Gute Medien, schlechte Medien

Kommunikation Die einen organisieren mittels Blackberry Krawalle und Zerstörung, die anderen verabreden sich anschließend über Facebook zum Aufräumen

Okay, ein wenig Aufregung gibt es ja. Die martialische Werbung für das Spiel World of Tanks, die man in Kölner Straßenbahnen sehen kann, soll dann doch viele Bürger abstoßen. Dennoch dürfte sich die Debatte um die Gefahren von Videospielen in Grenzen halten, wenn die Messe Gamescom nun eine Woche lang in der Domstadt läuft. Kein Vergleich mit den Kontroversen um die Ego-Shooter-Spiele in den Nullerjahren. Natürlich war die Debatte von den schrecklichen Amokläufen jener Jahre befeuert, von Erfurt und Winnenden, aber etwas zynisch könnte man auch sagen: Die Diskursbackform „böses Medium, das von Jugendlichen gerne gebraucht wird“ wird gerade mit anderem Sand gefüllt.

Mit dem Blackberry nämlich. Vor allem die taz scheint fasziniert von der Bedeutung, die dieses etwas unförmige schwarze Ding für die britischen Randale gespielt hat. Über den geschlossenen Chat-Dienst „Blackberry Messenger“ hatte man sich zum Plündern verabredet, ohne dass die Polizei mitlesen konnte. Von einem Prestigeobjekt für alle, die in der New Economy etwas gelten wollten (und später zu iPhone wechselten), ist der Blackberry längst zu einem günstigen und unverzichtbaren Kommunikationsinstrument für Gangs und Banden geworden. Ähnlich verhielt es sich vor Jahren mit dem Pager, der in den USA von einem lebensrettenden Funkempfänger – die ersten Pager wurden 1950 von Ärzten in New York eingesetzt – zu einem unverzichtbaren Helfer für Drogendealer wurde, siehe die TV-Serie The Wire.

Schon fast vergessen hat man das Fernsehen, das in den achtziger Jahren am Pranger stand. Damals war das gute Gegenmedium noch das Buch, zum Beispiel Wir amüsieren uns zu Tode von Neil Postman, das eine Art Geisteraustreibung durch Lektüre seiner selbst versprach. Ach, es sind herrliche Zeiten für Manichäer, für Menschen, die unsere Welt in Gut und Böse einteilen wollen, streng nach Manis Lehre von den zwei Reichen, dem der Finsternis und dem des Lichts. Soll keiner sagen, dass ein rasanter technologischer Fortschritt solche mittelalterlichen Denkformen obsolet macht. Das recht genaue Gegenstück zur „Blackberry riot“ (FAS, The Economist) scheint ja die „Facebook-Revolu­tion“ in Nordafrika zu sein, quasi eine Nelkenrevolution unter den Bedigungen von social media und verschämter Angst vor dem Islamismus (merke: wer bei ­Facebook mitmacht, kann kein fanatischer Koranschüler sein).

Ja, die manichäische Weltsicht und die Interpretation von bösem Zauber und gutem Gegenzauber kann sich durch England selbst bestätigt fühlen: Nachdem die Kräfte der Finsternis dank Blackberry erfolgreich gewütet hatten, verabredeten sich die Kräfte des Lichts über Facebook und Twitter zum Aufräumen. Bei Twitter kommt man aber doch ein wenig ins Grüblen. Sagt nicht schon der Name, dass dies ein zweideutig Ding ist? Immerhin ist es nicht nur das Medium, in dem die Politik maximale Bürgernähe sucht, sondern auch der ideale Träger für einen Shitstorm. Andererseits: Warum genau will das sinistre Saudi Arabien den Blackberry verbieten? Und hat dieser CDU-Politiker, Namen schon wieder vergessen, nicht nur die 16-Jährige über Facebook kennenglernt, sondern über seiner Facebook-Sucht auch die politische Arbeit vernachlässigt?

Aller Ambivalenz zum Trotz wird das nächste böse Ding kommen. Gute Chancen hat Google, dessen Motto „don’t be evil“ auf dem Prüfstand steht. Laut Sascha Lobo häufen sich die Anzeichen, dass aus dem „good guy“ der digitalen Welt schon bald ein „bad guy“ wird.

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17:00 18.08.2011

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