Habibi Danton

Revolution In „The Return of Danton“ suchen Geflüchtete nach Parallelen zwischen 1789 und dem Arabischen Frühling. Finden sie welche?

Mit der Fanfare der Marseillaise beginnt die Aufführung von The Return of Danton. Alle sollen es wissen: Hier spielt die Französische Revolution! Danton und Robespierre tauchen auf im historischen Bühnenbild und tragen ihre Perücken. Der eine in eine galante Konversation im Salon verwickelt, der andere steht am Rednerpult.

Mit scharfen Worten fordert Robespierre die Durchsetzung der republikanischen Prinzipien mit allen Mitteln, auch der Gewalt. Wie immer verkörpert er das Prinzip des Terrors um der politischen Idee einer Republik willen. Danton, auch er ein Jakobiner und Anti-Royalist, jedoch vom Temperament ebenso Luftikus und Lebemann, kann ablassen von politischen Gesetzen, wenn sie sich als untauglich erweisen. Damals, 1794, ist die Revolution erst fünf Jahre alt und ihre Führer streiten darüber, wie es weitergeht: Mäßigung oder Blutbad?

Kippen in die Tyrannei

Es ist nur ein Signalton, der am Beginn von The Return of Danton erklingt, kein Aufruf zur Revolution. Der Text der Marseillaise, der sich an „die Kinder des Vaterlandes“ richtet, wird ausgelassen: Zu patriotisch sind die Lyrics, um sie in einem post-nationalen Theater zu singen, egal ob auf Französisch, Deutsch oder Arabisch. Scheinbar verknüpft das Kammerspiel zwei Revolutionen miteinander: die Französische und die Syrische. Dann aber geht den Schauspielern, der Dramaturgin und dem Regisseur der Faden der Inszenierung verloren, die Leidenschaft für ein Revolutionsstück ist es schon längst. Es ist ein „Stück-im-Stück“: Die Story handelt von einer Gruppe in Deutschland lebender Theater-Profis aus Damaskus, die sich an einer historischen Adaptation von Georg Büchners Dantons Tod auf Arabisch versucht und darüber immer wieder ins Stocken gerät. Nur manchmal blitzen noch die blau-weiß-roten Farben der Trikolore in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele auf, wo das Stück seine deutsche Uraufführung feiert. Danton trägt die Kokarde an der Jackenbrust, den Button der Revolutionäre, Robespierre wischt sich mit einer meterlangen französischen Nationalflagge den Schweiß seines eindringlichen Redens ab. Er tut es erst, als er vom Rednerpult herabgestiegen ist, „backstage“ sozusagen, wenn auch auf der noch immer gleichen Bühne: The Return of Danton handelt von der Theaterprobe der syrischen Schauspieler im Exil und davon, wie sie ihre Version von Dantons Tod einstudieren.

Mit einer Vorahnung auf den deutschen Vormärz setzte Büchner viele Jahrzehnte nach dem Abklingen der jakobinischen Terrorherrschaft die Französische Revolution als Chiffre ein für das Versagen politischer Ideologien – als Warnung vor einem Kippen in die Tyrannei.

Noch mehr tut dies das Ensemble Collective Ma’louba: so der Name der arabischen Theatergruppe. Nur vier Personen tragen The Return of Danton durch seine Dialoge. Die Streitpunkte: Wer soll was spielen? Warum nicht noch einmal nachdenken über Szenen der Büchner-Inszenierung? Oder das Stück ein weiteres Mal lesen, anstatt dessen Wikipedia-Artikel für das Programmheft zu wiederholen?

Das Collective spielt den Einakter auf Arabisch, die deutsche Übersetzung wird in Übertiteln eingeblendet. Dabei leuchtet es ein, dass das Ma’louba-Stück keine Pause braucht, selbst wenn es zwei Stunden dauert. Die Handlung selbst ist die Pause: von der Inszenierung Büchners, von einpeitschenden Volksreden, von der Französischen Revolution und von den Strapazen eines Theaters, das alles will: Integration von Geflüchteten, Solidarität mit Syrien, Gelder aus den Fördertöpfen für den Kulturbereich, Gefallen beim deutschen und beim europäischen Publikum, Reflexionen zu politischer Gewalt, familiären Frieden und gut bezahlte Arbeit für Schauspieler.

Mit großer Lust am Spiel bewältigt das Collective diese Stofffülle. Mit seiner Sprache, Mimik, Gesten und mit Humor verschachtelt es die vielen Ebenen seines Stücks, sei der Inhalt noch so sinnlos und historisch unscharf. Auf die Frage der Dramaturgin, was die Syrische Revolution mit der Französischen zu tun habe, gibt es keine Antwort, sie bleibt dem Publikum überlassen. Das Collective Ma’louba ist ein arabisches Künstlerkollektiv, seit 2017 leitet Mudar Alhaggi es als Art Director. Amal Omran, die Dramaturgin, gehört zur künstlerischen Leitung. Auch die anderen drei Schauspieler zählen dazu: Mohammad Dibo, der den Danton gibt, ist ein DJ. Er schauspielert nur nebenbei und rockt die fiktive „Probenpause“ mit Musikeinlagen und langen Monologen über Drogenkonsum, bis er selbst zum Stoff greift. Mohamed Alrashi spielt seinen Robespierre mit konsequenter Strenge, in der Pause muss er eine Anfrage für eine syrische TV-Soap managen. Eigentlich will er absagen, um seinen Feinden aus dem Weg zu gehen. Aber das lukrative Angebot kann er nicht ausschlagen, auch wenn er persönlich zur Prinzipientreue neigt: Seine Frau, Cousins und Verwandtschaft drängen ihn über Sprachnachrichten mitten in den Büchner-Proben zu dem Schritt. Das macht ihn griesgrämig, und dann stimmt sein Gesichtsausdruck unvermittelt mit der Robespierre-Mimik überein. Der Regisseur im „Stück-im-Stück“ (Kinan Hmeidan) findet die überlangen Probenpausen am wenigsten lustig. Er steht unter Druck, weil er das Theaterprojekt überhaupt erst finanzieren muss. Seine Telefongespräche mit den Kulturabteilungen werden zu lustigen Einlagen. Nicht nur die bundesrepublikanische Willkommens-Förder-Wut wird persifliert, auch der Regisseur, der zum servilen Bittsteller wird, sobald er mit der Presse spricht, wird zur Parodie eines Kultur-Menschen. Es war eine kluge Idee, jede Figur in The Return of Danton mit einer Doppelrolle auszustatten: der historischen und der aktuellen, einer gespielten und einer eigentlichen. Dass die Schauspieler so grandios mit ihren Rollen jonglieren, sich ohne Zögern vom Gestern zum Heute bewegen, dann aber auch sich wieder gespenstisch ähnlich sind, „backstage“ und „on stage“, das liegt an der Schauspielkunst des gesamten Ensembles.

Bevor das Stück in die Münchner Kammerspiele kam, wurde es diesen Sommer in London gezeigt, auf dem Shubbak-Festival für arabische Kultur. Auf sehr geschickte Weise durchkreuzt The Return of Danton absichtlich nun in München die Erwartungen an einen Abend mit ebendieser arabischen Kultur und zeigt ein mehrschichtiges und unterhaltsames Stück über Theater, Politik und das Leben im Exil. Es ist für „everyone“, für jedes Publikum, das zuzuhören versteht – und hinschauen will.

The Return of Danton Regie: Omar Eleiran Koproduktion des Theaters an der Ruhr, des Maxim-Gorki-Theaters und des Shubbak-Festivals 2021 (London), Münchner Kammerspiele

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