Barbara Streidl
25.04.2010 | 17:00 1

Haderthauers kalte Küche

Familienquote Bayerns Sozialministerin will eine „neue konservative Leitkultur“. Die wachsende Zahl der Kinderlosen hätte das Nachsehen

Weg mit der Frauenquote, hier kommt die Familienquote! Nichts anderes hat Bayerns CSU-Sozialministerin Christine Haderthauer gerade für das öffentliche Dienstrecht gefordert: „Ich will, dass bei gleicher Eignung Bewerbern mit gelebter Familienerfahrung der Zuschlag gegeben wird“. Und die verheiratete Mutter zweier Kinder kann noch deutlicher: „Familien-Engagement muss endlich karrierefördernd wirken statt karrierehemmend“. Die Ministerin spricht sich für eine „neue konservative Leitkultur für Familien“ aus.

Wer in ihr Schema nicht passt, sind jene, die keine Kinder haben, denn Haderthauer findet: „Es muss zum guten Ton gehören, sich persönlich um seine Kinder zu kümmern“. Haderthauer ist offenbar Fan des heftig kritisierten Betreuungsgelds. Doch sie will nicht nur die Frauen zurück an den Herd führen durch eine staatliche Unterstützung, die in Zukunft jene erhalten sollen, die ihr Kind selbst betreuen statt in die Kita zu bringen. Sondern auch die Männer dorthin locken. Die Küche bleibt nur dann kalt in Haderthauers Idealwelt, wenn im Haus keine Kinder sind. Und das kommt in Deutschland ziemlich häufig vor.

Klassisch konservativ werden hier zusammenlebende Menschen ohne Kinder nicht als Familie wahrgenommen, unabhängig von den Gründen für die Kinderlosigkeit, die von „ich will nicht“ bis „ich kann nicht“ sehr unterschiedlich sein können. Das bedeutet übrigens auch, dass Menschen, die vielleicht keine eigenen Kinder haben, sich aber um Angehörige kümmern, auch nicht den Vorstellungen der neuen konservativen Leitkultur entsprechen. Dabei würde unsere Gesellschaft ohne sie schon lange nicht mehr funktionieren – über 70 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland werden zuhause von ihren Angehörigen versorgt.

Trotz der viel diskutierten Kinderfeindlichkeit in Deutschland und anderen Ländern sind Kinderlose im Berufsleben nicht immer im Vorteil – besonders, wenn es Frauen sind.

„Verteufelte“ Frauen

Das hat im vergangenen Jahr eine Studie der britischen Wissenschaftlerin Caroline Gatrell gezeigt. Sie fand heraus, dass kinderlose Frauen von Vorgesetzten „verteufelt“ werden würden, weil es ihnen irgendwie an „grundlegender Menschlichkeit“ fehle. „Die Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass berufstätige Frauen einfach immer verlieren, egal, für welche Option sie sich entscheiden“, so Gatrells Bilanz.

Das ist schon fast eine Binsenweisheit, die auch hierzulande gültig ist: Berufstätige Frauen sind einer Lose-lose-Situation ausgesetzt. Mütter gelten als nicht belastbar, da sie ständig mit dem Kind beschäftigt sind, das sie auch in Abwesenheit von der Arbeit ablenkt. Hinzu kommen Probleme durch Krippen-Schließzeiten, Kopfläuse und Kinderkrankheiten. Frauen ohne Kinder gelten als gefühlskalt, man sagt ihnen Karrieregeilheit und Unambitioniertheit gleichermaßen nach. Angeblich machen sie Vorgesetzten schöne Augen. Und haben bis Mitte 40 das Handicap, vielleicht doch noch schwanger werden zu können.

