávez blockieren, formieren sich erste bewaffnete Gruppen der Linken

Am 19. August sollte in Venezuela ein Referendum über das politische Schicksal des linksnationalistischen Präsidenten Hugo Chávez entscheiden. Nach zwei Putschversuchen galt die Abstimmung als weiterer Versuch der rechten Opposition, den Staatschef zu stürzen. Als sich jedoch abzeichnete, dass die dafür erforderliche Stimmenzahl kaum zustande kommen würde, blockierten die Oppositionsparteien im Parlament die Besetzung der Wahlaufsichtsbehörde CNE, ohne deren Vollständigkeit kein Votum möglich ist.

Es nieselt auf der Straße im Bundesstaat Barinas. Nördlich von hier verläuft der Gebirgszug der Kordilleren von Mérida. Etwa 100 Kilometer entfernt - eigentlich in Sichtweite, wenn da nicht dichte Wolken wären - liegen die 5.000 Meter hohen Picos Bolívar und Humboldt, die höchsten Gipfel Venezuelas. Nach Osten und Süden fällt die Landschaft hingegen schnell in eine brettgleiche Ebene ab. Soweit das Auge reicht, sieht man Viehweiden, kleine Haine, von Palmen gesäumt. In anderen Regionen können sich diese Ebenen - die Llanos - über den Sommer hinweg in eine rote Staubwüste verwandeln. Am Fuße der Kordilleren jedoch ist es das ganze Jahr über grün. Breite, reißende Flüsse, eine üppige Vegetation, immer wieder Reiher und Flamingos. Eine Idylle, ein dünn besiedelter, friedvoller Flecken Erde, in dem für alle genug Platz ist. Doch der Eindruck trügt - in Barinas toben schwere Landkonflikte.

Als die Regierung von Hugo Chávez im November 2001 eine Agrarreform beschloss, meldeten sich auch linke Kritiker schnell zu Wort - die Reform bleibe ein Muster ohne Wert, da Venezuela nach dem Erdölboom extremer verstädtert sei als zuvor. Nur etwas mehr als zehn Prozent der Bevölkerung lebten heute noch wirklich auf dem Land. Außerdem dürfe von der Reform keine wirkliche Umverteilung des Grundbesitzes erwartet werden, da Chávez zunächst nur städtisches und staatliches Land vergeben wolle. Die innenpolitischen Reaktionen zeigten bald - das Präsidentendekret war sehr wohl brisant. Noch im Dezember 2001 riefen der Unternehmerverband Fedecamara und der rechte Gewerkschaftsbund CTV zu Protesten gegen die Landreform auf, das Signal für einen Aufmarsch der Opposition, der in einen Putschversuch münden sollte.

Die Rechten sind vor allem aus zwei Gründen gegen die Reform. Zum einen ermöglicht das Dekret die Enteignung von Grundbesitz über 5.000 Hektar zu Marktpreisen. Zwar sind derartige Aufkäufe kaum zu erwarten, da dem Staat das Geld dafür fehlt. Aber allein die Möglichkeit der Enteignung wird von den Viehzüchtern als Provokation empfunden. Schließlich sieht die Reform für verteiltes Land keine individuellen Eigentumstitel, sondern Genossenschaftsbesitz vor, was langfristig einen sozialen Umbruch auslösen könnte. Hugo Chávez, der kein Hehl daraus macht, die Kooperativökonomie zu fördern und von der Rückkehr zu einer "nationalen Lebensmittelsouveränität" träumt, möchte unbedingt einer Tendenz vorbeugen, wie sie nach der Agrarreform von 1960 zu beobachten war. Damals verkauften Kleinbauern ihren Besitz bereits nach wenigen Jahren wieder, so dass sich trotz der Reform Landbesitz erneut bei einigen wenigen konzentrierte. Bei dem jetzt vergebenen Land - den sogenannten Cartas Agrarias - ist ein Weiterverkauf nicht möglich. Stattdessen wird der Aufbau von Kooperativen gefördert. Die Bauern erhalten neben den Landtiteln Kredite sowie Hilfe für den Haus-, Schulhaus- und Straßenbau.

