Gut, dass du da bist, Benjamin

Kehrseite I "Gut, dass du da bist Benjamin. Gestern hat er aufgehört Musik zu hören. Er hat alle seine CDs unter dem Türspalt durchgeschoben. Erst die CDs, dann ...

"Gut, dass du da bist Benjamin. Gestern hat er aufgehört Musik zu hören. Er hat alle seine CDs unter dem Türspalt durchgeschoben. Erst die CDs, dann die Hüllen. Eine nach der anderen zerbrochen und unter der Tür durch."

"Hm."

"Klopf doch noch mal. Sieh zu, ob er vielleicht mit dir redet."

Eigentlich hatte alles ganz harmlos angefangen. Karsten und ich saßen am Strand und spielten Flaschenpost. Der Strand ist ein schmales Stück rostige Steinfläche am See zwischen Bahndamm und der Katzenfutterfabrik. Wir saßen eigentlich jeden Tag dort und schrieben die Sachen, die wir uns nicht sagen konnten, auf die Rückseite der Etiketten von den Bierflaschen, die wir leer getrunken hatten, und warfen sie ins Wasser. Sahen zu, wie sie in der trüben Brühe schwammen, bis eine riesige Faulgasblase sie verschluckte. Früher hat die Fabrik ihre Abfälle in dem See verklappt. Alles was zu schlechte Qualität für Katzenfutter war. Der See ist ein riesiges Bermudadreieck aus Schweinekiefern, Hühnerfüßen und solchem Zeug. Der Organfriedhof der Tiere, geachtelte und gesechszehntelte Seelen.

Karsten wusste nicht, was ich auf meine Zettel schrieb, mich interessierte nicht, was auf seinen stand. Ich hab oft Mist wie "Fick die Polizei" oder "den Staat" und so draufgeschrieben. Es war halt so ein Spiel.

Da stellt er seine eben ausgetrunkene Flasche neben sich.

"Mein Auge tränt ständig."

"Hm."

"Schon seit zwei Wochen, ich weiß nicht, woran es liegt."

"Vielleicht hast du eine Allergie oder sowas. Lass dich doch mal testen. Frank hat das auch machen lassen. Danach ist ihm jedes Mal, wenn er geschwitzt hat, die Luftröhre zugegangen. Fußball ist jetzt nicht mehr. Er muss jetzt sechsmal am Tag so medizinisches Deo benutzen, das nach Tannennadel riecht."

"Ich fühle mich wie die Fliege."

"Welche Fliege."

"Na der Typ in dem Film, der sich nach und nach in ein kaltblütiges Insekt verwandelt. Ich habe das Gefühl, diese Tränen, die mir aus Augen laufen, sind mein erster fremder Körperteil, und wenn der Prozess abgeschlossen ist, bin ich etwas Anderes."

"Hm."

"Aber der wusste wenigstens, was aus ihm wird. Ich habe keine Ahnung, was in mir drin steckt. Ich kann dir sofort aufzählen, was für elektrische Geräte in meinem Zimmer stehen, aber ich habe keine Ahnung, was alles in meinem Kopf drin steckt. Da müsste man erstmal sein Leben entrümpeln, bevor man da genau reinschauen kann."

Noch am selben Abend hat er sich in sein Zimmer eingesperrt.

"Hey Karsten, mach auf. Ich bin´s, Benjamin. Ganz passables Wetter draußen. Lass uns an den Strand."

Karsten ist gerade damit beschäftigt, lange Plastikspiralen unter der Tür durchzuschieben. Filzstiftplastikspiralen. Er nimmt wohl einen Anspitzer, spitzt die Filzer zu langen Plastikspiralen und schiebt sie unter der Tür durch. Ganz passen sie wohl nicht. Danach kommt die Mine. Sie macht eine farbigen Balken auf dem hellen Teppich. Ich zähle sieben farbige Balken. Sie sehen aus wie ein Regenbogen. Ich starre sie an. Die Hand von Karstens Mutter fährt durch den Regenbogen und kratzt die Späne vom Teppich.

"Willst du ein Glas Milch, Benjamin?"

Ich hasse Milch. Bei Milch muss ich immer an die schmerzhaft prallen, dreckigen, vierzitzigen, hormonverseuchten Euter von Kühen denken. Ich habe da mal einen Bericht gesehen.

"Ja, gern."

Wir gehen in die Küche. Sie bestellt mich schon seit Wochen nicht mehr her, damit ich Karsten dazu bringe, aus seinem Zimmer zu kommen. Jedes Mal gibt es Milch und ich muss mir vorstellen, wie Karstens Mutter mich, während sie meinen Schwanz reitet, mit Milch aus ihren schlaffen Brüsten füttert. Das ist kein Traum, sondern eine Befürchtung.

