Gymnastik des Geistes

Sachlich richtig Sieben Sachbücher – allesamt Jubiläen betreffend – auf etwas mehr als einer halben Seite fundiert besprechen, das kann halt doch nur einer: unser Prof. Dr. Erhard Schütz
Erhard Schütz | Ausgabe 11/2014 1

Jubiläen muss man von Gedenken unterscheiden, sie sind eine Form der Rückkehr oder Würdigung von Ereignissen, mit denen etwas aufbrach. Eine Suspension des Dazwischen – alles auf Anfang gesetzt. Anders wäre kaum zu erklären, dass in den Feuilletons und in den Büchern so lange vor dem eigentlichen Datum der Erste Weltkrieg befeiert und befeuert wird. Alles drängt an die Front, obwohl vom August an noch vier Jahre Gedenkzeit sein wird. Es sei hier noch einmal betont: Aus den bereits in Stellung gebrachten schweren Geschützen ragt Herfried Münklers Der Große Krieg heraus, weil intelligent und bestens lesbar geschrieben. Raffiniert, wie Münkler mit den Erfahrungen der jüngsten Gegenwart die genuin politischen Spielräume der damals Kriegführenden neu zu interpretiert und so wiederum subkutan ein Feedback für Gegenwartsforderungen ermöglicht!

Gerd Krumeichs 101 Fragen zum Ersten Weltkrieg sind dagegen schlanke Tornisterlektüre. Man merkt aber jeder der 150 Taschenbuchseiten an, dass da aus einem immensen Fundus konzentriert wird. Tappten für Münkler die Akteure in die „Fatalismusfalle“ der Unvermeidlichkeit des Krieges, bleibt Krumeich näher an älteren Positionen einer deutschen Verantwortungslosigkeit, will aber die anderen Mächte ebenfalls nicht aus der Pflicht lassen. Zusätzlich inte-ressant zur knapp und präzise dargestellten militärisch-politischen Dimension sind die Skizzen zu Heimatfront, Kultur, Technik und Wirtschaft. Ein Tornisterbüchlein für Friedfertige.

Die Durchkäsung der Schweizer Berge im sogenannten Reduit, in das man sich vorm Fremdenansturm notfalls immer noch zurückziehen könnte, hat einen Vorläufer in Operationen, die im Ersten Weltkrieg von Österreich und Italien in den Dolomiten betrieben wurden. Auch hier wurde miniert und kontraminiert, wurden sogar ganze Bergspitzen weggesprengt. Kriegsnotwendig war das nicht, sondern sinnlos, geradezu irre. Umso grausamer für die Soldaten, die – allein schon die aberwitzigen Mengen an Sprengstoff dort hinaufzuschaffen – unter größten Strapazen reihenweise Erfrierungen erlitten und wohl in größerer Zahl daran gestorben sind als durch Feindeinwirkung. Uwe Nettelbeck, quasi ein Update von Karl Kraus unter Bedingungen der mittleren Bundesrepublik, hat das 1976 beschrieben. Jetzt ist es vom Berenberg Verlag, wie stets in einer sorgsamen Aufmachung, neu aufgelegt worden. Etwas für den Urlaubstornister dort. Man wird dann nicht mehr ganz unbefangen auf die Berge blicken.

Ernst Jünger, unser höchster Jubelgreis des großen Kriegs, wäre beinahe nicht aus Stahlgewittern über uns gekommen, hätte ihn nicht sein Vater gerade noch rechtzeitig aus der französischen Fremdenlegion geholt. Diese Fremdenlegion hatte ihren Startpunkt 1831, kein rundes Datum also, und sie besteht noch fort. Auch das nichts zum Jubeln. Indes nehmen wir das Jahr 1954, in dem offiziell der Algerienkrieg begann und im damaligen Indochina, dem heutigen Vietnam, am 7. Mai die Dschungelfestung Dien Bien Phu fiel. „Die Hölle“ genannt. „O Krieg, du Sohn der Hölle“, sagt Shakespeare. Zig Bücher und Filme haben das harte, dreckige Leben der Legionäre glorifiziert oder angeprangert und so oder so an den Legenden mitgestrickt. Eine zentrale ist die Rolle der Deutschen in der Legion. Nach 1945 gehörte es für die zum Komment, tatsächlich oder angeblich in der SS gewesen zu sein. Fantastische Zahlen kursierten, 50.000 deutsche Legionäre allein in Indochina! Ohne uns geht Krieg einfach nicht, so die Botschaft. Martin Specht schätzt, dass es von 1946 bis 1954 immerhin 35.000 in Indochina waren. Heute noch sind es jährlich fünfzig von tausend Rekruten. Durch verschiedene Biografien rekonstruiert Specht Motive und Erfahrungen, die unterschiedlichsten Einsatzgebiete bis jüngst in Afghanistan oder Mali, die unterschiedlichsten Lebenswege – zugleich eine ande-re Geschichte all der Kriege in der sogenannten Nachkriegszeit.