Vom Regen erschlagen

"Die Vorschläge von Chávez sind gut, aber er hat ein schlechtes Team." - "Das sind Saboteure." - "Alte Eliten. In der Regierungspartei (*), da sind doch alle möglichen Leute drin, die schon früher in den Ministerien saßen."

Abend in der Provinzhauptstadt Barinas, die etwa 100.000 Einwohner zählt. Es ist lau, über den Dächern liegt im Westen ein letzter Streifen Dämmerung, Pfützen spiegeln das Licht verlorener Straßenlaternen. Wir sitzen vor einer Tür im Kreis: sechs Mitglieder der regionalen Bauernorganisation Frente Ezéquiel Zamora, alle sind aufgebracht. Sie haben sich in Barinas zu 19 Kooperativen zusammengeschlossen, um insgesamt 163.000 Hektar zu bewirtschaften. Das Ministerium versprach Kredite im Wert von insgesamt 17 Milliarden Bolívares (etwa acht Millionen Euro). Zwar sind die Zugangsstraßen zu den Feldern mittlerweile gebaut, die Flächen für Wohnanlagen planiert, doch auf Kredite und Saatgut warten sie vergeblich.

"Ein Desaster", sagt Ramón. Er trägt das rote Cap der brasilianischen Landlosenbewegung MST. "Der Mais müsste schon kniehoch sein. Wenn wir zu spät säen, wird alles vom Regen erschlagen." Eine Frau nickt heftig. "Die Latifundistas haben schon vor Wochen gesät. Wenn wir unsere Ernte nicht einbringen, werden sie sagen: ›Die Kooperativen versagen und können die Lebensmittelversorgung nicht garantieren.‹ Zu ernten, ist das Wichtigste."

Wenn Kredite für die Landlosen und Kleinbauern seit Monaten zurückgehalten werden, hat das nicht nur mit der schweren Finanzkrise zu tun, die den venezolanischen Staat dank der Wirtschaftssabotage durch die 0pposition heimsucht. Im Regierungsapparat selbst tobt ein stiller, aber erbitterter Kampf zwischen diversen Fraktionen, die jeweils ihr Wirtschaftskonzept durchsetzen wollen. Die Regierung glaubt noch immer, die nationale Lebensmittelautarkie sei ein realistisches Ziel - bisher werden mehr als zwei Drittel der Nahrungsmittel importiert. Die mächtige Grundbesitzerlobby, die über beste Kontakte zur Staatsbürokratie verfügt, drängt auf eine Umleitung der Fördergelder und setzt Chávez die Pistole auf die Brust. Entweder er sorgt dafür, dass die Finanzhilfen den großen Latifundien zugute kommen, oder er kann seine Lebensmittelautarkie in den Wind schreiben.

"Von außen betrachtet", erklärt Daniel Uribe, ein peruanischer Exilant, der die venezolanische Bauernorganisation seit geraumer Zeit begleitet, "könnte man glauben, es gehe in Venezuela um einen Konflikt zwischen Regierung und Opposition. Tatsächlich aber bilden Regierung und Präsident nicht die Gegenseite, sondern den Puffer in der Mitte. Der Konflikt teilt Besitzende von Besitzlosen, die politische Rechte von den Basisgruppen." Daniel macht ein verbittertes Gesicht. An diesem Tag sind fast 100 Familien im Ort Obispo von der Gemeindepolizei vertrieben worden. Der lokale Großgrundbesitzer hatte einen Richter bestochen, der gar nicht für den Distrikt zuständig war, aber ein Urteil sprach. "Die Polizei, die geräumt hat, untersteht einem Bürgermeister, der angeblich auf der Seite der Revolution steht." - "Das ist nicht Chávez´ Schuld", entgegnet Ramón. "Schuld sind die Korrupten." Von denen scheint es allerdings nicht wenige zu geben. Der venezolanische Staat bleibt eine Bereicherungsmaschine.

Diese Bewaffneten sind echt

Am nächsten Morgen fahre ich durch den Bundesstaat Táchira. Die Straße nach San Fernando de Apure führt wie ein Strich durch die Ebene in Richtung Osten. Es regnet in Strömen, links und rechts von der auf einem Damm laufenden Piste stehen die Viehweiden unter Wasser. Bis Ende des Jahres werden sich die Zebu-Rinder wie Wasserbüffel durch den Morast schieben müssen. Das Grasland ist für Monate in ein gigantisches Vogelparadies verwandelt, in dem Frösche und Kröten nachts ein ohrenbetäubendes Konzert anstimmen.

