"Habe ganz vergessen, warum ich mich eigentlich umbringe"

Entdeckt Arthur Koestlers bislang unveröffentlichtes Suizid-Protokoll, Lissabon 1940

"Koestler war ein sehr tapferer Mann", erinnert sich die englische Schriftstellerin Elizabeth Jane Howard. "Er war sowohl im physischen als auch im intellektuellen Sinne sehr mutig. Nur emotionale Auseinandersetzungen mit dem anderen Geschlecht waren offenbar eine Überforderung für ihn." Sie lächelt. "Viele Männer sind so. Das hängt wahrscheinlich mit ihren Müttern zusammen." Howard, die heute in einem kleinen Dorf in Suffolk lebt, muss es wissen: Anfang der fünfziger Jahre waren sie und Arthur Koestler ein Paar. Ihre Beziehung war kurz, intensiv und endete auf eher unerfreuliche Art und Weise. Doch blieben die beiden enge Freunde. Die Schriftstellerin war ein regelmäßiger Gast im Haus am Londoner Montpelier Square, wo Koestler mit seiner dritten Ehefrau Cynthia wohnte. So dachte sich Howard auch nichts dabei, als Koestler sie Ende Februar 1983 wieder einmal anrief, um sie zum Essen einzuladen. "Aus irgendeinem Grunde konnte ich an diesem Tag nicht und sagte ab", erzählt sie. "Ich bereue das. Ich bereue das sehr." Dass Koestler seit einigen Jahren unter der Parkinsonschen Krankheit litt, wusste sie. Seine Leukämie-Erkrankung, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Endstadium befand, hatte Koestler jedoch selbst vor engen Freunden geheim gehalten. Und so hatte Howard nicht ahnen können, dass Koestler sie an diesem Februar-Tag eingeladen hatte, um sie vor seinem Tod noch ein letztes Mal zu sehen.

Arthur Koestler besaß ein apokalyptisches Temperament, war Extremsituationen stets mehr gewachsen, als den Widrigkeiten des Alltags. Ein missratenes Abendessen oder ein defekter Automotor konnten ihn zur Verzweiflung treiben, die Bedrohung durch den KGB ließen ihn hingegen kalt. Koestler fühlte sich immer dann am lebendigsten, wenn er für eine Sache stritt. Und so ist es von einer gewissen Konsequenz, dass selbst noch sein Tod im Zeichen des Engagements stand: Als sich Koestler 1983 das Leben nahm, war er bereits seit einigen Jahren Vize-Präsident von EXIT - The Society for the Right to Die with Dignity, für deren "Anleitung zur Selbsterlösung" er das Vorwort verfasst hatte. "Die Angst vor dem Zustand des Tot-Seins oder der Nicht-Existenz", so schreibt er dort, "ist die eine Sache. Die andere ist die Angst vor dem Prozess des Sterbens selbst. Es ist nur der Übergang zum ›wieder ungeboren sein‹, der aus uns allen Feiglinge macht. Die Vorstellung des Todes wäre leichter zu ertragen, wenn das Sterben weniger schrecklich und armselig wäre. Wir brauchen Hebammen, um uns zu helfen, ›wieder ungeboren zu sein‹, - oder zumindest die Sicherheit, dass eine derartige Hilfe verfügbar ist."

Dem 77-jährigen Koestler war der Gedanke an den Tod von eigener Hand niemals fremd gewesen. Im Alter von 35 Jahren hatte er sogar zwei ernsthafte Selbstmordversuche unternommen: Nachdem ihn im Juni 1940 eine Militär-Patrouille verhaftet und so von seiner englischen Freundin Daphne getrennt hatte, saß Koestler in der Uniform eines französischen Fremdenlegionärs in der Kaserne von Bayonne. Er musste damit rechnen, dass die deutschen Truppen jeden Augenblick einmarschieren und die Franzosen ihn ausliefern würden. In einem Augenblick äußerster Mutlosigkeit nahm Koestler "weiße Pillen", die ihm eine Bekannte in Paris gegeben hatte. Er erbrach die Pillen jedoch sofort wieder.

