Gut so

linksbündig Muss Fernsehen denn wie Fußball sein?

Die wenigsten Fernsehzuschauer wissen, dass die Damen und Herren Christiansen, Jauch, Schmidt, Beckmann, Maischberger und auch der jetzt als Jauch-Ersatz hoch gehandelte Frank Plasberg keine Gehaltsempfänger ihrer ausstrahlenden Sender, sondern mittelständische Unternehmer mit mehreren Dutzend Angestellten sind. Sie leiten nicht nur ein Gespräch, oder etwas, das versucht, dem gleichzukommen, sondern eine Firma, die ihnen in der Regel selbst gehört. Die Sender kaufen bei diesen Unternehmen eine komplette Sendung ein, müssen also selbst weder Redakteure noch Techniker dafür beschäftigen. Bei Vertragsabschluss oder -bruch geht es also nicht nur um den Job des "Stars", sondern auch um die Jobs seiner Beschäftigten.

Nur so ist zu erklären, dass der auf dem Bildschirm scheinbar so coole Günther Jauch in den letzten Tagen auf allen Medien und Wellen so ausgerastet ist. Real Madrid schickt seinen Umsatzbringer David Beckham in die USA, weil er seine Werbeerlöse nicht mehr teilen will. So ähnlich war es jetzt auch bei der ARD und Jauch. Er wollte sich diesem "Verein" nicht komplett verschreiben, wie es Fußballfans erwarten würden. Schön wäre, wenn die ARD auch solche Fans hätte; doch da muss man lange suchen.

Bei Jauch ist nun etwas passiert, das schon bei früheren vergleichbaren Vorgängen hätte passieren können. Die ARD kaufte angebliche Stars aus dem Privatfernsehen zurück, die sie einstmals selbst ausgebildet hatte: Reinhold Beckmann, Sandra Maischberger, Harald Schmidt. Sie hat dabei ähnlich unverhältnismäßige Summen auf den Tisch gelegt, ganz so, wie es der russische Oligarch Roman Abramowitsch auch für sein englisches Imagetransfer-Unternehmen FC Chelsea London tut. Die ARD aber handelt sich mit dem ökonomischen Schaden auch einen psychologischen im eigenen Haus ein: qualifizierte Ausbildung, Treue zum eigenen Sender und gar öffentlich-rechtliche Empathie zahlen sich offenbar nicht aus.

Um diesen Unmut, der sich nicht nur in der Belegschaft, sondern auch in den ARD-Rundfunkräten artikuliert hatte, von den Entscheidungen fernzuhalten, wurden die dicksten Verträge, zum Beispiel der von Schmidt, aber auch die Rechte an der Fußball-Bundesliga, nicht mehr von ARD-Sendern, sondern an den Gremien vorbei von Tochterfirmen abgeschlossen. Der viele Millionen schwere Vertrag von Beckmann hatte zuvor im WDR-Rundfunkrat nur knapp die notwendige Zustimmungshürde geschafft. Das brachte die Intendanten auf die Idee der Tochterfirmen-Strategie, was natürlich die Begeisterung in ihren so übergangenen Kontrollgremien nicht steigerte und sie nun bei Jauch in schweres Fahrwasser hat geraten lassen. Und das ist auch gut so.

Nun werden sie nämlich gezwungen, in den eigenen Häusern nach geeigneten Lösungen zu suchen. Christiansen ist ein langjähriges Ärgernis. Das geben alle ARD-Hierarchen, so sie sich auf ein inhaltliches Gespräch überhaupt einlassen, zu. Frau Christiansen kann kontroverse Diskussionen nachweislich nicht moderieren oder gar leiten. Denkfähige Politiker haben inzwischen begriffen, dass sie ihr Ansehen durch Teilnahme an dieser Sendung nicht steigern, sondern schädigen. Die Zuschauer sind dabei, um ganz ähnlich wie zuvor beim Tatort, zuerst Spannung (soll heißen: Hass auf "die Politiker") aufzubauen, um sie während und nach der Sendung auch gleich wieder mittels folgenloser Schimpftiraden im eigenen Wohnzimmer abzulassen. Eine wirkliche Diskussion auf der Mattscheibe oder davor kommt gar nicht erst auf.

Beim vielgenannten Frank Plasberg mit seiner WDR-Sendung Hart aber fair ist das zumindest auf der Mattscheibe besser gelöst. Er lässt die Politiker nicht so einfach davonkommen wie Christiansen und wäre schon deswegen eine Verbesserung. Seine Themen und seine Gästeliste sind jedoch genauso ausschließlich auf den selbstreferentiellen Politik- und Medien-Mainstream fixiert, weshalb sich der beschriebene Zuschauer-Reflex in ähnlicher Weise wiederholt.

Angesichts dieser Verhältnisse gleicht es einem Armutszeugnis, wenn der NDR-Intendant Plog "Starqualitäten" für diese Aufgabe sucht und diese nur bei jemandem wie Jauch oder Christiansen erkennen will. Die ARD hätte eine Menge qualifizierte Alternativen, die es alle besser könnten: Anne Will, die unterforderte Gabi Bauer, der jetzt nach Moskau versetzte Thomas Roth, Randy Crott, Sonia Mikich. Friedrich Küppersbusch wird sich kaum zurückrufen lassen. Auch er hat längst seine Firma und ist fürs ARD-Programm einfach zu helle. Schade fürs Programm.

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00:00 19.01.2007

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