Nach fast drei Stunden Flussfahrt mit einem Motorboot erreiche ich, mittlerweile völlig durchnässt, mein Ziel. Unweit der Anlegestelle steht an einem Bauernhaus eine Gruppe Bewaffneter mit Armbinden und Halstüchern in den venezolanischen Nationalfarben - es sind Guerilleros der Fuerzas Bolivarianas de Liberación (FBL), einer Rebellenorganisation, die bisher so wenig in Erscheinung tritt, dass selbst gut informierte venezolanische Linke sie häufig für eine Erfindung der Rechten halten. Doch es besteht kein Zweifel - diese Bewaffneten sind echt. Die meisten der Uniformierten sind höchstens 20 und wirken leicht verunsichert. Selbst die wenigen Älteren, die sich als Comandantes des Bloque Occidental vorstellen, erwecken den Eindruck, als brauchten sie die militärische Konvention, um sich ihrer Identität zu vergewissern.

Dabei sind die FBL alles andere als ein verlorener Haufen in der venezolanischen Feuchtsavanne. Inzwischen existiert ein halbes Dutzend solcher Guerilla-Einheiten, die sich auf verschiedene Bundesstaaten verteilen. Dass dennoch der Eindruck einer exotischen Posse entstehen kann, hat mit der Strategie dieser Guerilla zu tun: Sie ist zwar bewaffnet, aber sie kämpft nicht.

"Wir bauen nicht deswegen seit zwei Jahren unsere Formationen auf, weil wir dem Staat den Krieg erklären wollen", meint Gerónimo, einer der Comandantes. "Aber wir sind nicht naiv. Wenn Chávez dieses Land weiter regiert, werden die USA früher oder später auf die eine oder andere Weise intervenieren. Mit regulären Truppen wird sich Venezuela dann nicht verteidigen können. Deswegen brauchen wir diese Guerilla."

Was die Regierung angeht, versucht Gerónimo zu differenzieren: "Wir denken, dass der Präsident im Ökonomischen so weit geht, wie man zur Zeit gehen kann. Begreifen wir Revolution als eine strukturelle Angelegenheit, so handelt es sich hier um eine Revolution. Wir kritisieren den Präsidenten aber, weil er den Basisbewegungen nicht genug vertraut." Die FBL-Führer sind um Vorsicht bemüht. Sie beanspruchen bislang nicht, die erleuchtete Avantgarde der Revolution zu sein, sondern "ein Faktor unter vielen", dem allerdings irgendwann mehr Gewicht zukommen könnte. Trotzdem bin ich nicht wirklich überzeugt von dem, was ich höre.

Als wir nach unserem Gespräch Reis, Maniok und Dosenthunfisch essen - Kleinbauern bekommen selbst im venezolanischen Rinderparadies nur selten Fleisch auf den Tisch -, frage ich, ob die Vorbereitung auf einen Guerilla-Krieg nicht so etwas wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sei. Eine innere Eskalation werde doch genau durch solcherart Vorkehrungen ausgelöst. Man könne das auch andersherum sehen, wird mir erwidert, Gewalt gäbe es längst in diesem Land. In den vergangenen drei Jahren seien über 70 Bauernaktivisten von Todesschwadronen ermordet worden, die meisten davon im westvenezolanischen Zulia, an der Grenze zu Kolumbien. Mit dem Beistand des Nachbarn würden dort auf einigen Latifundien paramilitärische Gruppen entstehen. Viele davon gehörten zur Clique um den früheren Staatschef Carlos Andrés Pérez - der wegen seiner korrupten Praktiken Vorbestrafte war zuvor lange Jahre Vizepräsident der Sozialistischen Internationale. "Es ist vielleicht falsch", sagt Daniel Uribe aus Peru, "eine Guerilla aufzubauen. Es ist ebenso falsch, wehrlos zu bleiben."

(*) Die Regierungspartei MVR nennt sich Bewegung Fünfte Republik.

00:00 22.08.2003

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