Gut gelaunt ins Verderben

England Sprit-Krise, Covid-Comeback, Kontrollverlust: Die Autorin Suzanne Moore liest ihrem Land die Leviten

Haben Sie erhöhte Temperatur?“, fragt die Apothekerin. Nein, mir geht es gut. Sie muss das fragen, ich bekomme von ihr gleich eine Grippeimpfung. Die Grippe, so sagt man uns, könnte diesen Winter so viele Menschen töten wie Covid. Vergangenes Jahr gab es weniger Grippe, weil wir nicht unter Leuten waren. Dieses Jahr, wer weiß? „Kann ich hier meine Booster-Impfung gegen Covid bekommen?“, frage ich. Unser Gesundheitsminister Sajid Javid hat gesagt, alle über 50 bekommen jetzt eine, sofern ihre letzte Impfung sechs Monate zurückliegt. „Nein, die bieten wir nicht an, das würde uns überfordern“, sagt die Apothekerin.

Ich versuche, online eine zu buchen. Die Regierung sagt, ich habe ein Anrecht darauf. Die Webseite sagt, das habe ich nicht.

Es ist ein weiterer Teil des Systems, der nicht funktioniert, und wie viele meiner MitbürgerInnen habe ich mich damit abgefunden. Meine ÄrztInnen rufe ich erst gar nicht an, haben die nicht genug am Hals?

Diese Welt, in der man uns sagt, dass etwas passiert und wir gleichzeitig wissen, dass es sich irgendwie anders verhält – dieser Zustand kognitiver Dissonanz ist hier und jetzt das vorherrschende Gefühl. Es gibt kein Gerät, das die Temperatur einer Nation messen kann. Stattdessen gibt es fieberhafte Spekulationen und harte Fakten, und die meisten von uns leben irgendwo dazwischen.

Optimismus statt Politik

Ich kenne viele Leute, die keine Nachrichten mehr verfolgen – zu deprimierend. Realitätsverweigerung ist eine verständliche Reaktion. Schließlich werden wir von einem Mann regiert, der mit jedem Atemzug eine Lüge ausstößt, aber immer blendende Laune hat, wenn er uns erzählt, wie fabelhaft es dem Land geht. Ein Mann, der nie wirklich die Frage beantwortet hat, wie viele Kinder er hat. Das Klischee von der englischen Reserviertheit – vergessen Sie es. Wir werden von einem Clown regiert, dessen prahlerischer Optimismus ein Ersatz für tatsächliche Politik ist. Es funktioniert. Die Tories haben immer noch gute Umfragewerte, die Opposition kämpft weiter mit sich selbst und ihrer Trauer um die großen Verluste.

Was auch immer das „neue Normal“ ist, es setzt voraus, dass man in Widersprüchen denkt. Um klarzukommen, muss man sich nicht nur gegen ein Virus impfen lassen, sondern gegen den Gedanken, dass es je irgendeine Form von Konsens über irgendetwas geben wird.

Da sind die offensichtlichen Probleme: ein großer Prozentsatz Nicht-Geimpfter; Schulkinder, die das Virus an ihre Eltern weitergeben; steigende Fallzahlen. Wir sind in Großbritannien bei rund 50.000 Fällen am Tag, im Vergleich zu 10.000 in Deutschland. Dennoch hängen wir in einem Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier-Szenario fest, in dem die Regierung Ratschläge von Wissenschaftlern ignoriert, mehr Einschränkungen könnten nötig sein.

Unsere eigenen Parlamentarier – die meisten davon auf den Regierungsbänken – tragen keine Masken. Warum also wir? Eine konservative Abgeordnete sagte im Unterhaus, Masken sollten kein „Ausweis der Tugend“ werden. In der U-Bahn scheren sich viele nicht darum. Die Krankenwagen stehen vor den Krankenhäusern zwei Stunden Schlange. Es fehlen KrankenpflegerInnen – an die 40.000 Stellen sind nicht besetzt. Rund 10.000 kamen früher aus der EU, jetzt sind es weniger als 1.000.

Wie die meisten europäischen Länder haben wir zu wenig Lkw-Fahrer, daher die Sprit-Krise, die viele wahnsinnig macht. Lkw-Fahrern wurden kurzfristige Visa angeboten. Wir haben nicht genug ArbeiterInnen, um die Früchte aufzulesen, die auf den Feldern verrotten. EngländerInnen arbeiten nicht für die Löhne, zu denen wir früher Arbeitskräfte aus dem Ausland hergeholt haben. Es heißt, es gäbe leere Supermarktregale. Aber in den Läden vor meiner Haustür, die von türkischen Zyprioten betrieben werden, ist alles in Ordnung. Wird es Hamsterkäufe geben? Wird Weihnachten gerettet? Was zur Hölle ist los?

Vieles von dem, was kolossal schiefläuft, kann glücklicherweise Covid und nicht dem Brexit angelastet werden. Wer Leave gewählt hat, steht noch immer dahinter. Ich hege selbst Sympathien dafür. Was die Leute nie verstanden haben, die das für Selbstverletzung halten: Selbstverletzung ist eine Form von Handlungsmacht für jene, die spüren, dass sie keine haben.

