Haare können spalten

Serien Michael Pekler verfolgt auf Netflix die Geschichte der ersten schwarzen „Self Made“-Millionärin in den USA. Spoiler-Anteil: 19%

Das Selbstgemachte hat Saison. Wer etwas auf sich hält, bäckt sich derzeit sein Brot selbst. Das soll dann bitte schön als Zeichen von Individualität erkannt werden und davon, dass die Abhängigkeit vom sogenannten System symbolisch in Grenzen gehalten wird. Weil: Ein bisschen Autarkie hat ja noch niemandem geschadet – solange sie nicht ausartet. Interessanterweise kann sich, historisch betrachtet, mit dieser Anerkennung auch derjenige schmücken, dem es gelungen ist, später andere für sich arbeiten zu lassen: der Selfmade-Millionär. Kommt meistens aus Amerika. Hat sich vom Tellerwäscher emporgearbeitet. Und verdient, weil er – so will das der Mythos –die Armut noch am eigenen Leib erfahren hat, nun unser Lob.

Auch Madam C. J. Walker (Octavia Spencer) hat sich anfänglich die Finger dreckig gemacht, und zwar mit einem Haarpflegemittel, das noch dazu nach Schwefel riecht. Damals hieß sie noch Sarah Breedlove, litt unter Haarausfall und den Demütigungen ihres Ehemannes. Doch das Mittel gegen ihre Kopfhauterkrankung wirkte Wunder, mit dem neuen Haar kam das Selbstbewusstsein. Sie wollte anderen afroamerikanischen Frauen helfen, bot sich der Verkäuferin Addie Munroe (Carmen Ejogo), die hellere Haut hat als sie und für die sie die Wäsche wusch, als Geschäftspartnerin an. Wurde abgelehnt, weil zu dick und zu schwarz, entwendete Munroe daraufhin einige Dosen und stellte sich 1908 auf den Marktplatz von St. Louis. Und hält somit bereits nach wenigen Minuten ihre erste von unzähligen Reden in der historischen Biopic-Serie Self Made.

Tatsächlich dienen diese Ansprachen der vierteiligen Netflix-Serie als rhetorischer Leitfaden und richten sich natürlich an uns. „I have a dream of helping to better all colored women“, so Walker, „I want you all to be just like me.“ Da liegen die Dosen der zukünftigen Konkurrentin – Munroe ist der Kosmetik-Unternehmerin Annie Turnbo Malone nachempfunden – noch für 50 Cent auf einem Holzfass und interessieren niemanden. Unabhängige Frauen wünscht sich Walker, am besten als Unternehmerinnen. „God helps those who help themselves!“ Und Walker weiß auch sich selbst zu helfen: Die bald in Eigenproduktion hergestellten Mittel verkaufen sich gut, aus der Küche wird eine Fabrik, und der Weg der Expansion führt über Indianapolis bis nach New York. „All I’ve ever wanted was to help colored women“, erklärt sie wiederum gegen Ende, nunmehr als Millionärin, ihren Angestellten, die sie zu einem großen Firmenfest auf ihr herrschaftliches Anwesen geladen hat. Anstatt zu feiern, äußern die Frauen jedoch mit Transparenten und Sprechchören ihren Unmut darüber, dass die Walker-Produkte in einer Drogeriekette verkauft werden sollen. Sie haben Angst um ihre Jobs, während es Walkers größtes Anliegen geworden ist, ihr Vermögen und ihr Vermächtnis an ihre Tochter weiterzureichen. Und das Anliegen der Serie, sie dabei als gerechte und fürsorgliche Mutter zu präsentieren.

Self Made basiert auf der Biografie On Her Own Ground der Journalistin und Walker-Nachfahrin A’Lelia Bundles, die sich schon seit Jahren mit diversen Publikationen ihrer Familiengeschichte annimmt. Nicht unbedingt die beste Voraussetzung, um vom Verdacht der Hagiografie freigesprochen zu werden. Dabei böte die Geschichte der ersten schwarzen Selfmade-Millionärin, abgesehen von der gegenwärtigen guten Absicht, interessante Einsichten: Walkers Ehe mit einem Werbeagenten (Blair Underwood), der sich zunehmend in den Hintergrund gedrängt sieht, ihr Verhältnis zur ausschließlich für diese TV-Adaption lesbisch gewordenen Tochter (Tiffany Haddish) oder die Konkurrenz innerhalb der schwarzen Community, die sich in Self Made auf ein verbissenes Intrigenspiel zwischen Walker und Munroe beschränkt.

Vielleicht müssen zuerst tatsächlich konventionelle Kinofilme wie Hidden Figures – ebenfalls mit Octavia Spencer – über brillante schwarze Wissenschaftlerinnen oder Harriet – wie Self Made inszeniert von Kasi Lemmons – über die im Bürgerkrieg tätige Fluchthelferin Harriet Tubman entstehen, um ein entsprechendes Bewusstsein für die historischen Verdienste afroamerikanischer Frauen zu schaffen. Die Frage allerdings ist, bis zu welchem Ausmaß der konziliante Zweck die Mittel rechtfertigt.

Natürlich kann man Charaktere wie den Soziologen und Friedensaktivisten W. E. B. Du Bois und den Bürgerrechtler Booker T. Washington zu Randfiguren machen. Aber dann sollte es so geschehen, dass man dabei nicht das Gefühl hat, damit eine lästige Pflicht zu erfüllen. Und definitiv nicht sollte man Walker mit ihrer Kontrahentin einen fiktiven Boxkampf im Ring bestreiten lassen und versuchen, die Schwächen des Plots mit wiederholt eingestreuten Traumsequenzen zu kaschieren. Self Made ist eine mehr als dreistündige Serie, die besser als Spielfilm funktioniert hätte.

Kurz bevor sie zu den aufgebrachten Angestellten vor ihrer Villa spricht, geht Walker ein wenig mit ihrem weißen Sonnenschirm spazieren und trifft ihren Nachbarn John D. Rockefeller, der gerade auf Tontauben schießt. Sie solle eine starke Hand beweisen, so sein Ratschlag. „They don’t like it? Fire ’em.“ Da dreht sich Madam Walker um, geht wieder heim und hält eine die Arbeiterinnen begeisternde Rede über Frauenarmut.

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06:00 07.06.2020

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