Nick Reimer
23.03.2011 | 11:40 1

Gundremmingen abschalten, jetzt!

Atomausstieg Block A zerstörte die schwerste Reaktorpanne der BRD. B und C sind die letzten Siedewasser-AKW am Netz. Bleiben sie, ist das Moratorium wirklich nur ein Ablenkmanöver

Angela Merkel hat es in diesen Tagen nicht leicht. Immer wieder muss die CDU-Vorsitzende ihre Atompolitik erklären, im Bundestag, im Kabinett, auf ihren Wahlkampftouren in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, den Medien. „Wie alle habe auch ich aus Japan etwas gelernt“, sagt die Physikerin einerseits. Man könne doch jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, beschwört sie ihre Anhänger im überfüllten Saal. Um dann andererseits die Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke zu loben und nach dem „Sicherheitscheck“ einen „Ausstieg nach Augenmaß“ anzukündigen. Was das allerdings sein soll verrät uns die Kanzlerin nicht.

Baugleich mit Fukushima

Eigentlich wollte die Union mit ihrem Atom-Moratorium Handlungswillen und Verantwortung demonstrieren. Aber das taugt ebenso wenig wie Merkels Erklärungsversuche. Acht deutsche Reaktoren gingen nach Regierungswillen am Wochenende zur Prüfung vom Netz – und ausgerechnet die beiden Siedewasserreaktoren in Gundremmingen dürfen weiter Atomkerne zur Stromerzeugung spalten. Die Technologie von Block B und C ist baugleich mit der im japanischen Fukushima. Und wie in Japan kam es hier, am Standort Gundremmingen, zur bislang schwersten Reaktorpanne in der bundesrepublikanischen Atom-Geschichte.

Am 13. Januar 1977 hatte der Winter in Bayern jede Menge Raureif in die Landschaft gezaubert, so viel, dass die Stromleitungen zum Atomblock A in Gundremmingen unter der Raureiflast rissen. Der im Reaktor produzierte Strom konnte nicht mehr abfließen, es gab ja keine Verbindung zum Stromnetz mehr. Zwar schaltete sich Block A noch selbst korrekt ab. Dann aber versagte die Kette der sicherheitstechnischen Systeme: Die Energie, die der Reaktor weiter freisetzte, brachte dem Reaktorkern einen Totalschaden. Nie wieder sollte Block A des Atomkraftwerks Grundremmingen ans Netz gehen können.

Es ist die Technologie, die Siedewasserreaktoren besonders anfällig macht: Im Gegenteil zu den moderneren Druckwasserreaktor haben sie den Nachteil, dass ihr Kühlwassersystem nicht auf den radioaktive Kreislauf im Sicherheitsbehälter beschränkt ist. Das bedeutet: Im Falle eines Störfalls im Reaktorkern ist der Austritt von Radioaktivität wahrscheinlicher als in einem moderneren Druckwasserreaktor. Wegen dieser Gefahr wurden in Deutschland alle Siedewasserreaktoren vom Netz genommen: Das Atomkraftwerk Lingen genauso wie das in Würgassen, Großwelzheim (Bayern), Isar, Kahl (Hessen), Krümmel, Brunsbüttel und Philippsburg. Nur die beiden in Gundremmingen dürfen weiter laufen – ohne Prüfauftrag durch das Moratorium, als ob mit der Siedewassertechnologie nichts passiert sei.

Keine Tsunamis, dafür Wetterlage 5-b

Am Dienstag wartete die Kanzlerin nun mit einem neuen Coup auf: Eine Ethik-Kommission soll die Atomkraft unter gesellschaftlichem Aspekt betrachten. Chef soll der Atomkritiker Klaus Töpfer werden, man werde sich den Kommissionsergebnissen beugen, so die Bundeskanzlerin.

