Guten Morgen, du wiederkehrender Alptraum

Buchmesse Die Gegen­warts­literatur­ Argentiniens neigt eher zu Franz Kafka als zu James Joyce

Im Produzieren von Popikonen ist Argentinien erfolgreich. Gleich vier davon – Evita, Maradona, Che Guevara und der Tangosänger Gardel – sollen während der Frankfurter Buchmesse im Pavillon des Gastlandes neben anderen argentinischen Persönlichkeiten auf Stoffbahnen gedruckt von der Decke hängen. In Argentinien findet das nicht jeder gut. Als eine Schande und lächerlich bezeichnet es ein gewisser Miguel im Blog auf der Internet-Seite des argentinischen Kulturministeriums, das für die Präsentation zuständig ist. Argentinien hätte doch großartige Schriftsteller zu bieten, ein Fußballer und eine ehemalige Präsidentengattin hätten da nichts zu suchen. Mindestens zwei Autoren werden auch auf den Stoffbahnen zu sehen sein: Julio Cortazar und Jorge Luis Borges. Dabei bieten etwa 20 Neuerscheinungen diesen Herbst einen ganz anderen Blick auf Argentinien. Nur vieles von der hochkarätigen Literatur, die da zwischen den Buchdeckeln steckt, tut beim Lesen richtig weh.

Das dominierende Thema ist die Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Tat sich China als Gastland im vergangenen Jahr noch schwer mit dem Thema Menschenrechte, fördert Argentinien im Gegensatz dazu die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte durch ein breites Übersetzungsprogramm. Das hat einen Grund: 2005 wurden die Amnestiegesetze für die Täter der Diktatur abgeschafft. Argentinien befindet sich mitten in der juristischen Aufarbeitung der damaligen Verbrechen. Nach und nach packen mittlerweile vergreiste Militärs aus und landen auf der Anklagebank. Hierzulande ist über die sieben Jahre dauernde Diktatur von General Videla, die etwa 30.000 Menschen das Leben gekostet hat, nur bruchstückhaftes bekannt. Argentinien wird oft in einem Atemzug mit Chile genannt. Der dortige Putsch 1973 rief eine deutlich breitere Solidaritätsbewegung hervor. Argentinien, das nicht wie der blockfreie Allende-Sozialismus mit einem positiv wahrgenommenen politischen Projekt aufwarten konnte, wurde von der außerparlamentarischen Linken nur selten thematisiert. Dabei erreichte das System staatlicher Repression mit nächtlichen Verhaftungen, Folter und dem organisierten Verschwindenlassen von Regimegegnern in Argentinien einen traurigen Höhepunkt.

Wie dieses bizarre System aus Entführung, Folter und Mord im Detail funktionierte, beschreibt Eduardo Belgrano Rawson in seinem Roman Die Predigt von La Victoria. Panoramaartig fächert er die Ereignisse in seiner Heimatstadt San Luis im Zentrum Argentiniens auf. Dabei schildert er nicht nur die Ereignisse in den siebziger Jahren und ihre juristische Aufarbeitung in der Gegenwart, sondern auch einen Fall aus den Achtzigern, als Richter und Polizisten aus der Diktaturzeit nach wie vor im Amt waren und weiterhin folterten. Belgrano Rawson berichtet, wie Menschen in den Morgenstunden verschleppt, gefoltert, irgendwann freigelassen und tags drauf wieder verhaftet wurden. Oft wurden sie vom Militär mit einem Sack über dem Kopf auf der Landstraße abgestellt und hinterher von der Polizei mitgenommen.

Entführte Verwandte

Dieses „Weiterreichen“ der Gefangenen war Teil eines ausgeklügelten Systems staatlicher Entführungen. Auch Folterpraktiken werden detailliert geschildert: das Auskugeln von Gliedmaßen, das Unter-Wasser auchen, Elektroschocks, Schläge, Scheinhinrichtungen und der Wurf von Menschen aus Flugzeugen ins Meer. In dem fast enzyklopädischen Roman über den Terror spielen auch die zur Adoption freigegebenen Kinder linker Aktivisten eine Rolle, die erst Jahrzehnte später von ihrer wahren Identität erfuhren. Die Predigt von La Victoria, größtenteils ein Tatsachenbericht, erscheint in Argentinien erst in einigen Wochen. Im Internet findet sich auf einer Seite über die Verschwundenen der Diktatur in San Rafael ein Teil der Namen wieder, die in dem Roman auftauchen.

