Gut gemeint

Linksbündig Und der Oscar geht an: "Kommunistische Überwachung in grau-rabiat-eklig"

Erfolg adelt, daran besteht kein Zweifel. Ein Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film adelt doppelt. Sich ein paar Tage lang in der Sonne des Filmhimmels räkeln zu können, sei den nicht allzu verwöhnten Filmemachern gegönnt. Der Film Das Leben der Anderen samt Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und den Akteuren Martina Gedeck, Ullrich Mühe, Sebastian Koch, Ulrich Tukur und anderen ist immerhin auf internationalem Parkett nicht ins Schlittern geraten, das sollte eine Würdigung wert sein. (Auch wenn man aus der Reise nach Hollywood einen Männerausflug gemacht hat.) Minister und Parteisprecher feiern abwechselnd die deutsche Filmförderung oder das bescheidene 1,8 Millionen Budget dieser Produktion und bescheinigen dem Film einen Durchbruch. Wohin durchgebrochen wurde, lässt sich den Telegrammen an die Preisträger nicht entnehmen.

Wo andere Filmemacher einen Thriller inszeniert hätten - das Agentenmilieu ist ja keineswegs unterbelichtet - widmet sich dieser Film der Ödnis von Überwachung und Bespitzelung. Wahrscheinlich ist die Wirkung sogar der Umkehrung des Genres von spannend auf trist geschuldet. Inszeniert wie ein Kammerspiel mit einigen Ausflügen ins Grüne, wird die Bespitzelung eines Künstlerpaares dokumentiert mit allen damals verfügbaren technischen Mitteln, von denen man in der Zeit nach der Wende ausführlich gehört und gelesen hat. Hinzu kommen einige Zutaten, die eigentlich im DDR-Alltag nichts zu suchen haben: Illegale Pillen - es gab genug legale, die allemal gereicht hätten, um sich über den Ekel hinweg zu trösten, damit konnte man eigentlich keinen ködern -, erzwungener Sex zur Beförderung der Karriere - warum eigentlich, wenn die Stasi dann doch zuschlägt? - und ein erfahrener Stasi-Hauptmann, dem man die Ausbildung der jungen "Genossen" anvertraut, der aber am Ende so gerührt ist von der Redlichkeit seiner Abhörprobanden, dass er das belastende Material verschwinden lässt. Immer mit steinernem Gesicht. "Ein guter Mensch", wie ihm von der Gattin bescheinigt wird, im Gewand des Teufels. Das graue Netz allgegenwärtiger Unsicherheit überspannt eine an sich muntere Szene, sie sich gegen Ende der achtziger Jahre in fast allen Bereichen der DDR gebildet hatte und zwingt den Sicherheitsapparat in hektische Aktionen. Die folgerichtig kaum noch etwas bringen.

Was macht diesen Film erfolgreich? Das Milieu, das leichte Schauder hinterlässt? Das Gesamtgemälde "Kommunistische Überwachung in grau-rabiat-eklig?" oder der versöhnliche Schluss, der ja immerhin einigen, auch höherrangigen Stasi-Mitarbeitern Menschlichkeit attestiert? Wahrscheinlich alles zusammen. Den einen reicht die zweistündige Stippvisite im real existierenden Sozialismus, um einen antikommunistischen Reflex wieder zu beleben und endlich mit gestärktem demokratischem Selbstbewusstsein das Gesicht in die allerorten installierten Überwachungskameras zu halten. Was einer denkt, macht oder auf seinem Konto hat, braucht keine lächerlich dilettantischen Protokolle mehr, wir sind so gläsern, wie die DDR ihre Bevölkerung gerne gehabt hätte. Das Erkaufen von Wohlverhalten durch Geld oder andersgeartete Leistungen, das gemeinhin auch Korruption genannt wird - wenn davon der Arbeitsplatz abhängt, hieß das damals wie heute Erpressung -, ist in der Zeit nach der Wende keineswegs aus der Mode gekommen, eher im Gegenteil. Und selbst die, die in der DDR ganz passabel gelebt, geliebt und von der Stasi weitgehend unbeachtet existiert haben, finden ihren Part wieder. Keiner fliegt raus, nicht einmal der Stasi-Offizier, der ja das Totalüberwachungskonzept und damit einen Grundpfeiler der Sicherheitspolitik sabotiert hat. Was, in der Logik des Films, den Untergang als Staatsfeind besiegeln müsste. Tut es aber nicht. Eine Korrespondentin des Fernsehens, nach der Oscar-Verleihung gefragt, ob der Film auch im normalen Verleih der amerikanischen Ketten mit einem gewissen Erfolg laufen könnte, hatte noch eine ganz andere Erklärung: Für sie bestand die Publikumschance darin, dass den Amerikanern vorgeführt würde, was durch die Verschärfung der alltäglichen Überwachung durch Antiterrorgesetze der Regierung Bush auch auf Amerikaner zukommen könnte. Ob der Schauder allerdings ausreichend heilsam wirkt, sei dahin gestellt. Denn politisch gut gemeint ist noch lange nicht gut gelungen. Oscar hin oder her.


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00:00 02.03.2007

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