Gerne möchte man glauben, dass sich die Physikerin Merkel diesmal über die Position der Politikerin Merkel hinweg setzen kann. Aber dafür muss Gundremmingen vom Netz. Es simmt, Tsunamis gibt es in Westbayern keine. Dafür aber die Wetterlage 5-b: Extrem wasserreiche Luftmassen aus dem Mittelmeerraum regnen sich immer häufiger in Mitteleuropa ab. Oderflut, Donauflut, Elbeflut oder zuletzt die Flut an Neiße und Schwarzer Elster 2010 – stets waren 5-b-Wetterlagen verantwortlich. Der Kraftwerksstandort Gundremmingen liegt im Donautal, 500 Meter Luftlinie vom Fluss entfernt. In Fukushima setzte die Tsunami-Welle die Notstromaggregate außer Gefecht. Gleiches könnte eine Donauflut in Gundremmingen anrichten.

So sehr man der Union Glauben schenken mag, dass sie es Ernst meint mit der Sicherheit der Deutschen: Solange Gundremmingen am Netz bleibt, solange nicht die Eventualitäten eines Hochwasser, ein Versagen der Notstromaggregate und die Gefahren eines Lecks im externen Kühlkreislaufes untersucht werden, solange bleibt das Moratorium das, was das Wahlvolk ihm bescheinigt: Ein wohltemperiertes Ablenkmanöver.

Nick Reimer ist Chefredakteur von klimaretter.info

Kommentare (1)

Reimers 23.03.2011 | 19:32

Wer sich mit gefährlicher Großtechnologie befasst, ob dies nun die Atomenergie, die Großchemie und die damit verwandte Pharmazie, die ebenfalls damit verbandelte Futtermittelindustrie ist, der muss sich mit der Frage konfrontieren, welche Auswirkungen technische Havarien in solchen großtechnischen Einrichtungen haben.

Ich stelle bewusst diesen Satz an den Anfang meines Kommentars, da ich der Meinung bin, dass erstens die Bundesregierung nie einen eigenen Plan hatte, außer der zufriedenstellenden Bedienung der Interessen der großen Energiekonzerne (was man ohne inhaltliche Abstriche auf die anderen oben genannten Bereiche ausdehnen kann) und dass zweitens auch z.B. Gegner chemischer Großbetriebe augenblicklich mit gleicher Velve auf die Straßen gehen könnten, um auf die Gefahren dieser Betriebe hinzuweisen.

Wir leben in einem Zeitalter der Angst und ich befürchte, dass diese schon lange zielgerichtet als Waffe gegen die eigene Bevölkerung geschürt wird, um dann zur rechten Zeit die vorgefertigten "Lösungen" anzubieten und sich als Retter hinstellen zu können.

Wir sehen aber augenblicklich nur ein absolutes Trauerspiel von politischer Führung, nämlich keine! Energie und Ethik, das ist doch einmal etwas ganz neues! Dürfen wir zukünftig ethisch korrekt erfrieren, wie zum Beispiel wieder einige im benachbarten England während der dortigen, letzten energiechaotischen Jahre?

Wo ist eigentlich die so oft proklamierte Innovation und der vor sich hergetragene technische Genius, den die deutsche Politik so eifrig fördern will, angesichts der Tatsache, dass tausende innovationsvernichtende Patente in den Schubladen von Großkonzernen verhungern, dass innovative Klein- und Mittelstandsfirmen mit massiven wirtschaftlichen Problemen konfrontiert werden, die sie systematisch in den Ruin treiben, bevor sie ihre Neuerungen technisch vervollkommnen und auf den Markt bringen konnten?

Nein, wir leben in einer Endzeit kapitalistischer Wirtschaftsform, die sich zu einem weltweit umspannenden Strangulierungsstrick gegen jede noch so kühne, aber nicht gewünschte Innovation und damit gegen zukünftige Konkurrenz mit aller ihr zur Verfügung stehenden Macht wendet. Das Ziel heißt klar: Innovation verhindern, Macht und Einfluss sichern, Marktbeherrschung ausweiten, Konkurrenz niederringen und ausschalten, Fortschritt verhindern, Gewinne maximieren, Widerstand dagegen vernichten, koste es, was es wolle.

