Haare wie Ronald Reagan

Idole Brian Wilson, der Kopf der Beach Boys, erinnert bei seinem Konzert in Basel an einen traurigen Alleinunterhalter
Ausgabe 44/2016
1966 hatte Wilson noch die Haare schön
1966 hatte Wilson noch die Haare schön

Foto: Unimedia Images/Imago

Mit Legenden ist es so eine Sache. Man sieht ihnen ihr Genie nicht immer gleich auf den ersten Blick an. Der ältere Herr, der da auf der Bühne der Messe-Eventhalle zu Basel gramgebeugt hinter dem Flügel sitzt, gleicht eher einem in die Jahre gekommenen Alleinunterhalter. Er trägt ein schwarzes Hemd sowie den Ronald-Reagan-Gedächtnishaarschnitt in Grau. Seine Augen sind müde, sein Blick ist mal bestimmt, mal wirkt er leer. Er spricht leise und verschluckt die eine oder andere Silbe. Dann beginnt er zu singen – gebrochen, windschief und dennoch schön. Um mich herum fangen Menschen zu weinen an.

Der Mann auf der Bühne ist Brian Wilson, der 74-jährige Kopf der Beach Boys. In den frühen 60er Jahren hat er dem weißen Mittelschichtsamerika einen ganzen Kleiderschrank voll Pophits auf den Leib geschneidert. Und er schuf die beste Platte der Geschichte: Pet Sounds, das Album mit dem ikonischen Streichelzoo-Cover. Nun, fünf Dekaden später, spielt er mit seiner elfköpfigen Band in Basel bei der Baloise Session, einem der wichtigsten Musikfestivals in der Schweiz. Mit dabei im schneeweißen Anzug: Wilsons alter Beach-Boys-Weggefährte Al Jardine.

Autobiografie, zweiter Anlauf

Zum Auftakt gibt es die frühen Hits: California Girls, I Get Around oder Surfer Girl. Dann führt er mit stoischer Entrücktheit durch Pet Sounds: I Know There’s an Answer, Sloop John B, Wouldn’t It Be Nice, I Just Wasn’t Made for These Times. Als einsamer Höhepunkt dann God Only Knows. Mit zerbrechlicher Stimme wankt er durch die erste Strophe: „I may not always love you, but as long as there are stars above you ...“ Das Publikum ist – ja, so muss man es sagen – verzückt. In diesem Moment liegt ein Hauch von Transzendenz in der helvetischen Luft. Es ist traurig und schön zugleich. Sterblichkeit ringt mit Unsterblichkeit. Gegen Ende spielt die Band dann noch Good Vibrations, jenen in Musik gegossenen Weltenbrand, der in keiner sorgfältig kuratierten Topten-Liste der besten Popsongs aller Zeiten fehlen darf.

Good Vibrations ist, wie Pet Sounds, ein halbes Jahrhundert alt. Ihr Schöpfer wird, wie so viele andere seiner Generation, inzwischen als moderner Klassiker gefeiert, und Wilson feiert sich auch selbst. Etwa mit dem Band I Am Brian Wilson, seiner zweiten Autobiografie, die soeben im US-Verlag Da Capo Press erschienen ist. Seine zweite? Ja. Die erste wurde Wilson mehr oder weniger in den Mund gelegt, und stammt wohl aus der Feder von Eugene Landy, Wilsons einstigem Psychiater. Wobei das eine fast kontrafaktische Berufsbezeichnung ist. Besser wäre: Gefängniswärter. Denn Landy hielt den von Drogen, Depressionen und Psychosen gezeichneten Wilson über Jahre unter Verschluss, um es vorsichtig zu formulieren. Nun also der zweite Versuch. Die Eckpunkte der Karriere sind bekannt: ein despotischer Vater, der das Familienunternehmen Beach Boys aus dem Boden stampft. Brian als der geniale Songwriter unter den drei noch jugendlichen Brüdern. 20 Top-40-Singles allein zwischen 1963 und 1965. Drogen und Zusammenbruch. Bandinterne Streitigkeiten. Dann die Jahre der Gefangenschaft in der „24-Stunden-Therapie“ des Psychiaters Eugene Landy.

Nach dem Konzert in Basel unterhält sich ein Paar beim Rausgehen. „Es ist so schön gewesen“, schwärmt die Frau. Ihr Begleiter antwortet knapp: „Ja.“ Nach der Begegnung mit dem zerbrechlichen Titan ist es verständlich, dass einem erst einmal vor Ehrfurcht die Worte fehlen.

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