Die SS-Division Charlemagne wurde bestückt mit französischen Kollaborateuren, umgekehrten Fremdenlegionären. Was hätte der große Karl dazu gesagt, der nun ein wirklich stattliches Datum sein Eigen nennen kann: Am 28. Januar 2014 war Karl der Große immerhin 1200 Jahre tot, gestorben mit damals ordentlichen 66. Außer dass er den heidnischen Sachsen die Häupter einschlagen und damit quasi den kultivierenden Limes etwas nach Norden verlagern ließ, wofür ihn die Nazis als Sachsenschlächter titulierten, was sie aber den rekrutierten Franzosen nicht direkt auf die Nase banden, und außer dass er gerne in Aachen die Wellnessanlagen nutzte, weiß man nicht viel Sicheres über ihn. Auf den über 700 Seiten der Monografie von Johannes Fried findet man dieses und alles, was man an Überliefertem aus Karls Reich wissen oder als plausibel annehmen kann. Insofern arbeitet Fried wie unser Gedächtnis, indem er Konjekturen des Unabweisbaren mit dem Wünsch- und Vorstellbaren herstellt: Karl, der, hätte er damals die EU gegründet, sich nicht in Brüssel und Straßburg verschanzt, sondern allerorten vor Ort gewesen wäre. Naja, jedenfalls dort, wo angenehm zu baden war. Durch Kriegs- und Besitzmehrungsglück konnte er zumindest so spendabel sein wie die EU gegenüber den Bauern und Banken heute. Musste er auch, um die Oligarchen seiner Zeit zu beeindrucken, denn seine Chance bekam er ja nur, weil der Papst seinen Vater benötigt hatte. Was Frieds stupende, nie trockene Gelehrsamkeit auszeichnet: dass sie zwei unklare Jahrhunderte höchst anschau-lich macht. Darum müsste der Titel eher lauten: Biografie eines epochalen Reiches. Als solches dürfte Frieds Werk das ultimative auf deutschem Boden bleiben – und hätte daher etwas hochwertigeres Papier verdient.

Shakespeare hat nun im April auch seine 450 Jährchen auf dem Buckel, den er wohl gar nicht hatte. Von ihm weiß man nun auch vieles nicht, zum Beispiel, wie er wirklich aussah. Oder wer seine Stücke geschrieben hat. Umso mehr beschäftigt er Spekulanten, Spezialisten und Spinner. Gewiss jedoch dürften die Stücke in seinem Namen, wenn nicht Salafisten oder ähnliche Kulturabschaffende irgendwann die ganze Welt regieren, auch nach 1200 Jahren noch bekannt sein. (In Huxleys Brave New World – ein Shakespeare-Zitat! – ist das jedenfalls noch der Fall.) So beruhigt, kann man auch ganz klein einsteigen, im schlanken Unterwegsformat. Ein Lexikon der einschlägigen Zitate. Mit umsichtig und vielschichtig extrahierten Sentenzen für alle Lebens-, Gemüts- und Jubiläumslagen. „Ein Zirkel nur im Wasser ist der Ruhm, Der niemals aufhört, selbst sich zu erweitern, Bis die Verbreitung ihn in nichts zerstreut.“

„Was unheilbar, Vergessen sei’s. Geschehn ist, was geschehn“ (Macbeth). Der französische Anthropologe Marc Augé, seit seinen Nicht-Orten unvergessen, darf – Jahrgang 1935 – sich nun altersreif an dies und das erinnern, zum Beispiel ans Erzählen, von dem er denn auch zunächst erzählt. Über mildem Gedankenschweifen – man fürchtet schon, er habe sein Thema vergessen – kommt er dahin: Nicht um verlegte Brillen oder unterwegs vergessene Ehefrauen freilich geht es, sondern um gesellschaftlich institutionalisierte, individuell codierte Formen des Vergessens – als ein Elemen-tares des Gedächtnisses. Drei Formen macht er aus: a) die vergangenheitsbezogene Rück- oder Wiederkehr, die das Dazwischenliegende vergessen will, b) die gegenwartsbezogene Suspension, Aussetzung oder Aufhebung in einem Schwebezustand, geübt in Zeiten des Erwartens oder der Furcht, schließlich c) die zukunftsbezogene Form des Neubeginns, des Aufbruchs, der Gegenwärtiges wie Vergangenes hinter sich lässt (Baudelaires „O Tod, alter Kapitän, es ist Zeit! Lass uns die Anker lichten!“). Am Ende nennt Augé all das eine „Gymnastik des Geistes“. Doch ist es viel mehr – ein Kästchen voller Geistesperlen. „Man muss vergessen, um anwesend zu bleiben, vergessen, um nicht zu sterben, vergessen, um treu zu bleiben.“

Und nun machen wir es wie Kant, als er seinen Diener Lampe vergessen wollte. Wir schreiben es auf: Unbedingt die Jubiläen vergessen! Was heißt: Fortsetzung folgt!

Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918 Herfried Münkler Rowohlt 2013, 928 S., 29,95 €

Die 101 wichtigsten Fragen. Der Erste Weltkrieg Gerd Krumeich C. H. Beck 2014, 155 S., 10, 95 €

Der Dolomitenkrieg Uwe Nettelbeck Berenberg 2014, 144 S., mit Fotografien, 20 €

„Heute trifft es vielleicht dich“. Deutsche in der Fremdenlegion Martin Specht C.H. Links Verlag 2014, 240 S., 16,90 €

Karl der Große. Gewalt und Glaube Johannes Fried C.H.Beck 2013, 736 S., 29,95 €

Reclams Lexikon der Shakespearezitate (zweisprachig) Katrin Fischer Reclam 2014, 399 S., 9,80 €

Die Formen des Vergessens Marc Augé Matthes & Seitz 2013, 105 S., 12,80 €

Erhard Schütz war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Für den Freitag schreibt er ein- mal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte

06:00 16.03.2014

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