"Er kommt immer noch nachts raus. Geht in die Küche und isst den halben Kühlschrank leer. Duscht stundenlang und singt laut. Ich habe schon wieder zwei Nächte lang kein Auge zugetan. Ich verschlafe ganze Tage."

"Hm."

Es war windig auf dem Dach. Ich musste in der Mitte stehen bleiben, weil ich Höhenangst habe. Erika stemmte die Füße in die heiße Dachpappe, während sie dem Lenkdrachen immer mehr Schnur gab, bis er hinter dem Rand des Daches schwebte.

"Seit drei Tagen im Zimmer? Vielleicht hat er die Pornosammlung seines Vaters auf dem Dachboden entdeckt oder so."

Ich hatte Erika nicht von Karsten erzählt, weil ich einen Rat von ihr wollte. Damals war es mir genauso egal wie heute, ob Karsten in dem Zimmer bleibt oder was. Ich wollte mich nur vor ihr wichtig machen. Weil ich Erika liebte. Erika war keine Schönheit. Und der Sommer machte sie noch hässlicher. Aus dem halb durchsichtigen Kleid schauten knochige Schultern und krumme, dürre Beine hervor. Auf ihrer großen Nase bekam sie beim ersten Sonnenstrahl gigantische dunkelbraune Sommersprossen, die aussahen wie Kotspritzer in ihrem Gesicht. Aber Erika wusste auf alles eine versaute Antwort. Und ich wusste, wenn ich dranblieb, würde ich mein erstes Mal Sex mit ihr haben. Auf dem Rücksitz von dem alten Autowrack hinter dem Spielplatz, wo sie immer mit den türkischen Dealern Sex hatte.

"Er sagt, er will sein Leben entrümpeln."

"Er will sein Leben entrümpeln? Was seid ihr für dämliche Spinner. Wenn ihr euer Leben entrümpeln wollt, schmeißt euch als erstes selbst aus dem Fenster. Und jetzt hau ab, ich muss hier was erledigen."

Und sie ließ den Drachen einen dreifachen Looping machen, der am Ende in einer sanften Schleife an der Sonne vorbeizog.

"Wenn wenigstens sein Vater noch da wäre. Dann hätten wir es leichter. Dann hätte Karsten ein Vorbild."

Karsten hatte mir mal erzählt, wie sein Vater seine Mutter verdroschen hat. Dann hat sie ihn immer mit einer großen Sonnenbrille auf der Nase zur Schule gebracht. Die türkischen Jungs nannten ihn dann immer "Der schwule Sohn vom Hollywoodstar" und schlugen ihn in der Pause zusammen.

Karstens Mutter weinte, als Karstens Vater von dem Gerichtsmediziner abgeholt wurde. Sie haben ihn in so eine Art Müllsack gesteckt und rausgeschafft wie man ein Möbel rausschafft. Karsten und ich haben uns alles genau angesehen. Karstens Mutter hat geheult. Sie heult jetzt auch. Aber ich kann mich nicht zu ihr in die Essecke setzen und sie trösten. Wegen der Milch. Erika würde sagen, die braucht nur mal n Schwanz.

"Ich habe schon überlegt, ob ich das Jugendamt anrufe. Aber ich will meinen Jungen nicht auch noch verlieren. Das könnte ich nicht ertragen. Was glaubst du? Ich glaub nicht, dass die ihm helfen können. Da kommt er in eine Psychiatrie und dann diese ganzen finsteren Subjekte."

Ich weiß nicht was sie von mir will. Ich bin kein Paperback-Ratgeber, Familienpsychologie. Ich bin 16 und habe keine Ahnung vom Leben. Wenn sie den ersten Schritt macht, können wir ficken. Irgendwann. Aber jetzt muss ich raus hier.

"Ich muss los."

Am allereinsamsten fühle ich mich, wenn ich in die Wolken gucke und dort einen kleinen Eisbären oder einen Dinosaurier entdecke. Der schlimme Moment ist der, wo ich wie von selbst mein Handy aus der Tasche ziehe und mir plötzlich einfällt, dass ich gerade der einzige Mensch auf der Welt bin, der auf diese Wolke guckt.

Benjamin Maack, geboren 1978, lebt als freier Schriftsteller und Redakteur in Hamburg. Demnächst wird er auf Lese-Tour durch Deutschland gehen: Oldenburg, München, Leipzig, Berlin, Stuttgart, Lüneburg und Bremen sind geplant. In Hamburg liest er am 29. August 2004, zunächst Poets on the Beach, 18 Uhr; und um 21 Uhr im St. Pauli Stadion.


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00:00 13.08.2004

Ausgabe 38/2020

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