Wer sich angesichts der japanischen Tragödie jetzt ins voraufklärerische Fahrwasser treiben lässt durch eine in sich gespaltene, erratische Energie- und Forschungspolitik, der sollte schon jetzt sein Auto verkaufen, Ackerbau betreiben (wo eigentlich?), sich von den meisten Formen zivilisatorischer Errungenschaften freimachen und den Worten seiner weisen und zukunftsweisenden Regierung lauschen: "Die Zeiten ununterbrochener Versorgung mit Strom neigen sich dem Ende entgegen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass aufgrund wachsender Knappheit weltweiter Resourcen auch die Energie zukünftig nur noch rationiert zur Verfügung stehen wird." Nicht ganz wörtlich, aber sinngemäß genau dies wurde von der englischen Regierung ihrer Bevölkerung in diesem Jahr verkündet.

Jetzt kommt offensichtlich zusammen, was zusammen gehört (Willi Brandt in anderem Zusammenhng), denn bei jedem Unglück, das weltweit passiert, sind bei uns die Straßen voll von angsterfüllten Menschen, geleitet von weniger angsterfüllten, aber eher kühl rechnenden Menschen, die sie vermeintlich in eine bessere Zukunft führen. Selbstverständlich muss die Revision im Bereich der Kernkraft zurückgenommen werden und zwar mit aller Macht, die uns zur Verfügung steht. Die Politik steht aber weiter in der Verantwortung, die Gesellschaft mit ausreichender, bezahlbarer und möglichst umweltschonender Energie zu versorgen.

Wollen wir aber wirklich technisch soweit hinter unsere Möglichkeiten fallen, dass wir einen Wirkungsgrad von 15%-18% - im Falle von Windkraft - oder ein wenig mehr im Falle von Solarenergie als das Optimum den Menschen Verkaufen wollen? Nebenbei, damit kann man kein Auto fahren.

Wer informiert - anstelle von erneuter Verteufelung - die Bevölkerung eigentlich über den heutigen Stand der Energietechnik bei modernen Kohlekraftwerken? Pfui, was für eine Altertumtechnik höre ich jetzt schon? Diese wird nur in China, Russland und einigen weiteren Ländern eingesetzt. Obama hat längst den Bau jedes modernen Kohlekraftwerks verboten, wie innovativ. Jeder hier würde sich wundern, dass dabei so ziemlich gar kein CO2 mehr aus dem Schlot kommt. Wer fördert - anstatt zu verhindern oder zerschlagen, verklagen und zu vernichten - all die vielen wirklichen Innovatoren, die um die Früchte ihrer Arbeit gebracht wurden und werden.

Die heutige Drittmittelförderung an den Universitäten ist der letzte große Sargnagel, der strategisch dazu eingesetzt wurde, um auch dort noch die letzten Reste unabhängiger Forschung ans Gängelband wirtschaftlicher Konzerninteressen zu legen.

Letzteres ist auch der Grund dafür, dass fast nur noch in kleinen Firmen, wenn überhaupt, substantiell und vielseitig geforscht und technisch innovativ produziert wird. Die Pharmaindustrie z.B. verdoppelt ihre Gewinne locker bei völliger Abwesenheit von Innovation, schlichtweg durch ihre Wirtschaftmacht und ihre Krakenarme in alle Bereiche der "Gesundheits"-Industrie inklusive der Regierung.

Außerhalb des Radars der Öffentlichkeit ist gerade im Jahre 2011 viel auf dem Weg zu neuer Energietechnik. Man sollte aber zur Information das Internet nutzen und die Ländergrenzen überschreiten. Unsere Medien berichten kaum darüber, es wird aktiv unterdrückt. Wir sollen weiterhin Angst haben, kein Gefühl der Hoffnung in unsere gemeinsame Zukunft soll aufkommen. Angstvolle Menschen denken und handeln meist nicht sehr rational, sie lassen sich leicht führen. Nur, zu welchen Zielen und in wessen Interesse?

Das Internet bietet uns (noch) die Möglichkeit, diese Informationsbeschränkungen zu umgehen. Nutzen wir sie, um Angst in Wissen umzuwandeln. Daraus erwächst besseres, als das, was uns gerade als Theater vorgespielt wird.

D. Reimers