Guten Tag, Mutter

Berliner Abende Kolumne

Sie sitzt unauffällig an einem Zweiertischchen. Man kann ihr ansehen, dass sie von gutbürgerlicher Herkunft ist, an der Art, wie sie zeitverzögert die Gabel zum Mund führt. Ich beobachte sie, weil sie den Blick immer wieder schräg durch den Raum in meine Richtung lenkt. Jedes Mal, wenn sie den Kopf leicht senkt, um die Gabel an den Mund zu führen, gilt ihr erster Blick wieder mir. Was sie wohl denkt? Warum starrt sie ständig zu mir? Sie wird mich mit einer Person in Verbindung bringen, die sie hasst, oder die sie liebt, denke ich mir, eine zumindest, mit der sie etwas Besonderes assoziiert. Wie sonst könnte sie jetzt, da ich sie fixiere, ertappt sein und, - das bilde ich mir vielleicht auch nur ein -, den Zipfel ihrer Serviette beschämt an den Mund führen und kurz nicken?

Sie scheint fertig zu sein; sie legt ihre Serviette neben den Teller. Auf einmal steht sie auf, geht schräg durch den Raum in meine Richtung und fragt mich, ob sie kurz mit mir sprechen könne. Ich biete ihr einen Stuhl neben mir an. "Verzeihen Sie, wenn ich Sie störe. Und bitte verzeihen Sie auch, dass ich Sie ständig angestarrt habe. Es war Ihnen bestimmt unangenehm. Sie erinnern mich an meine Tochter. Wissen Sie. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Sie hat den Kontakt mit mir abgebrochen, ich weiß nicht, wo sie lebt und ob es ihr gut geht, ich habe damals Fehler gemacht, die nicht wieder gut zu machen sind. Ich habe sie, als sie es nötig hatte, nicht geschützt, ich hätte sie schützen sollen, nicht meinen Mann, ihren Vater, es ist das Schwerste, was eine Mutter ihrem Kind versagen kann. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen das alles erzähle. Ich habe eine Bitte an Sie. Sie sehen meiner Tochter so ähnlich und - sie hat sich nicht von mir verabschiedet, als sie ging. Würden Sie mir bitte einen Gefallen tun?"

Ich schau sie kurz an. "Was wäre das?"

"Würden Sie mich zur Tür begleiten und ›Auf Wiedersehen, Mutter‹ zu mir sagen? Ich würde aus dem Lokal gehen und Sie müssen nichts weiter von mir befürchten. Ich verspreche es Ihnen."

Ich soll Sie zur Tür begleiten und mich dann von Ihr verabschieden, wie es eine Tochter mit ihrer Mutter tut? Ich nicke. "Ja, den Gefallen kann ich Ihnen tun."

Dann geht sie an ihren Tisch zurück. Sie nimmt die Tasche und geht an den Tresen, spricht kurz mit dem Kellner, lässt sich ihren Mantel bringen und umlegen.

Ich erhebe mich von meinem Stuhl, gehe ihr entgegen und begleite sie zur Tür. Zum Abschied drückt sie mir einen sanften Kuss auf die Wange. "Leb wohl, mein Herz." Und ich sage: "Auf Wiedersehen, Mutter", und drücke ihr flüchtig einen Kuss auf die Wange. Ich gehe zu meinem Tisch zurück, da erscheint sie wieder in der Tür. "Leb wohl, Tochter", und winkt noch einmal durch den Raum. "Auf Wiedersehen, Mutter", erwidere ich und wundere mich, wie beinahe schon selbstverständlich es von meinen Lippen kommt.

Eine Weile später bezahlen auch wir. "Zusammen oder getrennt?" "Getrennt".

Meine Rechnung macht weit mehr aus, als ich dachte, 150 Euro.

"Entschuldigen Sie, wir möchten bitte getrennt zahlen." "Das ist bereits die getrennte Rechnung."

"Aber hier sind zwei Essen aufgeführt; ich hatte nur eines." "Ihre Mutter sagte, Sie würden für sie die Rechnung übernehmen."

"Aber - das war nicht meine Mutter!"

Der Kellner sieht mich verwundert an. "Sagten Sie nicht eben noch Mutter - zu Ihrer Mutter?" Ich blicke zur Tür.

"Ist gut. Lassen Sie es gut sein."

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare