Gut, dass wir drüber geredet haben

Wikipedia In Berlin diskutierte man auf Einladung der Wikimedia Foundation über die Relevanzkriterien bei Wikipedia. Viel Kritik gab es dabei an der Rolle der Administratoren

Um sich der lauter werdenden Kritik an den Relevanzkriterien der Wikipedia zu stellen, lud die Wikimedia Foundation am Donnerstagabend in ihre Vereinsräume nach Berlin. Im Rahmen einer offenen Podiumsdiskussion sollten Fehler angesprochen und Alternativen aufgezeichnet werden. Rund 50 Interessierte waren gekommen und da Wikipedia ja Web 2.0 ist, wurde auch ein Videostream der Diskussion ins Netz gestellt und munter gechattet – freilich ohne die Außenwelt auch wirklich einzubinden, denn Fragen aus dem Netz wurden inkonsequenterweise nicht vorgetragen.

Was formal als Diskussion über Relevanzkritierien begann, führte schnell zu einer Generalabrechnung mit dem technokratischen Nukleus der Wikipedia – den rund 300 Administratoren, die in letzter Instanz über das „Weltwissen“ wachen.

Eine kleine Gruppe entscheidet

Die Wikipedia ist nicht nur das erfolgreichste Web 2.0 Projekt weltweit, sie stellt für 82 Millionen Deutsche auch eine Instanz des Wissens dar. Waren die Stalin-Noten ernst gemeint, wie sicher ist Atomkraft, was ist eigentlich Soziale Marktwirtschaft? In all diesen Fragen ist für sehr viele Deutsche die Wikipedia der Anlaufpunkt ihrer Wahl. Die Wikipedia verwaltet Wissen und sie hat letztendlich die Macht zu entscheiden, welches Wissen relevant ist. Doch wer ist „die Wikipedia“? Neben einer rund 7.000 Nutzer starken Kerngruppe sind es vor allem die gerade einmal 300 Admins, die für die Einhaltung der Qualitätsstandards bei fast einer Millionen Artikel sorgen sollen. Noch nie haben so wenige über das Wissen von so vielen entschieden.

Wer sind diese Admins? Haben sie überhaupt die nötigen Qualifikationen? Ein Admin der Wikipedia ist tendenziell jung, männlich und technikaffin – kurz „nerdig“. Für einen solchen Nerd ist jede Nebenfigur in Star Wars relevant, während andere Themen in seinem Paralleluniversum gar nicht vorkommen. Ein Admin muss auch keine Qualifikation nachweisen, er verlässt sich – eine Web 2.0-Unsitte – auf Quellen, die möglichst offen im Netz verfügbar sind. So kann es vorkommen, dass ein junger Informatiker einem Geschichtsprofessor kurz und schmissig erklärt, dass dessen mühevoll eingestellter Beitrag irrelevant sei.

Die Administratoren der Wikipedia wurden so zum eigentlichen Thema der Podiumsdiskussion. Die Besucher, die gerne eine offenere Wikipedia hätten, kritisierten nicht nur den rauen Umgangston, sondern auch die intransparente Struktur des technokratischen Kopfes der Wikipedia. Die Besucher, für die die Qualität der Wikipedia im Mittelpunkt steht, kritisierten überdies die mangelnde Qualifikation der offensichtlich überforderten Administratoren.

Aufgenommen wird man eher, wenn man mitschwimmt

Wenn sich technokratische Systeme etablieren – so ein Besucher –, kristallisiert sich immer der gleiche Menschentypus heraus, der sich an die Spitze dieser Systeme stellt. Wenn dann auch noch, so wie bei der Wikipedia, der Nachwuchs dieser Führungsspitze von ihr selbst bestimmt wird, tritt eine innere Degeneration ein. In den erlauchten Kreis der Administratoren wird man jedenfalls eher dann aufgenommen, wenn man immer brav im systemischen Mainstream schwimmt und sich nicht durch kontroverse Kritik hervortut. Die Wikipedia als gescheitertes Experiment des real existierenden Web 2.0? Die Admins als technokratischer Zentralrat?

Am gestrigen Abend prallte die größtenteils berechtigte Kritik aus den Reihen der engagierten Nutzer an der Führungsspitze der Wikipedia jedoch weitestgehend ab. Natürlich käme es vor – so ein anwesender Admin -, dass einem manchmal der gesunde Menschenverstand sage, ein Eintrag sei relevant, die Relevanzkriterien aber dazu führten, dass dieser Eintrag dennoch gelöscht wird. Wem die Handhabung der Relevanzkriterien nicht gefällt, der soll doch seinen eigenen Wikipedia-Ableger aufmachen, so der intellektuelle Offenbarungseid eines anderen Admins.

Wie bei der Sitzung eines Schrebergartenvereins

„Für wen ist die Wikipedia eigentlich da? Seid ihr euch eigentlich bewusst, welche Verantwortung ihr habt?“, fragte zum Abschluss ein aufgebrachter Besucher. Man kann tatsächlich berechtigte Zweifel daran hegen, dass die Führungsspitze der Wikipedia überhaupt ahnt, um was es sich bei ihrer Enzyklopädie eigentlich handelt. Stellenweise kam man sich in den Vereinsräumen der Wikimedia Foundation eher vor wie bei der Sitzung eines Schrebergartenvereins, bei dem der Bepflanzungsplan für die nächste Saison diskutiert wurde.

Das gemeine Volk „darf“ sich die Wikipedia zwar anschauen, muss aber bei Entscheidungen draußen bleiben. Ändern wird sich an diesem traurigen Zustand wohl erst einmal nichts, denn auch die gestrige Podiumsdiskussion endete ohne einen konkreten Fahrplan, wie man die Wikipedia von innen heraus reformieren könnte. Die Wikipedia steckt in einer tiefen Daseinskrise, ihre Führungsspitze ist sich dessen allerdings offensichtlich noch nicht einmal bewusst. Daran konnte auch die Podiumsdiskussion nicht viel ändern.

14:15 06.11.2009

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