Wie sehr die Fiktion der historischen Realität entspricht, belegt das Buch des deutschen Anwalts Wolfgang Kaleck Kampf gegen die Straflosigkeit – Argentiniens Militärs vor Gericht. Neben den Menschenrechtsverletzungen, thematisiert es die juristische Aufarbeitung, die Rolle der europäischen Gerichte bei den ersten Anklageerhebungen und die Konsequenzen der Prozesse für die argentinische Gesellschaft. Aktuell wird der im Dezember 2009 begonnene Prozess um das größte Folterlager ESMA geführt, der ehemaligen Marineschule in Buenos Aires, in der 5.000 Menschen gefoltert und ermordet wurden. Kaleck geht auf den Antisemitismus der Diktatur ein und betont, dass es nicht nur linke Aktivisten, vor allem der peronistischen oder trotzkistischen Guerillagruppen waren, die der Staat ermordete. Diktator Videla selbst erklärte: „Terrorist ist nicht nur jemand, der eine Bombe oder eine Pistole hat, sondern jemand der Ideen verbreitet, die sich gegen die westliche oder christliche Zivilisation richten.“

Die Zeit des Terrors wird im argentinischen Sprachgebrauch als schmutziger Krieg, als guerra sucia bezeichnet. Diesen Aspekt der militärischen Auseinandersetzung mit einer bewaffneten Linken betont Martin Caparros in seinem Roman Wir haben uns geirrt. Ein 60-jähriger einstiger linker Guerillero der Montoneros wehrt sich gegen einen Opfermythos, der alle Ermordeten, wie er sagt, zu „Lämmern“ mache. Er erinnert sich an die Diktatur als verlorenen Krieg. Einem Freund, der Minister in der peronistischen Regierung ist und auf eine Politik der Versöhnung setzt, steht er kritisch gegenüber. In dem 300-seitigen, quälenden Monolog, in dem er sich immer wieder an seine seit 30 Jahren vermisste Frau wendet, reflektiert der Ex-Guerillero die militärische Niederlage, seine widerlegten politischen Ideale und die unbändige Wut, die er in Rache umwandeln will. Die Erzählung kreist um das Motiv des Verschwundenseins. Die Ungewissheit, was mit Freunden und engen Verwandten passierte, ist laut Wolfgang Kaleck bis heute für hunderttausende Menschen in Argentinien Realität.

Die Weltöffentlichkeit musste sich mit der Diktatur 1978 anlässlich der Fußball-WM in Argentinien auseinandersetzen. François Mitterand erwog einen Boykott und die holländische Königin empfing im Vorfeld des Turniers Mütter von Verschwundenen. In Deutschland standen Presse und Politik der Militärjunta weniger kritisch gegenüber. Als 1977 Pastor Helmut Frenz, damals Generalsekretär von Amnesty International, in einem Wort zum Sonntag den Fußballfunktionären ihre unkritische Haltung vorwarf, quittierte der DFB-Präsident Neuberger die Kritik mit einem Protestbrief an den SWR-Intendanten und beklagte den „politischen Zungenschlag“. Und das obwohl zu diesem Zeitpunkt der Fall Käsemann hohe Wellen schlug. Die Theologentochter war als Studentin der Berliner FU während ihres Auslandspraktikums vom Militär entführt und hingerichtet worden. Zwei Filmdokumentationen erscheinen darüber demnächst in der „Bibliothek des Widerstands“ des Laika-Verlags.

Wie bizarr die gleichzeitige Begeisterung für die Fußball-WM in Argentinien und das Leben in der Diktatur waren, schildert Raul Argemi, ein früherer linker Guerillero, der selbst zehn Jahre im Gefängnis saß, in seinem Krimi Und der Engel spielt dein Lied. Darin erzählt er aus Sicht eines Kriminellen, wie sich nach 1976 das organisierte Verbrechen veränderte. Argemi mag keine Polizisten und Detektive. „Diese Figuren sind in Südamerika nicht glaubwürdig.“ Für Argemi ist der Kriminalroman das Genre, um die soziale Realität Lateinamerikas abzubilden. Sein Erzähler erlebt das WM-Finale in einem Gefängniskeller, einen Sack über dem Kopf, während die Fußballpartie Argentinien gegen Niederlande im Fernsehen läuft. Die Bewacher treten ihm ins Gesicht, prügeln auf ihn ein, um dann begeistert für ihr siegreiches Land zu jubeln.

In Argentinien selbst spielt die Diskussion um die Fußball-WM ‘78 und ihre Rolle als Propagandaspektakel für die Militärs eine wichtige Rolle. „Und was hast du während der Weltmeisterschaft 78 gemacht, Papa?“, titelte die Zeitung Noticias zum 20. Jahrestag. Dem Zusammenhang von spezifisch argentinischem Nationalismus und Fußball geht Pablo Alabarces in seinem Buch Für Messi sterben? nach. Die Mythenlese stützt sich auf eine Analyse der Kulturindustrie, diskutiert werden das Kino, die Werbung, sowie der Sportjournalismus im 20. Jahrhundert.

