Habitus

Fataler konformismus Die deutschen Historiker debattieren über soziale Ungleichheiten

In unserer politischen Kultur wird den Historikern ein hohes Prestige eingeräumt. Sie gelten als die Fachleute für die Erarbeitung unseres Wissens über die Vergangenheit, das unsere kollektive Identität prägt. Bei genauerem Hinsehen erweist sich die Geschichte der Historiker allerdings überwiegend mit den Ideologien der jeweiligen Zeit und ihren Machteliten verbunden. So blieb die Historiker-zunft, seit der Gründung des Verbandes Deutscher Historiker 1895 bis in die 1960er Jahre hinein, überwiegend nationalen Denkmustern zugewandt. Linke oder kritische Denkansätze wurden kaum zugelassen. Der große englische Historiker Eric Hobsbawm, hätte als bekennender, unorthodoxer Marxist in Deutschland keine Chance auf einen Lehrstuhl gehabt.

Ein irritierendes Beispiel für diesen fatalen Konformismus und die seit 1945 zeittypische Mentalität des Ausblendens und Verdrängens wurde auf dem Historikertag 1998 in Frankfurt offenbar. Dort wurden die seit den 1970er Jahren zu Ansehen gekommenen Protagonisten der historischen Sozialwissenschaft im Verlauf einer Sektion mit ihrem "braunen Unterleib" konfrontiert. Deren akademische Lehrer Werner Conze und Theodor Schieder hatten den nationalsozialistischen Wahn mit vollzogen und sich an der wissenschaftlichen Fundierung der "Säuberung" des "deutschen Volkskörpers" nach rassistischen Kriterien beteiligt. In den fünfziger Jahren passten sie sich an die Wertordnung der Bundesrepublik in ihrer konservativen Variante an, unter gleichzeitigem Beschweigen der eigenen Verstrickungen. Als diese Tatsachen 1998 vorgetragen wurden, versuchten prominente Historiker wie Wolfgang J. Mommsen oder Jürgen Kocka zunächst ihre Lehrer zu verteidigen, bis die Macht der Nachweise schließlich siegte.

Alle zwei Jahre kommen die Historiker und die Geschichtslehrer Deutschlands zu einem Historikertag zusammen, diesmal nächste Woche in Dresden. In ihrer Geschichte hat die deutsche Historikerzunft den dominanten Habitus des spezialistischen Fachwissenschaftlers hervorgebracht. Wissenschaftler, die diesen engen Regeln nicht entsprechen, haben nur selten eine Chance. Zwar gab es immer wieder kurzzeitige Öffnungen. In den siebziger Jahren für die Arbeitergeschichte und -kultur; ein Jahrzehnt später forderte dann die "Neue Geschichtsbewegung" der Bundesrepublik die Zuwendung zur Geschichte der Menschen vor Ort, des Stadtteils oder von benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Hinter diesem Perspektivenwechsel zur Geschichtswürdigkeit des Alltagslebens stand ein Demokratisierungsanspruch, das Recht auf die "eigene" Geschichte auch "einfacher" Menschen. Diese Bewegung ist weitgehend verschwunden, dagegen wechseln die Deutungsansprüche der jeweiligen "turns", des der linguistic, cultural oder visual turn.

Von Pierre Bourdieu hätte man in den letzten Jahrzehnten dagegen lernen können, wie eine (selbst)kritische Befragung der eigenen wissenschaftlichen Arbeit und ihrer kulturellen Bedingungen aussehen kann. Der Habitus eines kritischen Historikers, der die Kenntnisse des Geschehenen mit Urteilsfähigkeit zu den widersprüchlichen Entwicklungen der Gegenwart verbinden kann, wäre ein Gewinn für die demokratische Kultur.

Im diesjährigen Schwerpunkt "Ungleichheiten" spiegelt sich der Habitus der Fachhistoriker in einer Vielzahl von Spezialthemen, aber auch in Sektionen wie Geschlechterspezifische Ungleichheit bei Gesundheit und Krankheit oder in vergleichenden Untersuchungen über soziale Ungleichheiten im Sozialstaat wieder. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte von Reichtum und Armut in Deutschland und der Bedeutung, die die aufklaffende Einkommensschere für die Lebensqualität der Menschen hat, ist auf dem Historikertag jedoch nicht zu erwarten.

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