Habt ihr den Beat?

Szenenwechsel Tamer Yigit verzweifelt an vier Rappern, die ihren Text nicht draufhaben. Ansonsten? Eine Begegnung in Kreuzberg, Musik mit Leck-Mich-Haltung und Flucht ins Theater

Das Studio ist eine Ein-Zimmer-Wohnung in der Wiener Straße in Berlin-Kreuzberg. Mit mir, dem Produzenten und den vier Rappern wird es eng. Ich höre den Beat heute zum ersten Mal, es knallt ganz ordentlich, nicht zu langsam, typisch Berliner Untergrund Gangsta Rap, fiese Synthesizer, elektronische Beats, gothic-lastige Streicher, nichts Neues, aber gut, ich bin natürlich gespannt wie die Jungs am Mikro abgehen.

Der erste Rapper bricht nach drei Zeilen ab, er schaut in seinen Text, wirkt nervös, dann versucht er es nochmal und bricht wieder ab. Ich frage was los ist, er sagt, dass er seinen Text noch nicht drauf hat, ich bin überrascht. Wie lange habt ihr schon den Beat? Er sagt seit vier Wochen. Ihr habt den Beat seit vier Wochen und du hast deinen Text nicht drauf? Ich denke mir, was für ein Spast. Nach einer Stunde ist der Albtraum vorbei, bleiben noch drei übrig.


Der Nächste nuschelt irgendeinen Scheiß von Nutten, Straße, Plattenbau, Asphalt, Kreuzberg, Drogen und Bla Bla Bla, immer der gleiche Scheiß, wie beim Schlager. Am Anfang spannend, nach fünf Minuten zum Kotzen. Ich breche die Aufnahmen ab, wir hören uns das bisherige Ergebnis an. Es sind 16-jährige Kanaken, die mir vom Leben auf der Straße erzählen, ich frage nach, ob sie das Lied alle mal zusammen geprobt haben, nein, sagen sie, wir haben unsere Texte erst vor zwei Tagen geschrieben.

Wieso ruft ihr mich ins Studio, wenn ihr unvorbereitet seid? Weil wir dachten, dass du uns beim Einrappen helfen kannst, kommt es irgendwie heraus. Ich kann euch nur helfen, wenn Ihr Euch vorbereitet, wie oft seid Ihr durch eure Texte gegangen, habt Ihr überhaupt mal über Eure Texte geredet, was seid Ihr denn für eine Gruppe, das was Ihr hier rappt, hab’ ich schon hundertmal von anderen viel besser gehört. Ich kann euch nicht mal verstehen, Ihr macht einen auf dicke Hose, aber Ihr könnt nicht mal richtig Deutsch, wenn Ihr auf Deutsch rappen wollt, dann lernt erstmal die Sprache, wenn nicht, dann lasst es mit dem Rappen sein oder rapt in einer anderen Sprache. Ihr nuschelt am Mikrofon, als würdet Ihr an einer Titte nuckeln, Ihr wollt was erreichen, also müsst Ihr Euch einfach mehr Mühe geben. An diesem Abend haben sie alle eingerappt, aber das Ergebnis wurde nicht besser, ich habe ihnen vorgeschlagen erstmal den Bandnamen zu ändern, mehr Songs zu produzieren und erst dann ins Studio zu gehen, wenn sie den Scheiß auch drauf haben.

Eine Woche später treffe ich einen der Rapper in der Wrangelstraße vor einer türkischen Kneipe wieder, er trägt einen Kapuzenpullover, den er über den Kopf gezogen hat. Mir fällt das erste Mal auf, dass er was von einer Ratte hat, er erzählt mir, dass die Gruppe sich aufgelöst hat und ich denke mir, kein Wunder, ihr ward ja auch echt mies, dann legt er los, Bruder, diese ganzen Kanaken hier sind echt Scheiße, diese ganzen Verlierer, die sind nur am Kiffen und bauen Scheiße, ich habe keine Lust mehr auf diese Typen, ich denke jeder in der Gegend denkt genauso.

Die Ratte, wie ich ihn von jetzt an nenne, verabschiedet sich von mir und verpisst sich um die Ecke, ich schaue ihm hinterher und denke: ein Bilderbuch-Verlierer, 16 Jahre alt, Kanake, Schule geschmissen, Junkie Kiffer, ich bestelle mir einen türkischen Tee und genieße die Kälte auf der Straße. Nach fünf Minuten kommt die Ratte zurück, oh Mann Bruder, ich kann einfach nicht aufwachen, ich brauche einen Joint, ich lache, er schaut mich fragend an, ich sage Fußball und gehe weiter.

Rap aus Berlin ist so typisch für die Stadt

Seitdem ich in die Muckibude gehe, höre ich auch wieder verstärkt Rap-Musik, ich habe fast 20 Jahre lang Rap gehört, irgendwann entdeckte ich Krach für mich, Metal, Death Metal, Black Metal, aber auch Krach, einfach brutale Krachmusik, je brutaler und negativer desto besser. ,,Burzum“ zum Beispiel ist eine total kranke Band aus Norwegen, der Sänger ist ein Nazi, der selbst alle Instrumente spielt und wegen Mordes für zwanzig Jahre im Knast sitzt.

Rap aus Berlin ist so typisch für die Stadt, irgendwie einfach nur Berlin, die Geschichten, die erzählt werden laufen wie Filmbilder vor meinen Augen ab, sie machen mich aggressiv, bringen mich zum Nachdenken und oft berühren sie mich. Die Musik ist viel politischer als viele denken, sie hat eine absolute Leck-Mich-Haltung. Lehrer und Politiker kriegen es am meisten ab, Lehrer und Politiker finde ich auch zum Kotzen, spannend sind auch gerade die Sachen aus Ostberlin, weil es einfach nicht nach Osten klingt.

Im Netz höre ich den Song „hart und stolz“, im Forum diskutieren die Leute, ob der Rapper ein Nazi ist. Einige Stimmen sagen, „und wenn schon, er macht Straßenmusik, er ist der Stolz aus dem Osten, alle Rapper dürfen stolz sein auf ihre Herkunft, aber die deutschen Rapper dürfen es nicht“. Schwarz, rot, gold, hart und stolz, ein Hammer-Song, einfach Berlin, ich gehe jetzt schnell ins Theater, bevor die Ratte zurückkommt.

Tamer Yigit, geb. 1974 in Berlin, ist Schauspieler und Regisseur. 2006 beteiligte er sich als Regisseur am Festival Beyond Belonging am Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU), wo er inzwischen drei Stücke inszeniert hat. Neue Räume entdecken, so beschreibt er seine künstlerische Vision. Dies versucht er auch bei seiner Arbeit mit Jugendlichen, die in einem schwierigen sozialen Umfeld leben. Für den Freitag schildert er exklusiv in einer regelmäßigen Kolumne Eindrücke aus seiner Welt und erzählt von ihren Menschen. Er lebt in Berlin-Kreuzberg.

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15:00 18.03.2009

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