Seelenmord: Wie wir Ostler uns von Putin betrogen fühlen

DDR-Geschichte Wladimir Putin zeigt sich mit seinem Angriff auf die Ukraine als russischer Herrscher alten Stils, meint der ostdeutsche Schriftsteller Gunnar Decker. Er überdenkt sein Verhältnis zu Russland

Vielleicht haben die Russen ihr sowjetisches Erbe ja gründlicher zurückgelassen als wir Ostdeutschen? Dieser schockierenden Tatsache blicken wir jetzt ins Auge. Putin ist kein legitimer Erbe Gorbatschows; mit Tengis Abuladses Die Reue, der, 1987 uraufgeführt, zum Perestroika-Film schlechthin wurde, hat er offensichtlich nichts im Sinn. Abuladses Epos zeigt einen georgischen Diktator, der immer wieder aus seinem Grab geholt wird. Er soll nicht in Frieden ruhen! Einem Fluch gleich zeugt sich das Verbrechen fort, erst trifft es den Sohn, dann den Enkel eines seiner Vasallen – dieser Enkel schließlich tötet sich aus Scham für die Last der Verbrechen, die er nicht begangen hat.

In der DDR lief der Film nur in sowjetischen Kultureinrichtungen. Als ihn das ZDF sendete, erschien in der Jungen Welt ein vom Chefredakteur geschriebener Verriss. Grundtenor: eine falsche Sicht auf die Ruhmesgeschichte der Sowjetunion. Später stellte sich heraus, dass Erich Honecker den Text (eine Filmkritik!) selbst schlussredigiert und im Ton noch verschärft hatte. Die Rezension löste eine Empörungswelle selbst unter FDJlern aus. Man wusste nun, welche Weichen gestellt werden sollten.

Nein, einer, der Reue leidet, ist Wladimir Putin nicht. Putin, der Sachse auf Zeit, der fünf Jahre in Dresden gelebt hat, dort auch die Endzeit der DDR miterlebte, streitet nicht mit den Untoten der Vergangenheit – er will im Stil eines Iwans des Schrecklichen Geschichte machen. Wir anderen schleppen die östliche Nachkriegsgeschichte immer noch ratlos mit uns herum, eben weil der Westen Deutschlands eine ganz andere, für uns mitunter immer noch befremdliche Sozialisierung erfahren hat. Die Bodenreform 1945/46 war eine wichtige Folgerung aus dem Untergang des „Dritten Reiches“. Entzieht jeglichem neuen Versuch eines Faschismus die ökonomische Grundlage! Durchgesetzt mittels sowjetischer Besatzungsmacht. Das ist die einzige große gesellschaftliche Reform im Osten, die Bestand hat. Die Hoffnung auf einen wirklichen Neuanfang war nach dem Zweiten Weltkrieg im Osten sehr viel größer als im Westen – nicht zufällig gingen viele Emigranten in die Sowjetische Besatzungszone: von Bertolt Brecht über Ernst Bloch und Anna Seghers bis hin zu Hans Mayer.

Stefan Heyms Botschaft

Doch sehr bald bekamen sie es mit dem Stalinismus zu tun. Denkverbote und Drohungen lösten die Hoffnung auf eine gerechte und freie Gesellschaft ab – Bloch und Mayer flohen Anfang der 1960er Jahre in die Bundesrepublik, und viele folgten ihnen bis 1989. Jene, die blieben, pflegten im Schatten des Stalinismus das kümmerliche Pflänzchen Utopie von einer ebenso sozialistischen wie demokratischen Gesellschaft.

Erst unsere Väter und dann wir wurden hineingerissen in den Widerstreit von Geist und Ideologie, für den der aus den USA zurückgekehrte Emigrant Stefan Heym – mit Shakespeare – den Titel fand: „Der Winter unseres Missvergnügens“. Es war zugleich der eines die eigene Autonomie verteidigenden Textes. Wir mochten zwar nach Westen blicken, aber fanden uns zuletzt doch nur als westlichster Vorposten des sowjetischen Großreichs wieder.