Der Motor des Brexits waren Emotionen, nicht die Rationalität von Handelsabkommen. Endlose Zahlen und Fakten konnten jene, die rauswollten, nicht überzeugen.

Der Beweis dafür ist sichtbar, wenn man ihn sehen will. Die Krisen häufen sich: Hohe Benzinpreise, die Lieferketten für Nahrungsmittel sind gefährdet, das Gesundheitssystem ist am Limit, den Ärmsten wird die Sozialhilfe gekürzt, psychische Probleme grassieren (besonders unter den Jüngeren), Inflation droht, niemand mit einem durchschnittlichen Gehalt kann es sich noch leisten, eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen. Die Schwarzmalerei nimmt kein Ende und wir sind erschöpft davon. Lasst es uns einfach bis zum nächsten Tag schaffen. Gehen wir doch einfach in einen Club. Lasst uns essen und trinken, unser Hedonismus soll uns retten, denn wir haben uns lang genug weggesperrt.

Wir werden mit dem Virus leben und sterben und allein was das betrifft, war die Regierung sehr erfolgreich. Sich mit Covid anzustecken ist jetzt eine Frage der persönlichen Verantwortung und nicht ein kollektives Problem des Gesundheitswesens.

Die politisch Verantwortlichen mögen keine Experten, Regeln, Restriktionen. Sie stehen für „Freiheit“, aber ich habe keine Ahnung, was diese Freiheit bedeutet, wenn die Infrastruktur wegbröckelt.

Am schwierigsten ist es aber, sich mit der Infrastruktur der Gefühle auseinanderzusetzen, während die Polarisierung weiter zunimmt. Sowohl Covid als auch der Brexit haben jede Ungleichheit sichtbar gemacht und verstärkt. Ich kenne Leute, die aus dem Lockdown nicht wieder herausgekommen sind, psychisch zumindest. Sie fühlen sich nicht sicher. Eine Parlamentarierin wurde ermordet. Die Queen ist 95 und war im Krankenhaus, aber als schnöde Untertanen durften wir das damals nicht wissen. Ihr Lieblingssohn ist in einen Pädophilie-Skandal verwickelt. Die Infektionsrate könnte zu einer neuen Variante führen oder Schlimmerem. Es stellt sich heraus, dass die Einwanderer, über die viele so erbost waren, diejenigen sind, die sich um uns kümmerten. Dominic Cummings, der mit seinem Slogan „Take Back Control“ dem Brexit zum Erfolg verhalf, schießt jetzt gegen seinen früheren Boss Johnson und vergleicht ihn mit einem Einkaufswagen, der nach links und rechts zwischen den Supermarktregalen hin und her taumelt. Als es um den Truppenabzug in Afghanistan ging, hat Amerika uns alleingelassen. Unser besonderes Verhältnis sieht nicht mehr so besonders aus. Alle unsere Beziehungen sind in Gefahr: In Schottland wollen viele die Unabhängigkeit, Nordirland scheint auf dem Altar von – ja was eigentlich? – geopfert worden zu sein, in Wales nimmt der Nationalismus zu. Alles Ständische und Stehende verdampft in Zeiten einer Krankheit, die sich durch Aerosole überträgt.

Wie also fühlt es sich jetzt an, das Leben in diesem Inselstaat? Als verlören wir jeden Moment unser Gleichgewicht, als wären wir nicht länger das Zentrum der Welt, sondern an ihrem Rand. Als hätten keine Erwachsenen das Sagen. Als stolperten wir von einer Woche zur nächsten. Es wird keinen Lockdown mehr geben, sagt man uns, aber das hat man uns schon mal gesagt.

Ist das der Winter unseres Missvergnügens? Sieht schwer danach aus. So vieles ist kaputt. Gleichzeitig kann man in ein teures Restaurant gehen und feststellen: Es ist knallvoll. Man kann tanzen gehen, als sei nichts Schlimmes passiert. Die Party weitergehen lassen. Aber wenn nachts die Krankenwagensirenen heulen und die Helikopter über einem schweben, weil unsere Kinder sich immer noch gegenseitig abstechen, fragt man sich, was der Ausdruck „a perfect storm“ bedeutet. Während du dich unter deine Bettdecke zurückziehst, fragst du dich, ob es Schutz vor dem Sturm gibt. Du fragst dich, ob die Schutzräume dem, was kommen wird, standhalten. Im Halbschlaf versuchst du dich an eine Zeit zu erinnern, als es noch Erwachsene gab, die Dinge wussten, als es Sicherheiten und Lösungen gab – und den Wunsch, alles Beschädigte zu reparieren.

Aber es hilft nichts. Denn wenn der Tag anbricht, stellst du fest, dass du nicht mehr in diesem Land lebst.

Suzanne Moore ist eine britische Feministin und Journalistin

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