Schließlich gelangte Koestler über Casablanca nach Lissabon. Dort erfuhr er, dass sich sein Freund Walter Benjamin am 26. September 1940 das Leben genommen hatte. Einen Monat zuvor hatte Benjamin ihm in Marseilles die Hälfte seiner eigenen Morphium-Tabletten gegeben. Diese Ration, so hatte der Freund versichert, reiche aus, "um ein Pferd zu töten". In der Nachricht von Benjamins Selbstmord erkannte Koestler, der sich bislang ohne Erfolg um ein lebensrettendes Visa bemüht hatte, "die Sprache des Schicksals". Er beschloss, seinem Leben ein Ende zu setzen. Um sich "abzulenken", wollte Koestler die letzten Minuten seines Lebens für seinen Freund Dr. Benno Lévy "sozusagen wissenschaftlichen Interesses halber" protokollieren. Dies ist Koestlers (leicht gekürztes ) Suizid-Protokoll, geschrieben in einer Pension in Lissabon.


2 cellpadding=10 cellspacing=2>

In einer Septembernacht des Jahres 1940

0:55 [Uhr] Erste Dose genommen. Vier Tabletten - kenne die Dosis nicht, müssen wohl 1/2 Gramm Tabletten sein, da [sie] entsprechendes Aspirin-Format haben. Das Zeug stammt von Benjamin - ulkigerweise.

Nachher Papiere zerrissen, ein bisschen Ordnung im Zimmer gemacht. Will zweite Dose (26 Tabletten) erst nehmen wenn schon im Einschlafen bin, da mir gesagt wurde, dass Gefahr Erbrechens besteht. Wirkung soll in ca. 20 Minuten eintreten. Jetzt ist´s -


1:13 - noch keinerlei Wirkung, außer ganz leichtem Herzklopfen, leicht (manischer) Erregungszustand, Neugier (was nachher kommt - war immer etwas mystisch veranlagt). Vor dem Schlucken sah mich zufällig im Spiegel und hatte Anfall von Panik. Jetzt nichts dergleichen; auch kein Selbstmitleid. Kann natürlich immer noch nicht daran glauben, dass das Ganze unwiderruflich ist. Immer noch -.


1:20 - Keinerlei Wirkung. Auch Herzklopfen vergangen. Klingeln im rechten Ohr. Hört auf. Komme mir beschwindelt vor, nehme in 5 Minuten weitere 4. Puls 80.


1:22 - Vorher hatte ich Angst, dann kam ich mir etwas wie ein Schulbub auf Abenteuern vor; jetzt beginnt eine angenehme, gefasste Ruhe.


1:25 - Nahm weitere vier. Musste dazu aufstehen, verfiel durch Aktion in Panik, welche anhält. Stark Herzklopfen, Angst. Wird langsam etwas besser, da [ich] ruhig sitze und schreibe. Rechter Arm zittert beim Schreiben, aber Hand unter Kontrolle. Jetzt wieder ganz vergnügt, fürchte bloß den Augenblick, da [ich] nächste Dosis nehmen muss - dann gibt es wieder Panik. Habe wohl Fehler gemacht, Pillen ungekaut geschluckt, daher dauert es wohl länger. Jetzt wieder ganz vergnügt (wohl, weil [ich] keine Wirkung spüre und unbewusst ans Ganze immer noch nicht glaube).

[...]

Keiner betritt die Finsternis mit sehenden Augen.


1:32 - Wo bleibt die Wirkung? Puls 80 ...

Die ganze Schreiberei dient natürlich bloß als Ablenkung, als Blitzableiter gegen Selbstmitleid und Sentimentalität, gegen das Thema "Daphne" ... Verstehe nicht, warum immer noch keinerlei Wirkung, wage aber nicht gleich weitere Dosis zu nehmen, da Erbrechen fürchte; erst bis ich knapp am Einschlafen bin. Oder ist das ein Wiederaufflackern des Lebenstriebs, d.h. letzte Feigheit vor dem Tod? Herrgott, ist das schwer, "friedlich Einschlafen", wie man so sagt. Mir graut nicht vor den Pillen, sondern dass ich Aufstehen, sie ins Wasserglas tun, handeln muss. Erscheint mir völlig sinnlos. Habe ganz vergessen, warum ich mich eigentlich umbringe. Glaube auch kaum an die Realität, dass jetzt zu dieser Stunde London bombardiert wird und die Apokalypse über Europa hereingebrochen ist ... mache bloss noch aus Pflichtgefühl weiter mit den Pillen, weil ich mich wage erinnere, gute Gründe zum Selbstmord zu haben.