Was mit uns in der DDR geschah, das wurde immer noch weiter im Osten entschieden, mehr noch als im SED-Politbüro im Kreml in Moskau. Wir wären uns selbst gegenüber höchst gleichgültig gewesen, hätten wir nicht ständig aufmerksam auf die Sowjetunion geblickt. Denn noch die kleinste Veränderung dort hatte Folgen für uns.

Gar nicht wenige Ost-Biografien sind durch von Moskau getroffene politische Entscheidungen geprägt worden. Man denke an Konrad Wolfs Film Ich war neunzehn von 1968, der autobiografische Züge trägt. Denn Konrad Wolf, Sohn des Schriftstellers und Arztes Friedrich Wolf und Bruder des späteres Chefs der DDR-Auslandsspionage Markus Wolf, wuchs im Milieu kommunistischer Exilanten in Moskau auf und war 19-jährig als Angehöriger der Roten Armee bei der Eroberung Berlins dabei (Lesen Sie hierzu die „Zeitgeschichte“ der Ausgaben 12/22). Will man etwas über Deutsche und Russen in dieser Konstellation verstehen, sehe man diesen Film. Sein Bruder Markus folgte der Gruppe Ulbricht, die im Mai 1945 nach Berlin kam, um dort als neue politische Macht installiert zu werden. Wolfgang Leonhard gehörte zu dieser Gruppe – und erkannte schnell, dass sie aus Moskau den Virus des Stalinismus einschleppte. Davon erfährt man in seinem wichtigen Buch Die Revolution entlässt ihre Kinder. Und tatsächlich wütete dieser Virus auch in der Sowjetischen Besatzungszone. Ein Kapitel, das wegen der hastig vollzogenen deutschen Vereinigung im Osten kaum mehr eine Rolle spielte, waren die vielen tausend politischen Gefangenen in der DDR. Bis 1949 führte die sowjetische Geheimpolizei mit der gleichen Willkür auf deutschem Boden Verhaftungen durch, mit der sie die Gulags in Sibirien mit Arbeitssklaven gefüllt hatte – nun wurden vormalige KZs wie Sachsenhausen oder Buchenwald zu Speziallagern des NKWD (eines Vorläufers des KGB). Fast die Hälfte der Insassen dort starb.

Die jüngsten waren gerade einmal 14 Jahre alt, mein Vater war 17, als er im Sommer 1945 verhaftet wurde; beschuldigt, eine Nachfolgepartei der NSDAP gegründet zu haben, blieb er fünf Jahre ohne Gerichtsurteil eingesperrt. 1950 hatte er Glück, wurde entlassen, andere kamen nach Sibirien oder wurden der DDR-Justiz übergeben, die dann die berüchtigten Waldheimer Prozesse initiierte, wo Urteile (auch Todesurteile) von frisch angelernten Richtern im Fünfzehn-Minuten-Takt gefällt wurden. Hass auf die Russen jedoch war meinem Vater lebenslang völlig fremd: Es habe solche und solche gegeben, sagte er nur, wenn ich ihn fragte. Sie hätten ja auch allen Grund dazu gehabt, uns Deutsche schlecht zu behandeln. Er hatte es dennoch geschafft, in der DDR etwas zu werden, trotz Lagerhaft. Er konnte mit acht Klassen Volksschule nach einer Sonderreifeprüfung studieren, wurde Professor für Landwirtschaft an der Rostocker Universität. Aber „das Lager“ blieb im Unterbewusstsein präsent. In der mecklenburgischen Kleinstadt, in der ich aufwuchs, war auch unser Zahnarzt einer aus „dem Lager“ – unsere Familie hatte darum bei ihm das Privileg, nie ins Wartezimmer zu müssen. Wir gingen – wie Privatpatienten heute – an den Wartenden vorbei. Auch ein privater Maurer kam aus „dem Lager“. Wenn es bei uns etwas zu reparieren gab, holte mein Vater ihn, und er fluchte viel über die Russen, die man alle totschlagen müsse. Mein Vater schwieg.

