Gut, dass es sie gibt

Medientagebuch Beobachtung der Beobachter: Die Kritik der Medien dient der Entlastung ihrer Kritiker

Dass der Überbringer der schlechten Nachricht es nicht leicht hat, ist mythologisch überliefert, interessanterweise aber sehen wir selten die Medien in dieser schweren Rolle. Über sie, so der allgemeine Eindruck, kann gar nicht genug geschimpft werden. Die Medien verdienen schließlich mit schlechten Nachrichten ihr Geld, gehören also zu jener zwielichtigen Branche, die aufblüht, wenn die Not groß ist, wer wollte sie da noch bemitleiden. In einem rührenden Akt der Selbstbezichtigung widmete die taz letzte Woche eine Seite den Auflagenzahlen im Zeichen der Katastrophenberichterstattung und siehe da: allesamt Kriegsgewinnler. Auch der Freitag verdankt seine Fortexistenz nicht unwesentlich den Kriegen des letzten Jahrzehnts, doch ist dies nicht der einzige Grund, weshalb an dieser Stelle versucht wird, die übliche Medienschelte einmal auszusetzen. Denn nach einer Woche fast ununterbrochenen Fernsehens, Radiohörens und Zeitungslesens muss ich vor allem eines zugeben: Selten war ich so froh, dass es sie gibt, "die Medien".

Außer dem Bedürfnis nach Information - das zugleich ihre Legitimation darstellt - erfüllen die Medien in Zeiten wie diesen nämlich noch andere, man möchte fast sagen, heimliche, illegitime, Bedürfnisse. Da ist zum einen das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach Dabeisein, dem die Sender durch öffentliche Nachrichtenspeisung nachkommen. Und zum anderen ist da die Faszination an der Tat, diese ambivalente Bindung an das Geschehen, das einen so abstößt wie anzieht, das schockiert und lähmt und gleichzeitig alarmiert und in höchste geistige Anspannung versetzt. Faszination macht süchtig und die Medien lieferten den Stoff dazu, stellten auf Rundumversorgung und bedienten mit Programmschlaufen, Reprisen und Meldungen die Abhängigen.

Dafür werden sie nun gern geprügelt, werden beschuldigt, tragische Ereignisse frivol abzuhandeln, komplexe Zusammenhänge zu trivialisieren, als böse Dealer den Hunger nach Information mit "Drogen", mit Nachrichten-Ersatzstoffen nur scheinbar zu befriedigen und so stets am Köcheln zu halten. Diese Vorwürfe mögen etwas Wahres treffen und sind doch zum größten Teil Selbstzweck. In der Anklage gegen die Bilder, die das Fernsehen übermittelt, kann selbstverliebt das eigene Unwirklichkeitsgefühl abgehandelt werden, wird um die Denkfähigkeit gegenüber des Unfassbaren gerungen, gibt man sich der Faszination hin ohne sie beim Namen nennen zu müssen.

Die Beschäftigung mit den ureigenen Reaktionen im Angesicht der Katastrophe ist tabuisiert. Es gibt vorgegebene Bahnen für das, was man fühlen darf, und deren Verlauf entspringt keiner spontanen Emotionalität, sondern ist gesellschaftlich bestimmt. Weshalb es bei allen Trauerfällen die paradoxe Angst des Einzelnen gibt, nicht das Richtige zu fühlen. Hier erfüllen die Medien gleich in doppelter Hinsicht einen wertvollen Dienst: Sie formen aus den Nachrichten die vertrauten Geschichten, auf die wir dann wieder zu reagieren wissen, sie reproduzieren darin sorgfältig die Werte der Gesellschaft (und wer zwischen CNN, BBC und RTL hin und herzappte, konnte deren nationale Färbungen beobachten) und setzen sie in der gesamten Programmplanung um. Was außer Nachrichten in dieser Woche gezeigt wurde, entsprach den Vorgaben unserer modernen Pietät, die so noch niemand aufgeschrieben hat: Das dezidiert Harmlose war möglich, es durfte nur nicht zu fröhlich sein, Katastrophenfilme wurden abgesetzt, denn gegenüber dem Ernstfall wird jede Fiktionalisierung geächtet, als fürchte man deren Ansteckungspotential; Kriegsfilme mit positiven Helden konnten wiederum gezeigt werden, obwohl das von manchen als Grenzüberschreitung bewertet wurde; schwierig war es, die Zulässigkeit von Humor zu bestimmen: ein Kommentar von Harald Schmidt undenkbar. Das könnte sich mit Rudolph Giulianis sonntäglichem Auftritt verändert haben. Der Bürgermeister von New York rief zum Alltag auf, zum Geldausgeben, in der Tat helfe man New York so am besten. Und dann machte er noch einen Witz, den man aus jedem anderen Mund geschmacklos gefunden hätte: "Vielleicht kriegen Sie jetzt sogar Karten für The Producers." (The Producers ist zur Zeit der größte Broadway-Erfolg und bis weit in das nächste Jahr hinein ausverkauft.)

Es ist ein Medienphänomen, dass Giuliani sich leisten kann, was anderen verboten ist in der Lage, nämlich einen situationsbezogenen Witz zu machen. Womit wir wieder beim Thema wären: Ist es nicht viel schöner, über den Medien-Auftritt einzelner Politiker zu diskutieren statt über das Ereignis? Denn darin scheint die eigentliche Wohltat der Medien für uns zu liegen - indem wir sie kritisieren, geben sie uns die Möglichkeit, auszusteigen aus dem Kreis der Betroffenheit, zum Beobachter der Beobachter zu werden und so zu einer Souveränität des Denkens zurück zu finden.

Aus dieser scheinbar überlegenen Position lässt sich besser dem Schauwert der Katastrophe frönen und die Nachrichtenapparatur bei der Arbeit bestaunen. Viel gab es da zu sehen letzte Woche: Wie alle Sender auf Dauernachrichten umstellten, wie in Ermangelung von Korrespondenten Praktikanten und Austauschschüler vor die Kameras gezerrt wurden, wie eine krude Mischung aus selbst ernannten und ausgewiesenen Experten ins Licht der Öffentlichkeit trat, wie Meldungen auftauchten und spurlos wieder verschwanden, wie sich schnell das Profil der einzelnen Sender abzeichnete, der eine verstärkt auf emotionale Anreize setzte, der andere sich mehr auf die Erörterung von Strategien verlegte, wie CNN sich fast verliert in der steten Selbstbestätigung des Vorortseins, während die BBC noch ein altes Journalisten-Ethos hochhält mit durchformulierten Beiträgen, die sich um sachliche Distanz bemühen und gleichzeitig Pathos nicht scheuen.

Und dann normalisierten sich nach und nach die Nachrichten wieder, während die Ereignisse mit Hilfe von Anrufbeantwortern und Videokameras mosaikartig zusammengesetzt werden zu einer großen Erzählung. Darunter, am dritten Tag, eine Aufnahme, die den Anfang zeigte: Ein Feuerwehrmann, der sich an einem Gully zu schaffen macht, dann schweift der Blick der Kamera wie zufällig gen Himmel, wo gerade ein Flugzeug sich dem World Trade Center nähert. Eine Aufnahme, die noch nicht weiß, was sie übermittelt.

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00:00 21.09.2001

Ausgabe 42/2021

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