Auch wenn Meldungen über Geburten-Rekordjahre immer wieder durch die Medien gehen – rein statistisch steigt der Anteil der Kinderlosen in Deutschland. Die Auswertung der „Neuen Daten zur Kinderlosigkeit in Deutschland“ des Statistischen Bundesamts, für die alle 15- bis 75-jährigen Frauen im Jahr 2008 befragt wurden, bestätigt: Immer mehr Frauen sind kinderlos. 2008 hatten 21 Prozent der 40- bis 44-Jährigen keine Kinder zur Welt gebracht. Unter den zehn Jahre älteren Frauen waren 16 Prozent und unter den zwanzig Jahre älteren nur 12 Prozent kinderlos. Zwei Drittel der 32,5 Millionen Frauen in Deutschland betreuten 2008 keine Kinder im Haushalt – auch, weil die Kinder bereits ausgezogen waren. Und nur 25 Prozent der Frauen lebten zu diesem Zeitpunkt mit wenigstens einem minderjährigen Kind zusammen, so das Statistische Bundesamt.

Theorie und Praxis

Bei diesen ganzen Zahlen fehlen natürlich die Männer, die in Sachen Kinderlosigkeit statistisch schwerer zu erfassen sind als die Frauen – bei denen wird einfach zwischen gebärend oder nicht unterschieden. Das unlängst veröffentliche „Männermanifest“ der Grünen sagt zwar: „Gerade junge Männer haben mittlerweile den Anspruch, Kind(er), Karriere, Engagement und Freizeit miteinander vereinbaren zu können, anstatt sich für das eine oder gegen das andere entscheiden zu müssen.“ Doch Theorie und Praxis stimmen nicht wirklich überein. So hat eine Studie des Deutschen Jugend-Instituts nachgewiesen, dass über 90 Prozent aller jungen Männer Kinder wollen. Dennoch sind 26 Prozent der 45- bis 50-jährigen Männer in Deutschland kinderlos, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin untersuchen ließ.

Wie stehen denn nun die Menschen ohne Kinder da? Der kürzlich verabschiedete Bundeshaushalt für 2010 sieht 6,54 Millionen Euro für Familien vor, es wird besonders in das Elterngeld investiert, aber auch in die Erhöhung des Kindergelds, in den Kinderzuschlag und in den Ausbau der Kinderbetreuung. Davon profitieren die Kinderlosen eher wenig, sieht man einmal vom Gefühl der Solidarität und von Arbeitsplätzen im Erziehungsbereich ab. Seit 2005 müssen Kinderlose ab dem 23. Lebensjahr in der sozialen Pflegeversicherung einen Beitragszuschlag bezahlen, und zwar in Höhe von 0,25 Prozent ihrer beitragspflichtigen Einnahmen.

Quote bleibt nützlich

Auch wenn es erst einmal wie die gesetzliche Vorlage für eine Benachteiligung aussieht, ist die Idee der Familienquote von Christine Haderthauer eigentlich nicht schlecht. Denn Engagement für andere sollte gerade in unserer leistungsorientierten Ellbogen-Gesellschaft positiv bewertet werden. Und da ein gleichberechtigtes Arbeitsleben nach wie vor noch nicht erreicht ist, bleiben Quoten nützliche Instrumente. Doch Kinderlosigkeit darf niemanden auf eine Außenseiterrolle reduzieren, weder gesetzlich noch gesellschaftlich.

Demnach kommt es auf die Definition von Familie an. Deutlich visionärer als das Leitbild der CSU ist da der entsprechende Begriff vom Zukunftsforum Familie: „Familie ist überall dort, wo Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, Sorge tragen und Zuwendung schenken.“ Diese Erklärung könnte eine Basis für eine Familienquote sein, da sie niemanden ausschließt, sondern unterschiedliche Lebensmodelle toleriert.

Barbara Streidl, Jahrgang 1972, ist freie Journalistin und Mitautorin des Buches . Sie gehört zum Team der Mädchenmannschaft und bloggt dort regelmäßig.

Kommentare (1)

fruehauf 26.04.2010 | 20:23

Plädieren Sie tatsächlich für eine wie auch immer definierte Familienquote als Zugangsbeschränkung für Stellen?

Verbesserungen für Lebensgemeinschaften mit Kindern, für Menschen, die andere pflegen - ja, unbedingt, da gibt es noch viel zu tun. Zum Beispiel finde ich, dass ich als relativ gut verdienender Single mehr Steuern zahlen müsste. Aber wie ich lebe, möchte ich nicht von potenziellen Arbeitgebern bewertet sehen.

Wäre vielleicht eine Freitagsfrage, aber vielleicht antwortet / kommentiert erst ja jemand hier.