Deutsch-russische Doppelleben in der DDR

Dieses Zugleich aus Furcht vor den Russen und Hoffnung auf sie hörte bis zum Ende der DDR nicht auf. Es stellte sich in allen drei Generationen, die die DDR durchlebten, wieder her. Am stärksten umstritten war der Reformer Gorbatschow in der Generation meines Vaters, der vormaligen Hitlerjungen, die aus dem Regen der faschistischen Indoktrination in die Traufe der stalinistischen kamen. Franz Fühmann oder Christa Wolf waren prominente Vertreter dieser „Umerzogenen“, die erst spät zu sich selbst fanden. Gorbatschow war anders als frühere KPdSU-Generalsekretäre: Er drohte nicht, er argumentierte, wollte Debatten, zeigte Gefühle – mein Vater fand es gut, dass da jemand an der Spitze der KPdSU vor den Augen der Welt den Funktionär (und Machtpolitiker!) in sich tötete.

Deutsch-russische Doppelleben gab es zahlreiche in der DDR – solche wie Cornelius Weiss (nach der Wende Rektor der Universität Leipzig und Alterspräsident des Sächsischen Landtages), der für die Jahre 1945 – 1955 seinem Vater, dem Atomphysiker Carl Friedrich Weiss, ins russische Obninsk folgte, einen Luxus-Gulag für Wissenschaftler, wohin er deportiert wurde. Oder Swetlana Schönfeld, die Berliner Schauspielerin, die 1951 im Lager Kolyma geboren wurde, wo ihr Vater ermordet wurde – der Film von Bernd Böhlich Und der Zukunft zugewandt erzählt die Geschichte ihrer Rückkehr. Kaum dem Lager entronnen, geriet mein Vater als Student in die „Genetik-Debatte“, die keine Debatte, sondern ein Tribunal gegen die sogenannten Weismannisten war – so nannte man die angeblich reaktionären Genetiker in der Sowjetunion, wo der Schwindler und Stalin-Günstling Trofim Lyssenko 1938 die Vererbung erworbener Eigenschaften als sozialistische Leistung feierte (die „Erziehung“ der Pflanzen!), reiner Humbug, aber diesem entgegenzutreten, war bis Mitte der 1960er Jahre gefährlich.

Dass es auch in der Sowjetunion immer einzelne Wissenschaftler gab, die dem beharrlich widersprachen, trotz der für sie vorhersehbaren Folgen, machte meinen Vater stolz. Er erkannte darin Menschen, die nicht bloß zu ihrem Vorteil taktierten, sondern Wahrheit bezeugten. Der Genetiker Nikolai Timofejew-Ressowski war der bekannteste von ihnen. Daniil Granin hat seine Geschichte in Sie nannten ihn Ur erzählt. Das Buch gehört zu jenen, die gegen falsche heroische Parolen zeugen, wie auch Daniil Granins Das Gemälde, Valentin Rasputins Abschied von Matjora, Tschingis Aitmatows Der Tag zieht den Jahrhundertweg, Michail Schatrows Weiter ... weiter ... weiter! und viele andere. Wir waren daran beteiligt, viele der DDR-Ursprünglichen können Ideologie meilenweit gegen den Wind riechen. Wir gehen nicht mehr im Gleichschritt für eine „gute Sache“, niemals. Wir bleiben die Opponenten jeglicher Macht. Wir glaubten uns in diesem eher melancholischen Bewusstsein vereint mit der untergegangenen Sowjetunion. Die Verlierer der Geschichte unter sich. Und nun das: ein neues imperial auftrumpfendes Russland. Eines, das sich um das „Nein“ in Jewtuschenkos Gedicht Meinst du, die Russen wollen Krieg? nicht schert. Müssen wir jetzt unsere ostdeutsche Seelengeschichte umschreiben, wir, die wir uns nicht selten als halbe Russen fühlten?

Wladimir Putin zeigt sich mit seinem Angriffskrieg auf die den Russen so nahen Ukrainer als russischer Herrscher alten Stils, als Anti-Westler auch, als slawophiler Kriegsherr. Neben den vielen Zerstörungen und sinnlos Getöteten ist das auch ein unverzeihlicher Seelenmord.

Gunnar Decker veröffentlichte zuletzt bei Aufbau Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR

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