1:42 - Also weitere 4 genommen. Diesmal im Wasser aufgelöst und ohne Panik. Macht bisher 12 oder 6 Gramm; das müsste genügen, ein Pferd zum Schlafen zu bringen.


1:45 - Leichtes Besoffenheitsgefühl, d.h. Erregungszustand; recht angenehm (denke viel subtilere als niederschreibe, schreibe aber ununterbrochen, um nicht allein mit mir zu bleiben und Angst zu bekommen. [...]

- Eine Art von Platzangst - die 3 Schritte vom Tisch zum Bett zu gehen. Aber nicht Angst vor der Unwiderruflichkeit des Bettes - sondern vor dem Aufstehen und gehen, d.h. handeln. In Sevilla in der Todeszelle war es die gleiche Platzangst, bei Nacht. - Werde immer wacher. Das ist bös. Weiss nicht ob gleich weiterschlucken oder warten soll. Überdosierung hindert Wirkung? Hol der Teufel, nehme weitere 8.


1.55 - Weitere 8 in Wasser geschluckt. Macht 20. Jetzt ist es genau eine Stunde her, dass ich mich ohne nennenswerte Wirkung umbringe. Eigentlich hat der alte Koestler ganz gute Nerven, das müssen wir ihm lassen. Aber wenn er aufhören würde, noch bis zuletzt ununterbrochen weißes Papier zu beschmieren - wenn er den Mut aufbrächte aufzuhören, dann erginge es ihm schlecht ...

Denn hinter dem Bewusstsein, gleichsam im Hinterkopf, lauert der Gedanke an D.[aphne] - und wenn er sich gehen ließe, würde er windelweich. (auch ein zweiter Gedanke droht, den es abzuwehren gilt: die eigene Totenmaske, das unappetitliche und unästhetische des ganzen Tumults morgen in der Pension Leirieuse - und das Armenbegräbnis. Aber dieses bloß nebenbei; die Hauptgefahr ist, dass ich D.[aphne] Eintritt in mein Bewusstsein gestatte. Und sie will und will herein, wie der Dybuk...(dies bloß sozusagen als dichterisches Gleichnis, ich phantasiere nicht, bin völlig bei Sinnen. Aber es ist seltsam zu beobachten, dass ich zum ersten Mal im Leben eine Art von "k" geschrieben habe, wie nie vorher (oben zweimal unterstrichen), das ist Daphnes "k"..


2:10 - Außer leichter Erregung und etwas Herzklopfen immer noch nichts. Jetzt fürchte ich, dass aus dem Ganzen vielleicht nichts wird - und was mir bisher Sicherheit gab, war doch das Bewusstsein dieses Mittels in meiner Tasche. Jetzt also schlucke ich den Rest und lege mich aufs Bett; genug gespielt.. Aber es gehört bei Gott Mut dazu..

Nicht, den Rest zu schlucken - sondern bis zum Bett zu gehen..Puls immer 80.


2:15 - Schlucke den Rest - ist geschehen. Macht insgesamt 31 Tabletten. Noch zum Abschied schreibe ich mir was Schönes auf - das lese ich mir dann im Bette ein paar Mal vor - das Herbstgedicht von Rilke:


Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein,
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
neige sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr,
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben,
und in den herbstlichen Alleen,
Einsam wandeln wenn die Blätter treiben.

Nun schön, jetzt gute Nacht.

Sicherheitshalber könnte man sich ja noch die Pulsadern öffnen, aber das übersteigt jetzt meine Kraft.


2:27 - Ruhig, schön ruhig. Lege mich hin und - drolligerweise - weiß nicht ob ich morgen beim Aufwachen wirklich tot bin.. Aber bei Benji hat es gewirkt - und er starb auch erst gegen morgens.