Entfernte Stimmbänder

Neben zahlreichen Fußballanekdoten und historischen Hintergründen, etwa zum Ursprung der argentinisch-britischen Fußballrivalität, zeigt das Buch, wie essentiell die WM für die Diktatur war. Mit 60.000 Touristen hat man gerechnet, gerade einmal 7.000 kamen. Finanziell ein Desaster – 521 Millionen Dollar Ausgaben standen 10 Millionen Einnahmen gegenüber –, war der Imagegewinn für die Junta, die der Weltöffentlichkeit Normalität vorspiegeln konnte, aber beträchtlich.

Während der Fußball neben der Diktatur ein immer wiederkehrender Stoff ist, spielen in den Neuerscheinungen die Themen Finanzkrise, Staatsbankrott und der Quasi-Aufstand im Dezember 2001 fast keine Rolle. Lediglich bei Claudia Piñeiro, der derzeit erfolgreichsten argentinischen Autorin im In- und Ausland, wird der Niedergang des Mittelstandes durchdekliniert. Die Donnerstagswitwen sind eine Gruppe von Gattinen aus der Mittelklasse, die in einer gated community außerhalb von Buenos Aires leben. Vom Rasen über das devote Dienstpersonal bis zum Wachschutz ist alles durchdesigned – Hunden, die zu laut bellen, werden kurzerhand die Stimmbänder wegoperiert. In diese groteske Welt, die über zwei Jahrzehnte hinweg beschrieben wird, schleicht sich die finanzielle Pleite ein, bis im Dezember 2001 die Kunde von den ersten Plünderungen die Siedlung erreicht. So ironisch Claudia Piñeiro das erzählt, so offensichtlich ist die strukturelle Gewalt der beschriebenen sozialen Gegensätze. Dazu kommt die Angst vor dem sozialen Absturz, die wie ein Gift in die Siedlung einsickert und sämtliche Biografien umschreibt, bis es am Ende eine Handvoll Toter gibt.

Ebenfalls in der Gegenwart angesiedelt ist Unter dieser furchterregenden Sonne von Carlos Busqued, einem der besten, aber auch schockierendsten Romane dieses Herbstes. An allen Ecken und Enden in diesem Buch modert und fault es vor sich hin. Es geht um Entführungen, die ein ehemaliger Offizier und sein Stiefsohn durchführen. Die Opfer werden sexuell missbraucht, danach wird Lösegeld kassiert. Deren Begegnung mit einem kiffenden Arbeitslosen, der unter Alpträumen leidet und ständig Tierdokumentationen sieht, verdichtet Busqued zu einem rasanten und beängstigenden Kurzroman. Familiäre Gewalt, Sadismus und ein ganzes Repertoire feindseliger Tiere, lassen ein unglaubliches Horrorkabinett entstehen.

So verstörend viele dieser Bücher sind, ihnen gelingt etwas, das sich am ehesten mit der Schlussszene von Ricardo Piglias Roman Künstliche Atmung erklären lässt. Den 1980 veröffentlichten Buch hat der Autor mit einer genialen Strategie kryptischer Verfremdung an der Zensur vorbeigeschrieben. Am Ende des Buches wird eine grundsätzliche Unterscheidung für Literatur getroffen. Auf der einen Seite Joyce, der laut Piglia versuchte, aus dem Alptraum der Geschichte zu erwachen, um schöne Kunststücke mit Worten zu machen. Auf der anderen Seite Kafka, der jeden Morgen aufwachte, um in diesen Alptraum einzutreten und darüber zu schreiben. Die Argentinischen Gegenwartsautoren neigen eher zu Kafka

Und der Engel spielt dein LiedRaul Argemi Union, 192 S., 16,90

Die Predigt von La VictoriaEduardo Belgrano Rawson Beck, 308 S., 16,95

Für Messi sterben? Der Fußball und die Erfindung der argentinischen NationPablo Alabarces Suhrkamp, 287 S., 16

Unter dieser furchterregenden SonneCarlos Busqued Kunstmann, 192 S. 17,90

Künstliche AtmungRicardo Piglia, Wagenbach, 219 S., 19,50

Kampf gegen die Straflosigkeit Argentiniens Militärs vor GerichtWolfgang Kalec Wagenbach, 128 S., 9,90

Wir haben uns geirrtMartin Caparros Berlin, 352 S., 24

Die DonnerstagswitwenClaudia Piñeiro Union, 315 S., 19,90

Bibliothek des Widerstands, Band 8, ... dass Du zwei Tage schweigst unter der Folter! Ein deutsches SchicksalElisabeth Käsemann Laika, 19,90

Florian Schmid schreibt im Freitag regelmäßig über außereuropäische Literatur

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11:50 06.10.2010

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