Also Kopf hoch, wird schon schief gehen...Gute Nacht, alter Koestler.


Walter Benjamin, so schreibt Koestler in seinem autobiographischen Buch Die Geheimschrift (1954), "hatte offensichtlich einen besseren Magen". Koestler erbrach die Tabletten wieder. Danach fühlte er sich "viel besser".

Koestler und seine 56-jährige Frau Cynthia nahmen sich am Abend des 1. März 1983 das Leben. Die Leichen wurden am 3. März von der Haushälterin der Koestlers im Salon des Hauses am Montpelier Square gefunden. Der Tod war offenbar schmerzlos eingetreten. Koestler saß im Sessel, dem Fenster zugewandt, ein Glas Whiskey noch in der Hand, Cynthia lag auf dem Sofa. Auf dem Tisch fand die Polizei eine Flasche Whiskey, ein Glas Honig und eine Schachtel Tuinol, Barbiturate. Der Tod Cynthias war ein Schock für die Freunde des Paares, mit einem "Doppelsuizid" hatte niemand gerechnet. Doch offensichtlich hatte die Vorstellung eines gemeinsamen Todes für Cynthia weniger Schrecken als jene eines Weiterlebens ohne Koestler. In seinem Abschiedsbrief schreibt Arthur Koestler:

"Nach einem während der letzten Jahre mehr oder weniger ständig fortschreitenden körperlichen Verfall, hat der Prozess nun ein akutes Stadium mit zusätzlichen Komplikationen erreicht, was es ratsam erscheinen lässt, die Selbsterlösung jetzt vorzunehmen, bevor ich technisch unfähig sein werde, die notwendigen Vorbereitungen selbst zu treffen. Ich möchte meine Freunde wissen lassen, dass ich ihre Gesellschaft in einer friedlichen Stimmung verlasse, mit der kleinen Hoffnung auf ein nicht persönliches Weiterleben jenseits der Grenzen von Raum, Zeit und Materie und unseres Begriffsvermögens. Das ›ozeanische Gefühl‹ hat mir in schwierigen Momenten oft geholfen und tut es auch jetzt, während ich dies schreibe."

So starb Arthur Koestler wie er gelebt hatte. Mutig, engagiert und sicherlich bis zum Ende grenzenlos neugierig.


2 cellpadding=10 cellspacing=2>

Der Schriftsteller und Journalist Arthur Koestler wurde am 5. September 1905 in Budapest geboren. Im Wien der zwanziger Jahre wurde der Student Koestler begeisterter Zionist, Freund und Mitarbeiter Vladimir Jabotinskys. 1927-29 war Koestler Nahost-Korrespondent des Ullstein-Nachrichtendienstes, Ende 1931 trat er in Berlin der KPD bei. 1933-34 reiste Koestler mit Langston Hughes durch die Sowjetunion, 1937 spionierte er für Willi Münzenberg im Spanischen Bürgerkrieg. 1938 trat Koestler aus der KPD aus. Nach der Internierung durch die französische Regierung floh er Ende 1940 über Casablanca und Lissabon nach England, wo im selben Jahr sein Roman Darkness at Noon erschien. 1945 reiste Koestler nach Palästina um für seinen zionistischen Roman Thieves in the Night (1946) zu recherchieren, 1948 berichtete er aus dem israelischen Unabhängigkeitskrieg. Ende der vierziger Jahre war er neben George Orwell der einflussreichste anti-kommunistische Intellektuelle der westlichen Welt. 1955 verabschiedete sich Koestler von der Politik und widmete sich fortan fast nur noch seinen wissenschaftlichen Interessen. Weitere Werke (Auswahl): Ein Spanisches Testament (1938), Arrival and Departure (1943), The Yogi and the Commissar (1945), Promise and Fulfilment (1949), Arrow in the Blue (1952), The Invisible Writing (1954), The Sleepwalkers (1959), The Ghost in the Machine (1967), The Case of the Midwife Toad (1971), The Thirteenth Tribe (1976).


00:00 08.09.2006
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare